Das steinerne Gesicht von Berlin

Senatsbaudirektor Hans Stimmann wird heute 65 Jahre alt. Im Herbst geht der ungeliebte Verfechter der „Berlinischen Architektur“ in den Ruhestand. Angst und bange ist ihm deswegen nicht. Schon vorher hat Stimmann Berlin „kleingearbeitet“

Das letzte Mal, dass Hans Stimmann so richtig polterte, war vor knapp fünf Jahren. Die Rathauspassagen, donnerte da der Berliner Senatsbaudirektor, gehörten weg. Am besten, meinte der damals 60-Jährige, „man schmeißt darauf eine Bombe“.

Nun ist es nichts Ungewöhnliches, dass der mächtigste Mann des Berliner Baugeschehens ab und an den Poltergeist gibt. Seine „Bombendrohung“ aber kostete ihn beinahe Kopf und Kragen. Mit im Raum, in dem die besagten Worte fielen, waren nämlich zwei Vertreter des US-Handelsriesen Wal-Mart, der in den Rathauspassagen gerne investiert hätte. Bomben auf Städte, und das zwei Wochen nach dem 11. September 2001, da gab es auch für Hans Stimmann keinen Polterbonus. Nach zahlreichen Rücktrittsforderungen musste er klein beigeben und nahm seine Drohung zurück. „Dieser Ausdruck hat in einer städtebaulichen Debatte nichts zu suchen“, hieß es in einer kurzen Erklärung. „Ich möchte mich entschuldigen, dass dieser Ausdruck in dem Arbeitsgespräch von mir ausgesprochen wurde.“

Fünf Jahre später sitzt Hans Stimmann in seinem Büro in der Behrenstraße und schlägt erstaunlich leise Töne an. „Es hat mir nie gefallen, als Poltergeist zu gelten“, sagt Stimman. „Wie jeder, will auch ich geliebt werden.“ Heute wird der ungeliebte Mann, der das Gesicht Berlins nach der Wende prägte wie kein anderer, 65 Jahre alt.

Zu den leisen Tönen gehören auch die Aufgaben, die Stimmann für einen möglichen Nachfolger sieht: „Wie stellt sich die Stadt den demografischen Herausforderungen? Wie geht sie mit der Alterung um? Wie steht es um die sozialen Sicherungssysteme?“ Sollte der Senatsbaudirektor plötzlich auch die weichen Themen der Stadtentwicklung im Blick haben? Nicht mehr nur Architektur und Städtebau und damit das „steinerne Berlin“?

Mitnichten, meint er. Zumindest darin bleibt er sich treu: Im Glauben daran, dass soziales Verhalten ein Spiegel des gebauten Raums ist. Oder andersherum: Dass man mit Architektur den Menschen bessern könne. Und wenn die Architektur schlecht sei, wie er einmal über das Neue Kreuzberger Zentrum am Kottbusser Tor sagte, müsse sie eben weg. Basta.

Als Hans Stimmann vom damaligen Bausenator Wolfgang Nagel (SPD) als Senatsbaudirektor nach Berlin geholt wurde, muss dem geborenen Lübecker die wiedervereinigte Metropole wie ein urbanes Sodom und Gomorrha vorgekommen sein. Der Investorenbeauftragte des Senats, Hanno Klein, war gerade einem Briefbombenattentat erlegen. Im Feuilleton der FAZ wurde munter über Hochhäuser und experimentelle Architekturen debattiert. Es war das Jahr, in dem der Bundestag sich mit knapper Mehrheit für Berlin als Parlaments- und Regierungssitz aussprach.

„Wenn ich jemanden zwinge, so zu bauen, ist das doch keine Geschmacksdiktatur“

„Das war eine Zeit der Euphorie, in der die Investoren glaubten, alles durchsetzen zu können. Manche glaubten sogar, sie bekommen schon am nächsten Tag eine Baugenehmigung“, erinnert sich Stimmann an sein erstes Berliner Jahr. Und auch daran, wie er diesem Druck widerstand. „Da brauchte es starke Nerven und eine feste Überzeugung davon, was eine europäische Stadt zu sein hat.“

Stimmann hatte beides, und davon nicht zu wenig. Bauvorhaben um Bauvorhaben nahm er sich vor und stutze Investoren- wie Architektenträume auf das, was als sein Vermächtnis bleiben wird: die so genannte „Berlinische Architektur“ sowie eine „kritische Rekonstruktion“ des Stadtraums. Da spielte es auch keine Rolle, dass der Begriff der „Berlinischen Architektur“ auf den nationalsozialistischen Vordenker Arthur Moeller van den Bruck zurückging. Und auch die „kritische Rekonstruktion“, ein Begriff, den der inzwischen verstorbene Architekt Josef Paul Kleihues im Zusammenhang mit der Internationalen Bauausstellung 1987 prägte, brachte durchweg andere, modernere Architekturen hervor als die, die Jahre später unter ihrem Namen firmieren sollten.

