Partisanin gegen Lynchjustiz

AUS KÖLN SINA A. VOGT

Familiengerichte, die Frauen zum Tode verurteilen, weil sie außerehelich Sex hatten – Mina Ahadi ist empört: „Das passiert heute, im 21. Jahrhundert“. Die Exil-Iranerin mit Wohnsitz in Köln engagiert sich in einem Netzwerk gegen so genannte Ehrenmorde. Sie will die Selbstjustiz ächten. Ihre „Kampagne gegen Ehrenmorde“ haben Ahadi und ihre Mitstreiterinnen vor Wochenfrist auf einer Konferenz zum internationalen Frauentag in Köln vorgestellt.

Ahadi warnt Mitteleuropäer vor falsch verstandener Toleranz: „Immer noch sagen viele, das sei Teil der Kultur, da wolle man sich nicht einmischen. Aber ich habe vor dreißig Jahren im Iran gelebt, da haben wir Frauen Miniröcke getragen – und heute soll es zu unserer Kultur gehören, ermordet zu werden für Sex außerhalb der Ehe?“ In einer Studie der Vereinten Nationen wird von jährlich 5.000 Mädchen und Frauen ausgegangen, die Opfer von Ehrenmorden werden. Auch in Deutschland: Zwischen Oktober 2004 und Juni 2005 wurden hier fünf Morde an Frauen bekannt, die offenbar im „Namen der Ehre“ begangen wurden. Unter ihnen die 23jährige Hatun Sürücü, die aus einer Zwangsehe geflohen war und von ihren Brüdern gerichtet wurde.

Mina Ahadi wurde 1956 in einer kleinen Stadt in der Provinz Teheran geboren, wo sie mit ihren vier Geschwistern nach dem frühen Tod des Vaters von der Mutter alleine großgezogen wurde. Die Mutter blieb als Witwe unverheiratet. Sie trug wie alle Frauen der Stadt auf der Straße den Tschador, der als Umhang um Kopf und Körper gewunden wird. Zu Hause las sie Bücher, hörte Nachrichten im Radio. Und sie ermöglichte es der Tochter, mit 18 ein Medizinstudium in Tabriz zu beginnen.

„Die ersten zwei Tage an der Uni trug ich noch den Tschador, dann warf ich ihn weg. Dann trug ich noch zwei Tage Kopftuch, dann warf ich auch das weg“, erinnert sich Mina Ahadi. In den Siebziger Jahren diskutierten auch an iranischen Unis linksorientierte StudentInnen den Sozialismus – und Wege, den Schah zu stürzen. Mina Ahadi und ihr Mann waren politisch aktiv. „Ich habe schon immer für die Frauenrechte gekämpft“, sagt Ahadi. Als Khomenei 1979 ihre Uni besuchte, sprach sie auf einer Gegenveranstaltung vor 2.000 Frauen gegen das Kopftuch. Mit Folgen: „Am nächsten Tag durfte ich nicht mehr zur Uni, kurz darauf wurde mein Mann verhaftet, drei Monate später sah ich seinen Namen auf der Liste der vom Regime Hingerichteten.“

„Es geht um Frauen, die in Deutschland leben und vom Tode bedroht sind: Wir sollten nicht mehr weggucken“

Alleine geht sie nach Teheran, zieht nach einem Jahr in kurdisches Gebiet nahe der irakischen Grenze. Dort schließt sie sich einer kleinen Gruppe von Partisanen gegen die Mullahs an. Behandelt verwundete Kämpfer und lernt ihren zweiten Mann kennen: „Heute frage ich mich, wie ich das ausgehalten habe, auf so engem Raum zu leben, mit schlechter Versorgung, wir hatten über fünf Jahre kein frisches Obst.“

Immer wieder fliehen Mitglieder der Gruppe nach Europa. 1990 gelingt auch Ahadi die Flucht – nach Wien. Erst dort erfährt sie, dass sie schwanger ist. Als ihr Ehemann ein Jahr später nachkommt, ist die Tochter schon geboren. Mina Ahadi lernt deutsch und macht einen Kurs in Altenpflege.

