Die erste Trennung

ERZIEHUNG Spätestens mit einem Jahr kommt das Kind in die Kita. Die Krippenplatz-Garantie der Familienministerin zementiert das als gesellschaftlichen Konsens. Viele Einrichtungen allerdings sind mittelmäßig oder schlecht. Unsere Autorin verweigert sich deshalb dem Konsens. Und spürt die Folgen

VON JANA PETERSEN
(TEXT) UND HANNA PUTZ (FOTO)

Eigentlich war das alles anders geplant. Ich wollte ein Jahr Elternzeit nehmen, dann sollte das Kind in die Krippe und ich wieder Vollzeit ins Büro – ich war gerade aufgestiegen und hatte Lust auf Verantwortung. Und überhaupt, wie sollte ich das aushalten, ein Jahr zu Hause, keine Kollegen, immer nur das Kind?

Dann kam dieses Baby. Ich liebte es, ich trug es, stillte es, schlief neben ihm. Und je größer mein Kind wurde, desto größer wurden auch meine Zweifel.

Sollte ich dieses feine Wesen, das ich oft vor meinen Bauch geschnallt trug, wirklich in eine Krippe geben? Ich hatte das Gefühl, dass das nicht gut war, dass es bei uns, bei seiner Familie, bleiben sollte. Aber vielleicht war auch dieses Gefühl nicht gut, weil die Hormone mein Mutterherz verseuchten und mich unfähig machten, mich von meinem Baby zu trennen.

Wahrscheinlich musste ich diese Gefühle für eine vernünftige Entscheidung irgendwie rationalisieren. Ich musste mehr wissen, über mich, mein Kind und dieses Erziehungssystem.

Das System. Das war es, was mich vor allem störte: mein Kind einem System unterzuordnen. Es trank und schlief und kletterte auf meinen Schoß, wann es wollte. Es würde noch sein Leben lang in einem System funktionieren müssen. Aber doch nicht jetzt, wo es nicht mal sprechen konnte und sagen, was es will und was nicht.

Wir hatten pragmatisch angefangen. Mein Freund und ich hatten mit unseren großen Söhnen jeweils Elterninitiativ-Kinderläden hinter uns. Putzen. Kochen. Feste organisieren, jede Menge Elternämter. Nun, hatten wir gedacht, könnten wir eine staatliche Kita ausprobieren. Wir wollten ja beide voll arbeiten. Ferienschließzeiten, Kernöffnungszeiten. Alles organisiert.

So war auch die Stimmung in Deutschland. Am 1. August beginnt die Kitaplatz-Garantie, eingeführt von einer Familienministerin der CDU. Ich war Teil eines gesellschaftlichen Konsens. Wenn selbst die CDU Kitas förderte, schien man das jetzt so zu machen. Wer sein Kind nicht in die Kita gab, hieß entweder Eva Herman oder war in der CSU.

Wenn ich so zurückdenke, dann bin ich auch nur zwei Müttern mit Kindern in Kleinchens Alter begegnet, die nicht nach etwa einem Jahr in die Kita kamen. Eine der beiden hat zu mir gesagt: „Ich habe das Privileg, zwei Jahre mit meinem Sohn zu Hause bleiben zu dürfen.“ Damals, vor einem halben Jahr, dachte ich: Hä? Privileg? Was ist denn das für ’ne Trulla? Die andere Mutter sagte, sie würde ihre Tochter eben noch ein Jahr zu Hause lassen, wenn sie keinen Platz in ihrer Wunsch-Kita bekäme. Ich fand das suspekt.

Ich habe mir also die Kita angeguckt, ein Plattenbau in Berlin, nur die Straße runter, das Kleinchen war gerade vier Wochen alt. Ich hatte überhaupt keine Fragen, weil alles so abstrakt war. Elf Kinder, zwei Erzieher? Das musste wohl so. Kein Bio-Essen? Nicht so schlimm. Singen? Es gibt doch einen CD-Player.

Das Baby war gerade erst geboren, und nun sollte ich mich für eine Betreuung entscheiden. Als würde man schon beim Verlieben festlegen müssen: offene Beziehung oder Hochzeit.