Doch Begriffe wie diese waren Stimmann ohnehin nur Mittel zum Zweck. Was er wolle, hat er selbst einmal so formuliert: Ihm gehe es darum, jedes noch so große Bauvorhaben „kleinzuarbeiten“. Und das ist ihm auch gelungen, höhnte Peter Richter vor kurzem in der Sonntags-FAZ: „Kleiner als es ist, kann Berlin nicht mehr bearbeitet werden.“

Das sieht Hans Stimmann naturgemäß anders. Vor sich die neueste Broschüre über den Molkenmarkt und das Klosterviertel, wo demnächst ebensolche Townhouses gebaut werden sollen wie am Friedrichswerder, wehrt sich der ungeliebte Senatsbaudirekor gegen eine weitere Gemeinheit – den Vorwurf, ein Geschmacksdiktator zu sein.

„Das wird immer wieder von der Journaille kolportiert“, schimpft er. „In Wirklichkeit gibt es eine irrsinnige Vielfalt an Architektur in Berlin. Keine andere Stadt in Deutschland leistet sich so viel internationale Architektur.“ Warum aber dann die immergleichen Natursteinfassaden mit den immergleichen Fensterlöchern? „Da gibt es keinen Automatismus“, behauptet Hans Stimmann – und formuliert ihn im gleichen Atemzug doch. „Wer sich mit der Stadt beschäftigt, beschäftigt sich auch mit dem städtischen Haus. Und das hat seine Gliederung. Wenn ich jemanden zwinge, so zu bauen, ist das doch keine Geschmacksdiktatur.“ Es sind Sätze wie diese, die die Gegner Stimmanns gleich reihenweise auf den Plan gerufen haben. Der Architekturkritiker Michael Mönninger verglich den Gestus des Senatsbaudirektors einmal mit „Chruschtschow’scher Wut“. Die Sonntags-FAZ nannte ihn den „Heino der Berliner Architektur“. Mit dem einen Unterschied nur, „dass bei ihm eben nicht geschunkelt, sondern geschinkelt wird“.

Damit ja keine Missverständnisse aufkommen, hat der schinkelnde „Heino“ nun seine eigene Bilanz vorgelegt: Ein fast 500 Seiten starkes Opus, in dem der „Architekturkritiker“ Martin Kieren dem Werk seines Meister lobhudelt. Und mit ihm den Untergang Berlins und der „europäischen“ Stadt des 19. Jahrhunderts beklagt, wie Nikolaus Bernau in der Berliner Zeitung schrieb: Die Moderne habe die bürgerliche Gesellschaft und deren Stadt zerstört. „Differenzierter“, so Bernau, „wird es leider nicht.“

Doch dann kam, suggeriert das Opus, Hans Stimmann nach Berlin, und alles wurde gut. Angesichts solcher Wirkmächtigkeit muss dem einen oder anderen bange werden, wenn Stimmann zum Ende der Legislaturperiode in den Ruhestand geht. Wer wird denn dann das steinerne Gesicht von Berlin verkörpern? Schlägt dann etwa die Stunde der Avantgarde, die die Hauptstadt mit Glasfassaden und baulichen Skulpturen überzieht?

Stimmann weiß, dass er all das nicht befürchten muss. Berlin ist im Wesentlichen fertig gebaut, auch wenn der ein oder andere Traum, den er vor zehn Jahren mit seinem „Masterplan“ für Berlin in die Welt posaunte, nicht mehr Wirklichkeit werden wird.

So kommt es, dass der Senatsbaudirektor vor seiner Pensionierung beinahe heiter wirkt: Auf die Frage, wo er Besucher in Berlin am liebsten hinführe, antwortet er nicht mit der Friedrichstraße. „Ich gehe mit denen zur Marienkirche und sage, hier war die Altstadt von Berlin.“ Vor ein paar Jahren hätte er noch gesagt: „Hier wird die Altstadt von Berlin wieder aufgebaut.“ Danke, Hans!