Punktsieg der Impotenz

Roland Mosers Literaturoper „Avatar“ am Musiktheater im Revier. Peter Schweiger inszenierte in Gelsenkirchen den komisch-phantastischen Stoff, der in einer etwas absonderlichen Arzt-Praxis spielt

„Avatar“ ist eine Geschichte aus der Mitte des fortschrittsgläubigen 19. Jahrhunderts und aus Paris, der Hauptstadt der Epoche. Sie verweist auf die einstigen Erwartungen hinsichtlich zunehmend entgrenzter Möglichkeiten der Medizin. Zugleich scheint sie noch aus dem Geiste E. Th. A. Hoffmanns zu stammen: Der Komponist Roland Moser bearbeitete Théophile Gautiers faszinierende Erzählung in der Manier des Mozart-Librettisten Lorenzo da Pontes, dessen „So machen es alle“ (“Così fan tutte“) sogar wörtlich zitiert wird.

Im Zentrum stehen phantastische Begebenheiten im Ordinationszimmer des alternden Okkultisten Dr. Balthasar Cherbonneau, der offensichtlich auch Experte der Psychoanalyse wie der Parapsychologie ist. Er wird – ein schöner alter Opern-Topos! – von seiner Haushälterin mit dem Temperament des Südens betreut. In Gelsenkirchen heizt Birgit Brusselmans mit dem Charme der Bodensee-Region ein. Durch den Arzt erfährt der liebeskranke lebensmüde Octave Linderung seiner Nöte. Der mit Menschenversuchen befasste Medizinmann überträgt dessen Geist und Seele in den Körper eines durch seinen schillernden Ruf angelockten polnischen Grafen. Bei relativ hoher Raumtemperatur versetzt er beiden Delinquenten einen elektrischen Schlag mit dem Mesmerschen Apparat. Denn – welch ein Zufall! – die Gräfin ist das so lange unerreichbar gebliebene Objekt der Begierde des behandlungsbedürftigen jungen Herrn. Doch der verpatzt die Chance seines Lebens: Bei der ersten Begegnung mit der Gräfin tritt er allzu euphorisch und verklemmt auf – der Dame dünkt dies merkwürdig. Auch scheint er des Polnischen nicht (mehr) mächtig. Sie wird misstrauischer.

Der Liebhaber in der Körperlichkeit des Ehemanns wirkt herzanrührend neben der Kappe (Günter Papendell akzentuiert das Weichlich-Verwöhnte des höheren Sohns vorzüglich). Den polnischen Aristokraten, der in Novelle von 1856 noch Labinski hieß, benannte der historisch kundige Komponist in Anspielung auf eine tragikomische Begebenheit im Freundeskreis von Frédéric Chopin um (den zum Karol Czosnowski Geadelten gibt Nyle P. Wolfe mit seiner voluminösen Stimme als besonnenen Mann des Second Empire). Rasch erkennt Graf Karol, daß er Frau und gesellschaftliche Stellung nur zurückgewinnen kann, wenn er das Äußerste wagt. Das fällige Duell bricht der junge Mann jedoch regelwidrig ab (falls er schösse, würde er ja auch auf „sich“ zielen). Vor allem eingedenk seiner Impotenz bei der Gräfin gibt er sich geschlagen. Gemeinsam ersuchen die Zweikampfpartner den Docteur Cherbonneau um Rückübertragung von Seelen und Geistern – und zum zweiten Mal vollzieht dieser den „Avatar“. Bei dem bleibt Octave leblos auf der Walstatt der Medizin liegen und dem Doktor (sehr stimmig: William Saetre) nichts übrig, als mittels eines dritten „Avatar“ den eigenen Geist der Leiche anzuverwandeln.

Roland Moser spart das Happy End bei Grafens aus. Überhaupt unternahm der Komponist, der 1943 in Bern geboren wurde und seit 1984 an der Musikakademie Basel lehrt, gegenüber Gautiers Novelle einige beziehungsreiche Retuschen vor. Z. B. fixierte er die Handlung auf 1846 und damit auf jenen Zeitpunkt, an dem Heinrich Heine in Paris sein Testament machte. In der Partitur wimmelt es von Anspielungen auf Musik des 20. Jahrhunderts, zuvorderst auf Erik Satie und dessen Wiedergewinnung von Ausdruckslosigkeit und Langsamkeit. Mitreißend gerät diese Literaturoper nicht gerade, trotz eines ausladenden fulminanten Terzetts der drei Protagonisten. Das Werk erweist sich als das feinsinnige Konstrukt eines kulturhistorisch beschlagenen Akademikers: ein anheimelnder Anachronismus. Die Nachzuckungen der Pionierzeit des medizinisch-technischen Fortschritts klammert Moser mit „musique d‘ameublement“ aus. Peter Schweigers zurückhaltende Inszenierung nutzt die schönen Bilder von Stefanie Pasterkamp pfiffig.

Intendant Peter Theiler hat eine ganze Menge dafür getan, dass sich das Opernunternehmen in Gelsenkirchen wieder besser in der Region und in der von knapp 400.000 auf 270.000 Einwohnern geschrumpften Stadt verankert. Drei Theaterpädagoginnen locken Grundschüler zum „Hör-Lernprogramm“ ins Theaterzelt, die eingekürzten und durch Moderation aufgelockerten Produktionen der Reihe „Opera breve“ Hauptschüler ins Große Haus und Musicals oder Rockopern die jungen Erwachsenen, die sich gegenüber dem Musiktheater eher abstinent verhalten. Nun hat er ein intellektuell unterhaltendes Stück mit Konversationsmusik präsentieren lassen und damit einen Schatz im Silbersee versenkt.