Es kommt auf die Qualität der Betreuung an, das lese ich gerade in diesen Tagen wieder überall. Und die ist in Deutschland offenbar schlecht. Nicht mal drei Prozent der frühkindlichen Betreuungsplätze in Deutschland seien von guter pädagogischer Qualität, hat gerade die Nubbek-Studie im Auftrag der Bundesregierung festgestellt. Drei Prozent. Die Nadel im Heuhaufen.

Aber was heißt eigentlich Qualität?

Emotional betrachtet geht es um eine Trennung. Um die erste regelmäßige Trennung einer Mutter von ihrem Kind. Oder anders gewendet: um Bindung.

Karin und Klaus Grossmann sind Psychologen – und Bindungsforscher. Sie haben den Begriff der Bindung in Deutschland geprägt. 22 Jahre lang haben sie mehr als hundert junge Menschen vom Tag ihrer Geburt immer wieder besucht und untersucht, wie sich die Qualität ihrer Bindungen auf ihr Leben ausgewirkt hat. Eine einzigartige Langzeituntersuchung.

Ich rufe Karin Grossmann an. Wir sollen wir es denn mit den Krippen halten, Frau Grossmann?

„Die Forschung sagt: Halbtags ab 18 Monate ist in Ordnung – wenn das Kind von der Bindungstheorie her gut eingewöhnt ist, dass in der Krippe eine Person ein Extra-Auge auf ihn hat und erkennt: Ihm geht’s nicht gut, es muss jetzt ein bisschen kuscheln. Für das Kind ist es ganz wichtig, dass es in dem Moment Trost findet, wo es ihn braucht.“

Warum erst nach 18 Monaten?

„Es kommt auf die Sprache und das Zeitverständnis an. In diesem Alter können die Kinder verstehen: Erst gehst du spielen und dann hole ich dich ab. Wenn es immer wieder zuverlässig abgeholt wird, weiß es, dass die Zeit in der Krippe irgendwann zu Ende ist. Aber maximal halbtags ist wirklich wichtig.“

Mehr als zwanzig Stunden Kita in der Woche können den Kleinkindern schaden, das haben ihre Studien ergeben. Der Krippenausbau, den Karin Grossmann für überstürzt hält, regt sie auf. „Da wird die Psyche der Kinder doch gar nicht beachtet! Warum fragen die Politiker eigentlich nie mal einen Wissenschaftler um Rat?“

Gut. Aus Sicht der Grossmanns heißt Qualität also: eine sichere Bindung zu einem Erzieher, der sofort auf das Kind reagieren können muss. Das geht aber nur, wenn er sich nicht um zu viele Kinder gleichzeitig kümmern muss.

Kita-Plätze sollen nach Angaben der Bundesländer im Kita-Jahr 2013/2014 zur Verfügung stehen Quelle: Familienministerium

Von den meisten internationalen und nationalen Experten und Verbänden wird deswegen für Kinder unter drei ein Personalschlüssel von 1:3 empfohlen – ein Erzieher kümmert sich um drei Kleinkinder.

Eigentlich logisch: Wer schon mal auf drei kleine Kinder unter drei Jahren aufgepasst hat, der weiß, wie anstrengend und herausfordernd das ist. Man ist nur froh, wenn nicht alle gleichzeitig schreien.

Die Personalschlüssel sind Ländersache. In Berlin zum Beispiel gilt: 5 bis 9 Kinder unter drei sollen von einem Erzieher betreut werden, je nach Betreuungszeit. In den ostdeutschen Krippen betreut eine Vollzeitkraft rechnerisch sechs Ganztagskinder.

Ein Skandal, über den sich niemand beschwert

Es geht um Gruppengrößen, die Zusammensetzung der Gruppe. Frische, gesunde Nahrung, Bewegungsmöglichkeiten, eine geeignete Raumausstattung. Es geht um individuelle Bedürfnisbefriedigung bei Mahlzeiten und Schlafpausen, liebevolle Zuwendung beim Wickeln, An- und Ausziehen.

