Der ganze Kosmos der Musik

FESTIVAL Die Combo Andromeda Mega Express Orchestra kennt keine Berührungsängste zu Pop und Jazz und mag Hallenbäder

Eine Band, die mehr oder weniger aus sich selbst heraus ein zweitägiges Festival schmeißen kann, das musikalisch alles von Krautrock bis Neuer Musik abdeckt und bei dem keinerlei Langeweile aufkommt, das gibt es auch nicht alle Tage. Aber das Andromeda Mega Express Orchestra, das zu den „Kosmos Tagen“ im Stattbad Wedding geladen hat, ist auch keine Band im herkömmlichen Sinne, sondern ein 18-köpfiges Ensemble, dessen Mitglieder genügend unterschiedliche musikalische Interessen mitbringen, um für jeden Geschmack etwas im Angebot zu haben.

Das ziemlich junge Ensemble selbst ist schon recht ungewöhnlich besetzt: Neben Streichern und Bläsern gibt es eine Harfenistin, einen Rockmusik-erprobten Schlagzeuger, einen E-Gitarristen und jemanden, der bei Bedarf ein paar elektronische Sounds beisteuert. Und die Streicher spielen zwischendurch auch mal Melodica, wenn die Partitur das verlangt.

Hier trifft man auf „interaktiv klingende Klos“ oder die „selbstspielenden Gitarren“.

Das Andromeda Mega Express Orchestra ist letztlich eine Neue-Musik-Combo, die keine Berührungsängste zu Pop und Jazz hat und in dieser Form wohl weltweit einmalig ist. Aber das Orchestra ist nur der größte Planet, um den viele Kleine kreisen und dieses Sternenbild zeigt man nun in angemessen ungewöhnlichem Ambiente. Mitglieder des Orchesters präsentieren also Projekte, die sie nebenbei betreiben und haben zu diesem Zweck ein paar befreundete Musiker mitgebracht, die ebenfalls keine musikalischen Scheuklappen haben und den Mut mitbringen, sich in einem wirklich außergewöhnlichem Rahmen zu präsentieren. Wo sonst bekommt man schon Musik von Debussy, Schubert, Stravinsky, Reich, Cage, Monk, Mingus und so weiter in einem ehemaligen Schwimmbad präsentiert? Sie wollen die kammermusikalischen „Folk Songs“ von Luciano Berio erleben? Bitte setzen Sie sich an den Beckenrand des „Großen Pools“, wo schwarze Luftballons der Schwimmbaddecke entgegenstreben, die die Örtlichkeit noch bizarrer wirken lassen als ohnehin schon.

Es ist wirklich schön, wie hier Schubladendenken komplett ignoriert wird, musikalischer Wildwuchs geradezu besessen und liebevoll eingefordert wird und gleichzeitig ein fantastischer öffentlicher Raum in Berlin maximal kreativ bespielt wird. Man wandert umher zwischen den Aufführungen im großen und kleinen Pool, erlebt eine Aufführung in den „Badekabinen“, wo in alten Badewannen Puppen herumliegen, die daran erinnern, dass dieser Ort einst ja wirklich eine Badeanstalt war. Man stößt unvermittelt auf Installationen wie die „interaktiv klingenden Klos“ oder die „selbstspielenden Gitarren“ und wandert so durch eine Welt der Klänge, die bunter kaum sein könnte.

In Büchern und Ausstellungen wird sich inzwischen massiv daran erinnert, wie nach der Wende in Berlin neue Orte für Partys und Konzerte fantasievoll umgewidmet wurden. Man erinnert sich gerade gerne an die guten alten neunziger Jahre, als in Berlin noch alles möglich schien.

Die „Kosmos Tage“ im Stattbad Wedding zeigen, dass es immer noch machbar ist, ungewöhnliche Dinge an ungewöhnlichen Orten zu veranstalten.