Den Bart zu tragen ist leichter

INTERSEX Intergeschlechtliche Menschen sind seit Langem Gegenstand normierender, irreversibler medizinischer Eingriffe. Im Nono-Verlag ist nun ein Buch erschienen, in dem Betroffene ihre Stimme erheben

VON MALTE GÖBEL

Ai-Chih Chiu aus Taiwan erfuhr mit 18, dass sie sowohl mit weiblichen als auch mit männlichen Genitalien auf die Welt gekommen war. Der Befund von damals war handschriftlich und auf Englisch. Ai-Chih Chiu verstand nur ein Wort: „Pseudohermaphrodit – es klang nach einem Monster.“ Erminia aus Italien kam mit 19 in eine Klinik für „Störungen der Geschlechtsdifferenzierung“ und fühlte sich dort wie in einer Parallelwelt mit Ärzten, die sie aufschnitten und anderen Ärzten zeigten. „Ich wurde gemessen und analysiert wie eine Labormaus.“ Belin Inan aus der Türkei wuchs als Mädchen auf und bekam als Teenagerin Pillen und Spritzen, weil Stimmbruch und Bartwuchs einsetzten. Mit 17 wurde sie an Klitoris und Eierstöcken operiert, vorher schickte man sie zum Psychiater. Der fragte nur: „Wie geht’s? Geht’s dir gut? Magst du Kinofilme?“ Die ersten Barthaare wuchsen Maira K. aus Berlin mit 19. Jahrelang hatte sie danach ständig eine Pinzette dabei, um die Härchen auszureißen.

Geschichten von Inters* – so lautet ein eher neuer Sammelbegriff für intergeschlechtliche Menschen, der Selbstbezeichnungen wie „Hermaphroditen“, „Zwitter“ oder „Herms“ einschließt – sind sehr unterschiedlich und gleichen sich doch: In kaum einer Kultur der Welt ist ein Platz für sie vorgesehen. Ein Mensch muss Mann oder Frau sein, ein Dazwischen ist nicht akzeptiert. Falls ein Kind mit nicht eindeutigen Geschlechtsmerkmalen geboren wird, sahen es Ärzte bisher meist als ihre Aufgabe an, dem Kind ein klares Geschlecht zu verpassen, um es „normal“ aufwachsen zu lassen.

Sie ist eine Frau und Mutter, aber sie hat für Frauen ungewöhnlich starken Bartwuchs. Seit ihrer Jugend schämte sie sich und zupfte die Haare einzeln aus. Bis sie nach 20 Jahren den Bart einfach wachsen ließ

Vor zwei Jahren wurde zur ersten Berliner Inter*tagung aufgerufen und eben diese Praxis beklagt: „Die Gewalt an uns Inter*s beginnt oft schon, bevor wir uns überhaupt klar werden können, wer oder was wir sind. Unsere Körper werden untersucht, analysiert, normiert, misshandelt und fehlbehandelt, vermessen und zugerichtet. Unsere Seelen werden dem Diktat der Zweigeschlechternorm unterworfen, bis wir unser ‚Anderssein‘ und dessen Bekämpfung als unser persönliches Schicksal verinnerlicht haben.“ Seit einigen Jahren kritisieren Inter*s immer lauter, dass medizinische Experten den Diskurs prägen. Nun sprechen sie selbst: Am vergangenen Sonntag präsentierte der Nono-Verlag das Buch „Inter. Erfahrungen intergeschlechtlicher Menschen in der Welt der zwei Geschlechter“. Es enthält Texte und Kunstwerke von intergeschlechtlichen Menschen aus aller Welt: subjektive Eindrücke, Gedanken und Erfahrungen sowie aktuelle Informationen.

Die Präsentation beim Verein TransInterQueer (TrIQ) in Kreuzberg war gut besucht, alle Plätze besetzt mit rund 50 Menschen, darunter zwei Kinder, die Stimmung fröhlich und gelöst. Dan Christian Ghattas, einer der vier Herausgeberinnen, erklärte, wie es zum Buch kam: Intergeschlechtliche Menschen sind in der Öffentlichkeit weitgehend unsichtbar. Zudem gab es bisher kaum deutschsprachige Bücher zum Thema – wenn, dann meist Abhandlungen über sie, aber noch keine von Inter*s selbst verfasste Literatur.