Wenn ich mir aber all diese Anforderungen ansehe und sie dann mit dem Personalschlüssel vergleiche, frage ich mich: Wie soll das klappen?

In den ersten beiden Lebensjahren, davon gehen Hirnforscher aus, entwickelt sich beim Kind ein Empathiesystem. Ob das jedoch gelingt, hängt davon ab, ob die Befindlichkeitszustände des Kindes von seinen Bezugspersonen hinreichend „gespiegelt“ werden. Kitas, warnen Forscher, können in dieser frühen Phase schwer ersetzen, was nur durch konstante Zweierbeziehungen – zum Beispiel mit den Eltern – geleistet werden kann.

Durch Studien sei bewiesen, warnen Neurologen, dass eine zu frühe, zu lange und zu schlechte außerfamiliäre Betreuung bei Kleinkindern zur steten Ausschüttung des Stresshormons Cortisol führt. Was seelische und körperliche Gesundheitsstörungen zur Folge haben könnte. Ein erhöhtes Risiko für Kopfschmerzen, Neurodermitis, Infektionen, erhöhte Aggressivität, Bindungsstörungen und Depressionen zum Beispiel. Herrje.

Das alles klingt wie ein Skandal, über den sich keiner zu beschweren scheint. Jesper Juul, ein dänischer Pädagoge, den manche einen Erziehungspapst nennen, hat dafür eine Erklärung: Die Eltern, meint er, bleiben in der Regel passiv, weil ihre ganze Lebensgestaltung vom Angebot der Kinderbetreuung abhängt. Sie sägen also lieber nicht an dem Ast, auf dem sie sitzen.

Ich säge nun daran. Aus Trennungsangst?

Die Psychoanalytikerin Ann Kathrin Scheerer schreibt sehr deutlich: „Auch für die Mütter ist die frühe Trennung von ihrem Baby eine große seelische Belastung, auch sie können in eine Verlassenheitsdepression und in Schuldgefühle verfallen, die sie, weil die Trennung aus sachlichen Gründen ja ‚vernünftig‘ erscheint und vom Zeitgeist als unschädlich deklariert wird, verdrängen und rationalisieren müssen. Die dieser frühen Mutter-Kind-Zeit evolutionär unveränderbar innewohnende Trennungsangst wird heute schnell zu einer Schwäche der Mutter, die nicht loslassen kann, umgedeutet.“

Demnach müsste ich vor meiner Angst also keine Angst haben. Sie ist normal.

Andererseits: Ich kenne das Gefühl, mit einem Kleinkind gleichermaßen über- und unterfordert zu sein. Es ist eine gefährliche Mischung, die keinem Kind guttut. Alleine mit einem Kind sein – das hilft weder Erwachsenen noch Kindern. „Was für Mütter und Kinder wirklich natürlich ist? Eine Menge Hilfe zu haben!“, sagt etwa die Anthropologin Sarah Blaffer-Hrdy. In allen indigenen Kulturen gebe es etliche Zusatzmütter wie Tanten, Nachbarinnen, große Geschwister, Verwandte, Freunde. Die Mutter, die mit ihrem Kind allein in einer Wohnung sitzt, ist also evolutionär nicht vorgesehen.

Außerdem gibt es auch Langzeitstudien wie eine aus Norwegen, die zeigen, dass Kinder aus Kitas später im Beruf mehr verdienen und besser ausgebildet sind. Besonders die aus sozial schwachen Familien.

Mir schwirrt vor lauter Studien langsam der Kopf. Die Zahl der harten Belege ist eher klein, Studien wie die norwegische oder die der Grossmanns sind eher selten.

Die einen Psychologen, Neurologen, Pädagogen glauben dies, die anderen das. Aber ich weiß jetzt: Ich will das nicht. Das Kleinchen kommt noch nicht in die Krippe.

