tomste mit nach du bist deutschland? von WIGLAF DROSTE

Der deutsche Mann Mitte 30 zerfällt in zwei Gruppen: die eine muss Tomte heißen, die andere muss Tomte hören. Beide können einem tüchtig leid tun – welche von beiden mehr, ist allerdings noch nicht raus.

Tomte sind so musikalisch wie ein Ikea-Regal. Diese Feinfühligkeit teilen sie mit ihren Zuhörern. Wenn der Tomte-Sänger „Alles was du mir bedeutest“ sprechschreit, sind alle zufrieden: Der Mann kann nicht singen, die Band kann nicht spielen, und das Publikum fühlt ebenfalls nichts. Das nennen die Heiopeis vom Marketing Synergie-Effekt und Symbiose.

Dass vier Fünftel der Band Tomte von Hamburg nach Berlin umzogen, muss man überall lesen und hören, wo am Tropf hängende Musikjournalisten ihre Flatrate-Texte absetzen. Dergleichen kennt man von Putenschnitzelface Ben Becker, der seinen Umzug von Berlin-Mitte nach Berlin-Kreuzberg vermittels einer Pressekonferenz in den Rang einer Nachricht erhob.

An der skrupellosen Null Becker sind auch Tomte geschult. „Mein Vater hatte Multiple Sklerose“, erzählt der Sänger ungefragt in Interviews. Geschmeidig weiß sich unsere halbkritisch auftretende Vierteljugend den Bedürfnissen des Konsumismus hinzugeben. Es genügt längst nicht mehr, die eigene Haut auf dem Markt zu verhökern – ein ordentlicher Schuss Schicksalsmelodie muss schon mit dabei sein, und da macht sich ein MS-Sterbevater gut für einen, der sonst nichts ist oder hat.

Dass der Sohn die verdienten Ohrfeigen nicht bekommt, liegt in der Natur der Sache: Ein MS-Kranker kann nicht mehr richtig zulangen, ein Toter schon gar nicht. Gestraft ist der Tomte-Sänger dennoch. Wer ohne Schamgefühl ist und sein Privates an die mediale Glocke hängt, ist dazu verurteilt, im Saft des eigenen Schwachsinns zu schmoren.

Die Betriebswirte-Interessengemeinschaft Tomte wird das nicht stören, der Laden läuft, und im „Du bist Deutschland“-Popsegment hat man einen guten Platz erobert zwischen all den anderen musikalitäts- und talentfreien Existenzen, die zwar nicht wissen, wie man einen Song schreibt, aber ein Produkt designen können. Darin sind Tomte Anfang 2006 die besten.

Die Ablösung im Hauptsache-deutsch,-dann ist-dumm-sogar-noch-besser-Gewerbe steht allerdings schon parat. Das Ohrfeigengesicht Peter Lohmeyer, ein Mann von unterirdisch funkelnder Intelligenz, die sogar bei seinem Lieblingsclub Schalke 04 verhaltensauffällig wirkt, nahm gemeinsam mit Heino Ferch und Max Raabe das Fußball-WM-Einschleimlied „Schieß den Ball ins Tor“ auf. So schmierig die Trittbrettnummer ist – man muss fast dankbar sein. Denn wenn Lohmeyer seine klottendoofe Klappe sonst zum Singen aufmacht, vergewaltigt er Songs von Hank Williams. Und steht, ich habe es erlebt, in der Garderobe und fragt jeden, der es nicht hören will: „Soll ich unter der Jeansjacke ein Hemd anziehen? Oder ist nackt drunter besser? Und wie findest du meine Schlangenlederstiefel? 1.000 Dollar, aber manchmal muss man sich entscheiden. Geil. oder?“

Ja, manchmal müssen die Deutschen sich entscheiden. Für Du bist Deutschland, für Peter Lohmeyer, für Tomte. Es ist ihnen nicht zu helfen. Warum also sollte man es tun?