Ein Königreich für eine Dramaturgie

Hippen rät ab Mit „Henri 4“ hat Jo Baier ein großeuropäisches Königsepos in den Sand gesetzt, in dem Gabriela Maria Schmiede mit italienischem Akzent keifen musste

Wenn man einem Werk die Anstrengung seiner Entstehung anmerkt, ist es im Grunde schon gescheitert. Genau in diese Falle sind der Regisseur Jo Baier und die Produzentin Regina Ziegler gestolpert, als sie mit „Henri 4“ den großen europäischen Historienfilm stemmen wollten. Ein riesiges Projekt, bei dem immense organisatorische, logistische und filmtechnische Schwierigkeiten überwunden werden mussten – sodass scheinbar kaum noch Energie für solche kreativen und handwerklichen Nebenschauplätze wie Dramaturgie, Schnitt, Musik oder Schauspielerführung übrig blieb.

Wer die beiden Bücher „Die Jugend des Königs Henri Quatre“ und „Die Vollendung des Königs Henri Quatre“ von Heinrich Mann nicht gelesen hat, wird der Handlung kaum folgen können, weil gar nicht erst versucht wird, etwa den Titelhelden als eine auch nur halbwegs komplexe oder interessante Figur zu entwickeln.

Nicht der Titelheld, sondern der Film selber spielt die Hauptrolle, und so glaubt man die erzählte Geschichte nicht für eine Minute

Bei seinen 155 Minuten hat der Filme keinen epischen Atem, sondern er hetzt ständig von einem Höhepunkt zum nächsten. Da scheißt sich der Titelheld als Sechsjähriger bei seiner ersten Schlacht in die Hose und schon ist er als junger, schmucker Prinz von Navarra ein Kriegsherr, der als Hugenotte die Katholiken in Paris so bedrängt, dass diese ihn mit der Tochter der Königsmutter Katharina de Medici verheiraten wollen. Deren Einführung ist symptomatisch für diesen Film: Wie eine Furie stürzt sie sich da auf ihre Tochter, hebt deren Rock und beißt ihr den Hintern blutig. Die Stammschauspielerin von Alexander Kluge, Hannelore Hoger, hat sich wohl kaum träumen lassen, dass sie einmal die Katharina de Medici als bissige und ständig böse Blicke versprühende Hexe geben würde.

Ähnlich seltsam ist die Besetzung von Gabriela Maria Schmeide, die die letzte Gattin von Henri, Marie de Medici, als ein Pummelchen mit komischem italienischem Akzent geben muss. Wie alle anderen Figuren wird auch sie auf wenige Eigenschaften reduziert, die dann ins Groteske überzeichnet werden. So gibt Devid Striesow einen tuntenhaft feigen König Henri 3, Joachim Król ist als Weggefährte des Königs immer nur treu, und Chloé Stefani zeigt als Herzogin Gabrielle, oft und ausgiebig ihren nackten Busen.

Damit ist sie beileibe nicht die einzige, denn etwa alle zwanzig Minuten gibt es in „Henri 4“ eine Nacktszene zu bestaunen. Dies mag von Jo Baier, der auch das Drehbuch schrieb, sogar als thematisches Leitmotiv gedacht sein, denn immerhin wird Henri von Heinrich Mann als ein sinnenfroher Herrscher beschrieben. Aber im Film wirken die Bettszenen und erotischen Tänze so, als würde Baier der Kraft seiner eigenen Erzählung nicht vertrauen, und deshalb vermeintlich attraktive Schauwerte aneinander reihen.

Alles musste so dramatisch und bombastisch inszeniert sein, wie es die Mittel nur hergeben, und so hat der Film von der ersten Einstellung an einen hysterischen Unterton. Dabei hat Patrice Chéreau mit „Die Bartholomäusnacht“ bereits einen subtilen und klugen Film zum Thema gemacht. Aber hier spielt nicht der Titelheld, sondern der Film selber die Hauptrolle, und man glaubt die erzählte Geschichte nicht für eine Minute, weil der Stoff von den Machern immer nur illustriert wurde. Keiner der Beteiligten schien wirklich inspiriert zu sein. Auch der Starkomponist Hans Zimmer lieferte aus Hollywood eine Filmmusik ab, die so lustlos und funktionell klingt, als wäre sie aus den verworfenen Ideen in seinem Papierkorb zusammengebastelt worden. Faszinierend an diesem Film ist nur, mit welch großem Aufwand man so wenig Wirkung erzielen kann.