An dem Tag, an dem ich die Kita abgesagt habe, sitze ich abends am See. Das Baby ist dabei, meine Schwester, ihr Sohn. Ein warmer Junitag. „Und bei euch geht es dann im September los?“, fragt meine Schwester. Ich schaue weg. Ich hatte Angst vor dieser Frage. Schüttele den Kopf. „Ich hab das heute abgesagt.“

Sie guckt weg. Ich halte meinen Jungen im Arm. Seine Haare sind nass. Sie kleben an seinem Kopf. Er hat einen Bademantel an, blau-weiß gestreift. Ich fühle mich schlecht. Ich verstehe sie. Ich will sie trösten. Aber wie?

„Alle haben zu mir gesagt, du musst das durchziehen“, sagt meine Schwester.

Meine Schwester ist alleinerziehend, sie wollte ihr Kind damals versorgen, sie wollte nicht abhängig sein. Der Junge kam in die Kita. Anderthalb war er schon, nur halbtags ging er. Aber eigentlich hätte sie ihn gern noch zu Hause behalten. Es war ein Kampf. „Ich gehe nicht in die Kita“, hat er gesagt, als er dann sprechen konnte. „Ich muss aber zur Arbeit“, sagte meine Schwester. „Ich komme mit zu deiner Arbeit.“ Der Junge ist stark, tragen kann sie ihn nicht mehr. Man muss Nerven wie Elefantenbeine haben, um so etwas durchzuhalten.

Es ist mir aber nicht nur schwergefallen, meiner Schwester von meiner Entscheidung zu erzählen. Auch bei anderen Müttern, sogar – oder gerade – bei Freundinnen, hatte ich ein schlechtes Gefühl, ihnen zu sagen, dass das Kleinchen noch ein Jahr zu Hause bleibt.

Warum ist das so? Weil in meiner Entscheidung ein stiller Vorwurf liegt? Ein Angriff gar?

Es ist fast völlig egal, um welche konkrete Entscheidung es geht. Jede Entscheidung stellt eine andere infrage. Und in diesem Fall ist es eine der wesentlichsten im Leben einer Mutter: Was wird aus meinem Kind?

All diese Fragen haben aber mit sehr privaten Gefühlen zu tun. Die Nichtkommunikation nach kurzen Dialogen wie dem mit meiner Schwester ist von Angst, Projektion, Neid geprägt. Den Gefühlen der eigenen Mutter, dem Kind, dem Partner gegenüber. Ein Schweigen, das nackt macht.

Auch ich stehe nackt da, wenn ich gefragt werde, wann das Kleinchen in die Krippe geht. Mit meinen Zweifeln, meinem Frust, meiner Ungeduld. Dem Vorwurf des Nicht-loslassen-Könnens. Mit der Trauer über eigene verpasste Chancen. Mit der ökonomischen Abhängigkeit. Damit, dass wir uns das eigentlich gar nicht leisten können. Dieser Situation auszuweichen, sich nicht dazu zu verhalten, ist unmöglich. Wenn man den Konsens verlässt, muss man ständig Antworten liefern.

Ein paar Wochen später, ein Abend im Juli, ich sitze mit meiner Schwester auf einem Spielplatz in Berlin, unsere Söhne wuseln, wir sind fast allein. Weißwein und alkoholfreies Bier. Wir sprechen darüber, wie das damals alles war. Mama Kindergärtnerin, Papa Lehrer, es waren die Achtziger.

„Was hat Mama denn damals zu Krippen gesagt?“, frage ich. Meine Schwester kann sich immer an alles erinnern, ich mich an fast nichts.

„Na, sie hat das immer abgelehnt! Mit Abscheu in der Stimme. ‚Kein Wunder, wenn die so früh in die Krippe gekommen sind …‘ Ich hab das noch im Ohr.“

„Bist du sauer auf Mama, weil sie dir dann zu der Krippe geraten hat?“

Meine Schwester zögert. Vielleicht denkt sie an den Abend am See.

„Nein. Es war ja die einzige Möglichkeit, auch wenn ich es nicht wollte. Im Endeffekt glaube ich, sie wollte mir das Unausweichliche ein bisschen leichter machen.“

Das ist Mama. Liebevolle Pragmatik. Wenn sie einen Luftröhrenschnitt machen müsste, würde sie das schärfste Messer wählen und es einfach tun.