Die Erfahrungsberichte aus Italien, der Türkei, Taiwan, Costa Rica und anderen Ländern erzählen von Verletzungen, Schweigen, Verstecken und Scham, von Ohnmacht gegenüber medizinischen Maßnahmen. Die Lektüre macht betroffen, doch es gibt auch positive Beispiele: Erminia beschreibt ihre Freude, eine Gynäkologin zu finden, die sie nicht als interessanten Fall behandelte, sondern als Mensch. Ai-Chih Chiu aus Taiwan berichtet von der solidarischen Inter*-Community der USA und dem positiven Feedback auf ihre eigene Aktion „Free Hugs with Intersex“.

Dass es verschiedene Abstufungen von Intergeschlechtlichkeit gibt, zeigt der Bericht von Maira K. aus Berlin. Sie ist eine Frau und Mutter, aber sie hat für Frauen ungewöhnlich starken Bartwuchs. Seit ihrer Jugend schämte sie sich und zupfte die Haare einzeln aus. Bis sie nach 20 Jahren den Bart einfach wachsen ließ und eine erstaunliche Erfahrung machte: „Den Bart zu tragen ist leichter, als ihn zu verstecken.“ Sie erntet komische Blicke, fühlt sich aber viel mehr sie selbst und folgert: „Ich finde es wichtig, dass wir, die – in welcher Form auch immer – besonders sind, sichtbar werden, dass wir keine Scheu mehr haben, uns zu zeigen, ganz selbstverständlich da zu sein.“

Eine solch selbstermächtigendes Fazit zieht auch Belin Inan aus der Türkei. Das Aufschreiben ihrer Geschichten ist zugleich Aufarbeitung des Erlebten und Signal nach außen: „Schweigen vergiftet uns. Das einzige Gegenmittel ist reden, auf diejenigen zu kotzen, die uns verurteilen, uns unterdrücken und, falls wir das nicht schaffen, uns mit unseren eigenen Leuten auszukotzen, zu sagen: ‚Mich gibt es!‘ “ Dass es sie gibt, vermittelt im Buch auch eine Fotostrecke von Del LaGrace Volcano, auf denen Inter*s porträtiert werden, sowie Bilder und Zeichnungen von Ins A Kromminga.

Dazwischen findet sich ein bemerkenswerter Text. Er ist fiktiv, aus der Sicht eines Arztes geschrieben, der mit einem geschlechtsuneindeutigen Neugeborenen konfrontiert wird. Was soll er tun? Wäre es nicht schlimm für das Kind, zwischengeschlechtlich aufzuwachsen? Würden andere Kinder es nicht hänseln? „Ich, der Arzt, habe hier die einmalige Gelegenheit, alles richtig zu machen, die unvollkommene Natur vollkommen zu machen. Wir können ein armes Kind vor einem grausigen Schicksal retten.“ Autor Dan Christian Ghattas lässt diese Überlegung, von der sich viele Ärzte leiten lassen, unkommentiert. Viele Inter*s und ihre Unterstützerinnen fordern, geschlechtsangleichende Operationen erst vorzunehmen, wenn sich ein Mensch selbst dazu entscheidet.

In Deutschland kann seit dem 31. Januar 2013 das Geschlecht in der Geburtsurkunde leer gelassen werden, falls das Kind nicht eindeutig einem der beiden Geschlechter zugeordnet werden kann. Aktivistinnen kritisieren, dass so die Intergeschlechtlichkeit des Kindes bei allen Rechtsgeschäften offenbar wird – und so nur noch mehr Druck auf Eltern und Ärztinnen liegt, das Baby schnell an ein Geschlecht anzupassen. Inter*-Organisationen fordern daher, bei allen Kindern auf einen Geschlechtseintrag zu verzichten.

■  Elisa Barth, Ben Böttger, Dan Christian Ghattas, Ina Schneider (Hrsg.): „Inter. Erfahrungen interschlechtlicher Menschen in der Welt der zwei Geschlechter“. Nono-Verlag, Berlin 2013. 124 Seiten, 12 Euro, www.nono-verlag.de