Ein Käfig voller Narben

Hollywood mochte sich Lesben und Schwule nie anders vorstellen als krank, schräg und verrückt oder aber – Ausdruck höchster Aufmerksamkeit – bemitleidenswert

Eine wirklich gute Liebesgeschichte ist immer traurig und sieht kein Happyend vor. Das war schon bei Shakespeares „Romeo und Julia“ so – und das funktioniert unabhängig vom Geschlecht, das der oder die Liebende begehrt. Anders als im wahren Leben sind es nur die tragischen Begebenheiten, die sich in unsere Herzen bohren und uns schluchzend bis zum Abspann mit einem „Ach, wie schön traurig!“ im Kinosessel dahinschmelzen lassen.

So funktionierte „Vom Winde verweht“ oder „Titanic“ – um nur die erfolgreichsten dieser Gattung zu nennen. Und „Brokeback Mountain“ tut es ihnen gleich. Doch musste die cineastische Welt wirklich bis zum Jahr 2005 warten, um eine so klassisch gestrickte, tragische schwule Liebesgeschichte aus Hollywood zu erleben? War da nicht „Philadelphia“? Ach nein, der ging ja um Aids, nicht um Liebe, und die schwule Hauptfigur, gespielt von Tom Hanks, stirbt schließlich elend.

Oder war das bei „My Private Idaho“ von Gus van Sant vielleicht anders? Die Geschichte um zwei Stricher, die sich ihre Liebe nicht eingestehen und am Ende trennen. Nicht Liebe, sondern Außenseitertum stand hier im Vordergrund. „Dem Himmel so fern“ von Todd Haynes eventuell? Großes Hollywoodmelodram um einen klassischen Ehemann, der schließlich doch Männer liebt und damit sein Leben (und das seiner Frau) ruiniert – auch keine wirklich bezaubernde Liebesgeschichte Homosexueller. Am dichtesten heran kam im Jahre 1982 vielleicht noch die Hollywoodproduktion „Making Love“, die als erste eine schwule Geschichte und sogar ein Happyend hatte, allerdings nicht als klassische Liebesstory in die Filmhistorie einging, nicht zuletzt auch wegen ihrer mangelhaften Qualität.

Natürlich gibt es im Independent-Bereich, also bei den Filmen, die nicht im Umfeld der großen Hollywood-Studios und damit nicht mit fetten Budgets und der Unterstützung mächtiger Marketingabteilungen produziert werden, jede Menge schwuler und lesbischer Liebesgeschichten. Doch von diesen kleineren Produktionen schaffen es leider die wenigsten, so von sich reden zu machen, wie es ein Film vom Format eines „Brokeback Mountain“ eben bis in die kleinste Provinzzeitung schafft. Und in diesem teuer produzierten Mainstreambereich ist Ang Lees Film in der Tat der erste seiner Art, die erste schwule Variante von „Vom Winde verweht“ – auch wenn dieser Film dem Film „Brücken am Fluss“ (mit Meryl Streep und Clint Eastwood) näher steht als dem Südstaatenepos.

Und dies darf schockierend genannt werden, bedenkt man, wie viele schwule Charaktere und Figuren uns das Kino made in Hollywood immerhin schon bescherte: Stricher („My Private Idaho“, „Asphalt Cowboy), Mörder („Cruising“, „Das Schweigen der Lämmer“, „Der talentierte Mr. Ripley“, „Cocktail für eine Leiche“), Ermordete („Das Kuckucksei“), Selbstmörder („American Beauty“), dumme Tunten („To Wang Foo“), lächerliche schwule Antihelden („Zwei irre Typen auf heißer Spur“, „Zorro mit der heißen Klinge“) und schließlich jede Menge Aidstote. Doch eine simple schwule Liebesgeschichte, ohne die Zutaten Mord und Totschlag, die kam tatsächlich noch nie aus den Hollywoodstudios – auch das „Kuckucksei“ (1988 in den Kinos, von und mit Harvey Fierstein, Anne Bancroft und Matthew Broderick) macht da keine Ausnahme: Mehr eine Sohn-Mutter-Geschichte, zu deren Lösung beiträgt, dass der Geliebte des schwulen Filius vor der gemeinsamen Wohnung von einer homophoben Gang erschlagen wird.