Der nächste Tag, ein anderer Spielplatz. Das Telefon klingelt. Es ist meine Freundin. Sie hat ihre Tochter auf den letzten Drücker in einer Top-Elterninitiativ-Kita angemeldet, die spontan noch einen Platz für ein Mädchen hatte. Mit Waldtag, Werkstatt, Musizieren. Mit wenigen Kindern und vielen Erziehern. Ein Glücksfall! Nun ist sie also am Telefon.

„Die haben abgesagt.“

„Nein! Warum?“

„Weil ich alleinerziehend bin. Die sagen, dass ich das mit den Elternämtern nicht hinkriegen würde. Das könnten sie nicht riskieren. Ich habe zu der gesagt: ‚Weißt du, was du da für einen Schwachsinn redest? Das könnte dir durchaus passieren, dass du morgen auch alleinerziehend bist. Und dann?‘ “

Das ist die brutale Wahrheit: Wer das Optimale für seine Kinder will, muss sich kümmern, der braucht Zeit. Das ist auch eine finanzielle Frage.

Ich bin sprachlos. Was für eine Ungerechtigkeit. Die Hälfte der 600.000 alleinerziehenden Mütter ohne Job sind nur deshalb nicht berufstätig, weil sie ihre Kinder während der Arbeitszeit nirgendwo unterbringen können. 300.000 Alleinerziehende mit Kindern unter drei Jahren beziehen über einen längeren Zeitraum hinweg Grundsicherung. Das wird nun, mit all den neuen Kitaplätzen, natürlich einfacher.

Aber was heißt das jetzt? Dass Alleinerziehende mit den städtischen Kitas und denen der großen Träger vorliebnehmen müssen? Die oft von minderer Qualität sind. Dass sie dort, wo sich Eltern engagiert haben, nicht auf Solidarität hoffen können?

Ist das die Wahlfreiheit, von der die Familienministerin Kristina Schröder spricht? Wahlfreiheit, das ist nach „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ das neue erklärte Ziel des Familienministeriums. Passt auch viel besser mit dem Betreuungsgeld zusammen, das ja ebenfalls ab dem 1. August gezahlt wird.

Allerdings ist dieser Begriff hart an der Grenze zum Zynismus. Denn in der Realität bedeutet Wahlfreiheit nicht etwa, dass Familien mit ihren Kleinkindern so leben können, wie sie es für richtig halten. Es bedeutet: Die Ober- und vielleicht noch ein Teil der Mittelschicht kann es sich leisten, länger zu Hause zu bleiben – oder, wenn beide Eltern arbeiten wollen, sich eine qualitativ hochwertige Betreuung einzukaufen. Und die Armen: müssen wählen zwischen einer schlechten Krippenbetreuung – wenn sie denn überhaupt einen Platz bekommen – und Hartz IV. Ungerechter kann ich mir Familienpolitik kaum vorstellen.

Ich fahre mit den Söhnen zu meinen Eltern. Mein Freund arbeitet, jemand muss auf die Kinder aufpassen, während ich schreibe. Außerdem will ich mit meiner Mutter sprechen. Wie war das damals mit der Betreuung, als ich klein war? In der Erinnerung kommt mir alles deutlich entspannter vor.

Wir rutschen auf den Knien über den Rasen und rupfen Löwenzahn und Wegerich. Das Kleinchen untersucht die Gießkanne. Mama erzählt.

„In die Krippe kamen nur die echten Notfälle, wenn junge Mädchen ungewollt schwanger wurden, niemanden hatten, soziale Problemfälle. Da arbeiteten Kinderpflegerinnen. Die hatten nur einen Hauptschulabschluss und eine zweijährige Ausbildung. Dort stand die Pflege im Vordergrund. Wir Kindergärtnerinnen machten eine vierjährige Ausbildung, brauchten Realschulabschluss. So wie heute. Die Arbeit mit Kindern unter drei war dabei gar kein Thema.“

Die Krippe hat sich entwickelt aus Heimen, die Säuglinge in Not aufgenommen haben. Der Kindergarten versteht sich schon immer als Bildungseinrichtung. Es steht also historisch ein System der Not einem System der Förderung entgegen.

