Neue Musik als Lebenshaltung

Keine Angst vor der Logik des Marktes: Elmar Lampson, Präsident der Hochschule für Musik und Theater, setzt auf den Künstler mit „Existenzgründungskompetenz“

Anfänge setzen. In der Musik, im Denken, mit der ganzen Person. So lautet der Titel der Veranstaltung, bei der Elmar Lampson, der Präsident der Hamburger Hochschule für Musik und Theater, morgen im Philosophischen Café des Literaturhauses zu Gast sein wird.

Anfänge werden im Hamburger Musikleben derzeit viele gesetzt, der prominenteste ist sicher das Leuchtturmprojekt Elbphilharmonie, das die Stadt Hamburg maximal 77 Millionen Euro kosten wird. Doch es entspricht Lampsons Denkweise, dies vor allem unter dem Gesichtspunkt der Investition in die Zukunft zu betrachten: „Es ist falsch, nur zu glauben, dass das Geld, das dafür verwendet wird, woanders fehlt. Dadurch, dass die Kultur so in den Mittelpunkt der städtischen Politik rückt, entsteht auch auf anderen Ebenen ein viel größeres Interesse an Kultur.“

Lampsons Credo ist die Eigenverantwortlichkeit der Künstler. Sein Ideal ist der Musiker mit „Existenzgründungskompetenz“, eine musikalisch und in „Selbstmanagement“ und „Kommunikationsfähigkeit“ geschulte Persönlichkeit, die ihrer Kunst Wirkungs- und Absatzfelder neu erschließt. Der nahe liegende Einwand, dass man als Künstler schon verloren habe, wenn man sich ganz der Logik des Marktes ausliefern muss, weil die Gemeinschaft sich für Kunst nicht mehr zuständig fühlt, ist für Lampson ein alter Hut: „Ich glaube, dass man aufhören muss, in diesen starren Gegensätzen zu denken: ‚Gute Kultur wird vom Staat finanziert, schlechte von der Wirtschaft‘.“

Immerhin hat Lampson als Komponist selber lange das harte Brot des freien Künstlerdaseins gekostet; sein Denken ist erklärtermaßen die Konsequenz aus diesen Erfahrungen. Er will die Spannung zwischen wirtschaftlichem und künstlerischem Denken als „produktive Ausgangssituation“ verstehen, Gegensätze aufzureißen und mit ihnen zu leben. Dass sie einen auch zerreißen könnten, Lampson glaubt es nicht: „Es heißt nicht, dass man seine Ideale verrät, wenn man sich mit der Wirtschaft einlässt. Da bin ich sogar ein absoluter Hardliner – ich halte überhaupt nichts von irgendwelchen ‚Crossover‘-Sachen.“

Gerade auf dem in Hamburg so schwierigen Feld der neuen Musik will der Präsident tätig werden, Aktivitäten „vernetzen“ (Lampsons Lieblingswort) und dazu beitragen, dass aus dem hanseatischen Archipel verstreuter Inselchen eine echte Szene wird. Die Frage, ob die Stadt der „Pfeffersäcke“ ihren Ruf als „Null im Norden“ gerade auf diesem Feld nicht immer noch verdient habe, lässt ihn für seine Verhältnisse sogar beinahe heftig werden: „Es ist komisch, dass sich ein solcher Schnack so lange hält.“ Neue Musik, ihre Sperrigkeit und die Irritationen, die sie auslöst, versteht der Professor für Phänomenologie der Musik geradezu als Lebenshaltung.

Die Offenheit für neue Erfahrungen, das Aufbrechen alter Hörweisen und Deutungsmodelle, all diese Tugenden vermittelt er unter dem Stichwort „Bewusstseinstransfer“ in Seminaren auch an hart gesottene Wirtschaftleute und Unternehmensleiter. Den Einwand, dass in Zeiten, in denen die Räume immer enger werden, auch die Bereitschaft nachlässt, sich überhaupt auf so etwas einzulassen, geschweige denn, Geld dafür auszugeben, kontert der Musikhochschulpräsident mit jenem Optimismus, mit dem er alle seine Anfänge setzt: „Gute Leute sind immer einen Schritt voraus.“ Ilja Stephan

28.2., 19 Uhr, Literaturhaus, Schwanenwik 38