Bundesführerin der Deutschen Freischar: "Revisionismus nicht mit uns"
Die Kluft des "Sturmvogel": Fahrtenhemd mit unverdächtigem Emblem. Ist er eine Pfadfindergruppe wie viele? Karin Peter, Bundesführerin der "Deutschen Freischar", zieht Grenzen nach Rechts.
taz: Gleiche Kluft, gleiche Denke, schnell wird so geurteilt? Wie grenzt die bündische Jugendbewegung sich von den extrem-rechten bündischen Gruppen ab?
Karin Peter: "Rechts" und "links" sind keine besonders funktionalen Kategorien. Es gibt in unterschiedlicher Ausprägung konservative bündische Gruppen und solche, die diesen Begriff für sich ablehnen. Zu einem gewissen Grad sind alle bündischen Gruppen konservativ, wegen Werten und Formen, ohne die Gruppen und Bünde nicht existieren wollen: Verbindlichkeit, gemeinsame Kluft, Feuerrunden, ... Intoleranz und Revisionismus sind aber für viele bündische Gruppen nicht hinnehmbar. Eine Reanimation im historischen Wandervogeldress mit entsprechenden Attitüden wird abgelehnt, auch ein unreflektiertes Weiterstricken an einer übergreifenden Reichsidee. Solche Ideen rechtslastiger Gruppen schließen die aufklärerischen und autonomiebewussten Freiheitsforderungen der bündischen Jugend aus; sie betonen völkische und nationalistische Gedanken.
Die Wurzeln der bündischen Jugend liegen in den Wandervogel- und Pfadfinderbünden zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Eine antimodernistische Bewegung. Gab es damals schon Debatten um völkische Ressentiments?
Karin Peter (44) ist Bundesführerin der "Deutschen Freischar". Seit 1946 besteht die "neue" Freischar, die heute um die 500 Mitglieder hat. Zwischen 1926 und 1933 bestand die Freischar mit ca. 12.000 Mitgliedern.
Bündische Jugendgruppen veranstalten Fahren und Lager, ihre Wurzeln liegen in den Wandervogel- und Pfadfinderbewegungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Das bündische Erbe ist ein kompliziertes. Wenn sich Jugendliche aber mit ihren bündischen Vorfahren beschäftigen, haben sie persönliche und direkte Anknüpfungspunkte und können sich den Irrungen und Wirrungen des 20. Jahrhunderts stellen. Die Bezeichnung "antimodernistisch" würde in den Bünden sicher akzeptiert, nicht aber "antimodern". Die Freiheit des Einzelnen, die Gleichberechtigung aller stand in der bündischen Jugend schon immer völkischen Ideen, wie der Unterwerfung des Einzelnen unter den Volkskörper oder der Höherwertigkeit deutscher Kultur, entgegen. Klar ist, dass nach Versailles – auch bereits ausgehend von der deutschen Nationalbewegung des 19. Jahrhunderts – quer durch die deutsche Gesellschaft ein Bekenntnis zu "Volk und Nation" vorherrschend war. Die "alte" Deutsche Freischar hat jedoch 1929 das Buch "Lieder der Bündischen Jugend" herausgegeben und darin die Nationalhymnen aller europäischer Staaten und der USA abgedruckt. Dafür wurde sie von anderen Bünden als "nicht national gesonnen" kritisiert.
Von einer Instrumentalisierung des bündischen Denkens und Lebens darf bei den extrem-rechten Gruppierungen nicht ausgegangen werden?
Diese Bünde nutzen, dass in den 20er-Jahren die bündische Jugend sich überwiegend zu einer nationalen Gesinnung bekannte. Die weitere Geschichte blenden sie jedoch aus, wie auch die kritische Auseinandersetzung. Die bündische Geschichte ist nach 1945 längst ein weit größerer Zeitraum als zwischen 1898 und 1933. Zu ihr gehören auch die Waldeck-Festivals, das Folk-Revival der 60er Jahre und das Engagement vieler Jugendbewegter in der 68er Bewegung – bis in die Führungsgruppen des SDS.
Grenzen zur extremen Rechten werden gezogen ...
Nicht bloß mit Statements. Im Mittelpunkt unseres Bundeslebens steht ein Leben nach eigener Bestimmung und eigener Verantwortung, das das bewusste Erleben von Natur, Gemeinschaft, aber eben auch von Toleranz und Offenheit einschließt. Die Mitarbeit in Parteien oder Vereinigungen, die diese Grundsätze missachten, ist mit der Mitgliedschaft bei uns unvereinbar.
Wie schätzen Sie den Sturmvogel ein?
Der Sturmvogel ist offenbar eine Vereinigung, die sich anders verhält als die Freischar.
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen
meistkommentiert