„Habt ihr diskutiert, ob du schnell wieder arbeiten willst?“

„Ja. Dann hättest du eine Kinderfrau bekommen. Aber wir waren uns einig, dass ich zu Hause bleibe. Allerdings habe ich gleich gesagt: Nicht zum Fensterputzen. Hausarbeit war nicht so mein Ding. Dafür war ich dann mit dir jeden Tag unterwegs, in der Kindergruppe, Krabbelgruppe, Musikgruppe, beim Kindersport. Und mit dreieinhalb bist du dann in den Kindergarten gegangen.“

Erst später hat sie eine Karriere gemacht, als Internatsleiterin. Zwölf Jahre lang war sie mit uns zu Hause. Fünfzig Euro Rente im Monat bekommt meine Mutter nun zusätzlich dafür, dass sie zwei Kinder großgezogen hat. Sie sagt, sie bereut es nicht.

Warum fällt es mir heute so schwer, meine Entscheidung jemandem einfach so zu erzählen?

Vielleicht, weil ich weder das Lebensmodell meiner Mutter leben will noch den Kita-Konsens. Vermutlich auch, weil frauenpolitische Forderungen auf kindliche Bedürfnisse treffen. Das verträgt sich nicht immer.

Und auf ökonomische. Da wird es noch komplizierter.

Ein Frontenstreit: Heim-chen gegen Rabenmutter

Fuckermothers, die in einem Blog über feministische Perspektiven auf Mutterschaft nachdenkt, schreibt: „Der Einkommensunterschied zwischen Männern und Frauen oder das Ehegattensplitting bewirkten, dass es in heterosexuellen Paaren meist die Frau ist, die den Großteil der Erziehungsarbeit übernimmt. Somit ist es in der Realität vor allem die Mutter, der die kritisierte ‚Entscheidung‘ zur Kita angelastet werde.“

Früher war das mal ein Frontenstreit. Eva Herman gegen Alice Schwarzer. Ost gegen West. Heimchen gegen Rabenmutter. Ein Frauenbildstreit, ein Produktivitätsstreit, ein Ideologiestreit. Dabei ist es völlig egal, auf welcher Seite man steht. Weil weder das eine noch das andere stimmt. Weil zu allen Zeiten Frauen gearbeitet haben. Und weil sie den Großteil der Zeit eine gute Betreuung hatten: den Stamm, das Dorf, die Großfamilie. Bis zur Industrialisierung. Und diese Bedingungen müssen wir wieder herstellen. Anders gesagt: Wenn ein Kleinkind in der Kopie einer Familie betreut wird, wie es unsere Zeit erfordert, dann sollte diese Kopie nah am Original sein.

Wenn ich Kristina Schröder und all ihren Kolleginnen und Kollegen in den Bundesländern etwas vorschlagen könnte, dann wäre es dies: 18 Monate Elterngeld für Mütter, zwei obendrauf für Väter.

Ein Qualitätsgesetz für Kitas, das so zügig wie möglich umgesetzt wird und dringend nötige Standards garantiert. Noch immer sind häufig Frauen die ökonomischen Verlierer in diesem Krippen-Konflikt. Auch das zu ändern ist Aufgabe der Politik.

Tatsächlich ist es leider so, dass die Bundesregierung ein Qualitätsmonitoring erst für 2020 plant. Für den Ausbau der Qualität sind die Kommunen zuständig – und die entscheiden oft nach Haushaltslage. Und außerdem gewöhnen Menschen sich an alles.

Wer sein Kind nicht in die Kita gab, hieß entweder Eva Herman oder war in der CSU

Solange eine sehr große Nachfrage nach schlechten Produkten besteht, wird es sie auch geben. Und das, obwohl Qualität in diesem Zusammenhang nicht verhandelbar ist. Wenn niemand nichts boykottiert, wenn sich niemand engagiert, wenn niemand demonstriert – dann wird sich nichts ändern. Und das ist eine sehr schlechte Nachricht.

