Bandsalat für Kannibalen

ZOMBIES Vom Entsetzen auf dem Elternabend zur Vorlesung im Theater: Jörg Buttgereit bereitete dem Splatterfilm eine Hommage im HAU 2

Wenn im gediegenen Gruselkino die Kamera dezent den Blick abwendet, wird sie im Splatterkino erst richtig rege. Hervorquellendes Gekröse, durchtrennte Kehlen, lustvolle Wundinspektionen bilden das visuelle Standardrepertoire. So besehen wirkte das Bühnenbild im HAU 2 am Mittwoch wie ein bewusst gesetzter Kontrapunkt: fünf Stühle, fünf Mikrofone, dezent ausgeleuchtet, im Bildhintergrund Texttafeln, beim Publikum dann noch ein Sofa. Von der Dominanz des Visuellen beim Splatterfilm, um den es gehen sollte, keine Spur.

Das überraschte auch insofern, da Regisseur Jörg Buttgereit als Berliner Underground-Urgestein in seinen Filmen eine deutliche Bildsprache pflegt und es daran in seiner „Rough Cuts“ überschriebenen Reihe von Soireen zu randständigen Formen des Unterhaltungskinos bislang nicht mangeln ließ.

Sein live aufgeführtes Hörspiel „Video Nasty“, ursprünglich 2005 für den WDR produziert, erinnert an die Achtzigerjahre, als der Videothekenboom eine Schwemme reißerischer Horrorfilme nach sich zog, nicht wenige davon aus der kommerziellen, aber sehr preisbewussten italienischen Filmproduktion: Zombies am Glockenseil, in der Karibik, der Fabrik und wo nicht noch.

Was heute holzig unbeholfen oder mit seinen grellen Überzeichnungen unfreiwillig komisch wirkt, hatte seinerzeit, auch aufgrund des Ruchs von Milieu, der die Videokultur als halböffentliches Distributionssystem umgab, außerplanmäßig einberufene Elternabende und Überstunden bei der Bundesprüfstelle zur Folge. Die anfangs in Ausschnitten gezeigte ZDF-Reportage „Mama, Papa, Zombie“ von 1984 führt ein ganzes Ensemble von betroffenen Lehrern und entsetzten Eltern an. Ein tendenziöses Machwerk, schon deshalb von einigem kulturhistorischem Wert – und heute zum Schreien komisch.

Buttgereits anschließende Hommage an den Videoabend mit schmieriger Kost aus der Eckvideothek – passend unterbrochen von Bandsalat und zwischendurch geholtem Bier – sorgte denn auch mit bewusst gestelzten Dialogen, hanebüchenen Wendungen und liebevoll eingesetztem Splatter-Kokolores eher für ausgelassene Stimmung. In Anlehnung an Marino Girolamis „Zombies unter Kannibalen“ weisen hier mysteriöse Vorkommnisse in einem New Yorker Hospital die Spur zu einem verrückten Wissenschaftler in der Karibik, der dort unter Kannibalen schaurige Zombie-Experimente durchführt.

Aufgeführt wurde das in szenischer Lesung, zwei der Sprecher, Claudia Urbschat-Mingues und Lars Eidinger, spielten zugleich auf dem Sofa die Videoglotzer vor dem Fernseher, die das Geschehen medienhistorisch situierten und den nötigen Distanzrahmen schufen, während Jan Hufenbach mit einer Sammlung zweckentfremdet eingesetzter Alltagsgegenstände eine erstaunlich gelungene karibische Klangkulisse zauberte. Jörg Buttgereit selbst steuerte mit einer beeindruckenden Bandbreite gutturaler Äußerungen wahlweise den Kannibalen- oder Zombiemob akustisch bei.

Zerrissen hat es einen der Sprecher an einer Stelle dieser herrlich abstrusen Splatter-Räuberpistole noch gleich dazu. Wenn auch nur vor Lachen.