1994 kommt ihre Mutter aus dem Iran zu Besuch. Bei der Rückkehr wird sie verhaftet und zwei Wochen lang nach dem Aufenthaltsort der Tochter befragt. Schließlich hält sie nicht mehr stand, warnt nach ihrer Entlassung aus der Haft als erstes die Tochter. Mit ihrer Familie muss Mina Ahadi erneut fliehen, diesmal nach Köln. Seit 1995 lebt sie in Nordrhein-Westfalen, zusammen mit einigen der Familien, die sie bereits aus dem Partisanenlager kannte. Dann wird auch die zweite Tochter geboren: „Meine Töchter konnten durch den Kontakt zu diesen Familien etwas von ihrer Herkunft erfahren. Sie kennen dadurch Gleichaltrige, die ähnliches erlebt haben und fühlen sich normal.“

In Deutschland fährt Mina Ahadi fort, ihre Stimme für Frauen-Rechte zu erheben. Sie schreibt Artikel, spricht auf Kongressen. Immer öfter hört sie von einem grausamen Verbrechen, dem vor allem Frauen zum Opfer fallen: Steinigung. „Als ich dort groß geworden bin, hat es das im Iran nicht gegeben. Heute veröffentlicht das Regime die Vornamen der Verurteilten in der Zeitung und kündigt die Steinigungen an.“

Die Verurteilte wird bis über die Brust in den Boden eingegraben. Steine, die laut iranischem Strafgesetzbuch „nicht so groß sein sollen, dass die Person bei einem oder zwei Würfen getötet wird, die nicht so klein sein sollen, dass man sie nicht mehr als Steine erkennt“, werden geworfen, bis das Opfer qualvoll stirbt, manchmal erst nach Stunden. Eine Hinrichtungsmethode mit vorislamischen Ursprung, heute wird sie vor allem in Iran, Pakistan, Nigeria und Sudan vollstreckt. Steinigungen werden gegen Frauen und auch Männer verhängt, die die „Ehre“ durch außerehelichen Sex verletzt haben. Frauen droht dieser Tod auch nach einer Vergewaltigung.

„Steinigungen sind legalisierte Ehrenmorde“, meint Mina Ahadi und gründet im Jahr 2000 das Komitee gegen Steinigung – heute ein internationales Netzwerk von rund 200 Einzelorganisationen. Auch durch Proteste bei Regierungen und dem EU-Parlament konnten Steinigungen verhindert werden, wie die von Amina Lawal in Nigeria.

Mina Ahadi ist durch ihre Bekanntheit im Iran und auch der Türkei längst Kontaktperson vieler Frauen in Not geworden: „Gerade hat mich eine Frau aus der Türkei angerufen. Ihr Schwager will sie umbringen, weil ihr Mann denkt, sie habe einen Geliebten“, berichtet die Fünfzigjährige.

Die neue Kampagne gegen Ehrenmorde wird unter anderem von der Kurdin Fatma Bläser unterstützt – seit 30 Jahren lebt sie in Deutschland und ist ihrer Zwangsheirat entflohen. Auch Ayaan Hirsi Ali, die niederländische Abgeordnete, die wegen ihres Filmes ‚Submission‘, einer Anklage gegen die Unterdrückung der Frau im Namen des Islam, unter Todesdrohungen lebt, engagiert sich gegen Ehrenmorde. Die deutsche Frauenrechtsorganisation „Terre des femmes“ sei Mitorganisatorin, so Mina Ahadi. „Es geht nicht um muslimische Frauen, um Ausländerinnen – es geht um Frauen, die in Deutschland leben und vom Tode bedroht sind. Wir sollten uns entscheiden, nicht mehr wegzugucken.“