Fürs Erste müssen wir, die Eltern, uns selbst kümmern. Egal ob mit Kita oder ohne. Wir müssen Wege aus dem Unbehagen suchen. Visionen entwickeln. Den Konsens in Frage stellen.

So absurd der Vergleich wirken mag: Vor dreißig Jahren wurden Biobauern von der industriellen Landwirtschaft belächelt oder sogar misstrauisch beäugt. Nun werden Gesetze zur ökologischen Landwirtschaft auf EU-Ebene verabschiedet. Vielleicht, denke ich manchmal, denken viele von uns in dreißig Jahren völlig anders darüber, wie wir unsere Kleinkinder aufwachsen lassen sollten.

Wir könnten zum „Ur-Modell der Babybetreuung“ zurückkehren, wie es der Heidelberger Kinderarzt Herbert Renz-Polster vorschlägt. „Wo steht eigentlich geschrieben, dass eine Firma ein kinderfreier Bezirk sein muss?“ fragt er. Wer zu Hause arbeitet, so wie ich jetzt, kann das ja durchaus probieren. Einen praktischen Ratschlag hat die Bindungsforscherin Karin Grossmann: „Als meine Kinder klein waren, habe ich meinen Schreibtisch in den Laufstall gestellt.“

Wir könnten die Berufswelt weniger hermetisch machen. Unternehmenskrippen, in denen die Mutter zwischendurch zum Kuscheln und Stillen kommen. Coworking-Spaces mit integrierter Kita für freiberufliche Eltern. Vier meiner Freundinnen und ich haben uns im Elternjahr mit der Kinderbetreuung abgewechselt und gearbeitet. Ein kleines Eltern-Kind-Büro. Während ich bei den Großeltern in Kroatien für diesen Text recherchierte, spielte mein Sohn mit seinen Cousinen im Hof.

Immer mehr Eltern lassen ihre Kinder „artgerecht“ aufwachsen, wie sie es nennen. Sie unterstützen sich gegenseitig bei der Betreuung, imitieren einen „Stamm“. Ihre Kinder haben keine Kinderwagen, weil sie getragen werden. Keine Kinderbetten, weil sie im Elternbett schlafen. Keine Fläschchen, weil sie gestillt werden. Keine Tonnen an Spielzeug, weil sie mit dem spielen, was da ist. Es sind Kinder, die weniger konsumieren. Die vielleicht freiere und selbstbewusstere Erwachsene werden. Sich keinem System unterordnen. Auch nicht dem Kapitalismus.

Wozu sind Menschen bereit, auf Geld zu verzichten?

Eine Ausbildung, ein Auslandsstudium, ein Praktikum. Ein Haus, ein Auto, eine Wohnung. Ich kenne niemanden, der einen Kredit aufgenommen hat, um sein Kleinkind kürzer und mit besserer Qualität betreuen zu lassen. Leute sparen auf Sabbaticals, auf Weltreisen oder auf Macbooks. Aber dafür ein Jahr länger zu Hause zu bleiben?

Während ich am Terrassentisch meiner Eltern sitze und nachdenke, hocken hinten im Garten meine Eltern mit meinem Sohn im Sand. Vertraut.

Ich denke: Wenn die Kinderbetreuung so – oder annähernd so – wäre wie das da, dann würde ich locker sechs Stunden täglich arbeiten.

Erst vor ein paar Tagen habe ich ein Lied gehört, Paradies heißt es, aus den Siebzigerjahren. „Wer wird die neue Welt bauen, wenn nicht du und ich“, singt Rio Reiser.

Und dann: „Ich bin aufgewacht und hab gesehen, woher wir kommen, wohin wir gehen. Und der lange Weg, der vor uns liegt, führt Schritt für Schritt ins Paradies.“ Das klingt jetzt vielleicht komisch. Aber ich habe geweint.

Jana Petersen, 35, ist sonntaz-Redakteurin in Elternzeit