Überraschenderweise sieht es in der lesbischen Kinowelt etwas besser aus: Mit dem Klassiker „Bound“ lieferten die Wachowski-Brüder Mitte der Neunzigerjahre immerhin einen Thriller mit lesbischem Happyend, selbst wenn auch dieses glückliche Pärchen nicht ganz ohne Mord auskam. Auch David Lynchs „Mullholland Drive“ hatte mehr an lesbischer Romanze zu bieten als die meisten Filme mit vergleichbarem schwulem Inhalt, von den gruseligen Zutaten wie Leichen und Gewalttaten einmal abgesehen. Dann wäre da immerhin noch John Sayles klassischer Coming-out-Film „Lianna“, ein Beispiel aus dem Fach der harmlosen Liebesgeschichte – oder der legendäre „Desert Hearts“, der allerdings mehr nach Hollywood aussieht, als er es produktionstechnisch tatsächlich war.

Doch scheint man bei lesbischen Liebesgeschichten etwas aufgeschlossener zu sein, möglicherweise aus einem simplen Grund: Lesben gelten als weniger bedrohlich. Ihre Liebe, ihr Begehren werden ja gern als harmlose Episode abgetan oder auch als Kick für heterosexuelle männliche Zuschauer verkauft, die bei einer schwulen Geschichte schon eher die Nase rümpfen.

Das europäische Kino ist in dieser Hinsicht etwas weiter. Vor allem aus Großbritannien kamen in den Achtzigerjahren mit dem „New British Cinema“ Geschichten wie „Mein wunderbarer Waschsalon“ oder „Beautiful Thing“, die sich schon damals trauten, schwule Liebe, teils sogar mit glücklichem Ausgang, zu thematisieren. Und mit Neil Jordans „The Crying Game“ von 1992 gab es – wenn auch wieder im Umfeld von Terrorismus und Prostitution – sogar ziemlich früh eine Transsexuellenliebesgeschichte im Kino. Vom spanischen Regisseur Pedro Almodóvar kennen wir viele schrille Geschichten mit Schwulen, Lesben und Transen in allen Lebenslagen. Allerdings kommt auch er selten ohne Mord, Totschlag, Gewalt, Drogen und Verbrechen aus.

Selbst aus der DDR kam mit dem legendären Film „Coming-out“ 1989 eine schwule Liebesgeschichte – auch diese aber ein Scheitern erzählend, doch immerhin waren am Ende die Helden nicht tot. In der Bundesrepublik ist hier am populärsten „Die Konsequenz“ von Wolfgang Petersen überliefert. 1977 als Kinofilm produziert, aber im Fernsehen gezeigt: Ohne die Zutaten Gefängnis und Leid, Opfertum und Verhängnis ging es natürlich nicht. Aktuelle deutsche Beispiele größerer Filmproduktionen wie „Das Trio“, „Sommersturm“ oder „Männer wie wir“ sorgten für eine gewisse Sichtbarkeit von Schwulsein und die ein oder andere Romanze auf der Leinwand. Allesamt freilich weit entfernt, jene großen Gefühle zu transportieren, auf die es bei der Liebe ankommt.

Auch große lesbische Liebesfilme sind im europäischen Kino nichts Ungewöhnliches. Angefangen bei den deutschen Klassikern „Mädchen in Uniform“ und „Aimée & Jaguar“ über den britischen Film „Das Doppelleben der Schwester George“ bis zum schwedischen „Raus aus Åmål“ sind wir mit Liebesdramen zwischen Frauen vertraut. Genau wie bei den schwulen Geschichten ist ihnen meist ein tragischer, trauriger oder gar tödlicher Schluss vorbehalten, aber es gibt sie wenigstens.

Großes Aufsehen herrscht rund um die diesjährige Oscar-Verleihung. Unter den Nominierten sind mehr schwule oder Transgenderthemen denn je. Ganze drei Filme sind es: Neben „Brokeback Mountain“ sind „Capote“ und „Transamerica“ in diversen Kategorien nominiert. Und das bei mehr als zwanzig Oscars und mehr als vierzig nominierten Filmen. Eine, wie manche Medien andeuteten, unmittelbar bevorstehende „Homo-Revolution“ in Hollywood steht also nicht zu befürchten.

Außerdem hat es Tradition, dass Schauspieler und Schauspielerinnen, die solche „Freaks“ spielen müssen, dafür mit Kritikerlob überschüttet werden. Es gilt als beinahe unvorstellbar, sich in die Gefühlswelt eines homosexuellen oder transsexuellen Menschen zu versetzen; deshalb geriert man sich, als müsse es sich um gigantische schauspielerische Leistungen handeln. Konsequent werden schwule und lesbische Rollen in Hollywood durchweg mit geradezu impertinent heterosexuellen DarstellerInnen besetzt.

Davon profitierten Tom Hanks in „Philadelphia“, Charlize Theron in „Monster“ oder Hilary Swank in „Boys don’t cry“ – fast überflüssig zu erwähnen, dass alle drei Charaktere am Schluss ihrer Filme nicht mehr am Leben sind oder sterben müssen. Viele dieser Filme beruhen auf wahren Geschichten, dennoch fragt man sich, warum nicht auch einmal solche erzählt werden, in denen der schwule, lesbische oder transsexuelle Außenseiter überlebt? Mit „Capote“ und „Transamerica“ probiert Hollywood offenbar einen Wechsel der Perspektive: Und trotzdem fallen diese Filme nicht beim heterosexuellen Publikum durch. Kein schlechtes Signal, wenn Empathie nicht mehr durch den Tod erkauft wird.

Noch vor den schwulen oder lesbischen Liebesgeschichten gibt es die Lachgeschichten. Denn über schwule (weniger über lesbische) Figuren lachen, das ging schon immer, wie wir spätestens seit „Ein Käfig voller Narren“ aus den späten Siebzigern wissen. Die Hollywood-Komödie „In & Out“ aus dem Jahr 1997 ist ein gutes und – aus schwul-lesbischer Sicht – sogar gelungenes Beispiel dafür. Hier gibt es etwas für das Heteropublikum zu lachen, für humorvolle Homos, die es schaffen, über sich selbst zu lachen, denn es handelt sich nicht um einen homophoben Film. Ähnlich wie in der französischen schwulen Komödie „Ein Mann sieht rosa“ gibt es nämlich keine peinlichen schwulen Witzfiguren, sondern Menschen mit sympathischen Seiten, die in eine witzige Handlung verwoben sind. Lesbische Komödien gibt es übrigens kaum. Lesbische Figuren werden selten als trottelig oder liebenswert gezeichnet, die Lesbe an sich scheint in der Filmwelt nicht komödientauglich – genauso wie der Schwule an sich eben nicht in eine Liebesgeschichte passt.

Ende März startet noch eine lesbische Lovestory auf der Leinwand: die britische Produktion „Hochzeit zu dritt“. Eine simple, beinahe flache, aber auch heitere Liebesstory, die in keiner Weise an die filmische und dramaturgische Qualität eines „Brokeback Mountain“ heranreicht, aber einen entscheidenden Unterschied aufzuweisen hat: ein homosexuelles Happyend. Ein solches jedoch wird auch von Ang Lees nächstem Film nicht zu erwarten sein: Er verfilmt die Geschichte der lesbischen Sängerin Dusty Springfield mit Oscar-Preisträgerin Charlize Theron in der Titelrolle. Für die Rolle ihrer Geliebten ist Model Kate Moss im Gespräch – was für ein Paar! Und beide im wirklichen Leben (wie das ihrer Rollen) so schön hetero! Die tragische Lebensgeschichte von Springfield ist immerhin Garant für die wichtigste Zutat einer herzergreifenden Lovestory: Ein glücklich stimmendes Ende, das kann, darf und soll es nicht geben – sonst würde ja niemand weinen.