Kohlen statt Kommunismus

Thai-Pop reimt sich auf Agit-Prop: Amir Muhammad aus Malaysia bricht die Regeln des Dokumentarfilms, um dessen Herz zu retten. „The Last Communist“ im Forum

Amir Muhammad ist ein junger Regisseur aus Malaysia, der mit seinen ebenso komischen wie experimentellen Filmen seit einiger Zeit im Festivalbetrieb für Aufsehen sorgt. Auf ein Genre lässt er sich nicht festlegen – auch der nun im Forum zu sehende Film „The Last Communist“ zeugt vom Willen zur Verschränkung des auf den ersten Blick Unverträglichen. Zum einen nämlich erzählt Muhammad nicht weniger als die Geschichte seiner Heimat Malaysia, von den Dreißigerjahren bis heute; zum anderen streut er Videoclips mit Thai-Pop unvermittelt dazwischen.

Als Leitfaden der ungewöhnlichen Heimatkunde wählt er die Lebensgeschichte des kommunistischen Widerstandskämpfers Chin Peng. Der ist 1924 geboren und lebt, anders als die meisten seiner in einer Amnestie begnadigten Kameraden, bis heute im Exil. In Muhammads Dokumentarfilm, der die Stationen seines Lebens Schritt für Schritt und Schrifttafel für Schrifttafel abgeht, taucht er selbst jedoch nicht ein einziges Mal auf.

Das ist nicht die einzige Anomalie des Films. Das erste Prinzip von „The Last Communist“ nämlich ist die Abschweifung. Orte, an denen sein Held lebte, Häuser, in denen er verhandelte, sucht er zwar als Schauplätze der malaysischen Geschichte auf, um sich dann aber auf die Menschen vor Ort einzulassen. Manche haben mit Chin Peng etwas zu tun, andere nicht. Ausführlich werden wir etwa in die Herstellung von Holzkohle eingeführt. Weil sich eben da, wo Chin Peng einst lebte, heute eine Anlage zur Holzkohleproduktion befindet. Muhammad entfernt sich von der großen Geschichte und macht das Nebenbei von heute zur Hauptsache.

Die größere, verblüffendere und oft genug umwerfende Anomalie seines Films sind jedoch die Einsprengsel der Thai-Pop-Musik und einer Art Agit-Prop-Texten. Das setzt auf den ersten Blick auf Camp-Ästhetik, mit Sängerin vor Wasserfall, ist aber recht professionell inszeniert. Der Effekt ist der einer zwar unerwarteten, aber doch willkommenen Unterbrechung.

Sehr gezielt will Muhammad mit seinem Film kein organisches Ganzes. Bewusst unterläuft er die Illusion der Erzählbarkeit von Geschichte, ohne das Erzählen aus der Geschichte deshalb aufzugeben. „The Last Communist“ betreibt keineswegs ein Experiment um des Experiments willen. Er unterwandert nur die Idee des Dokumentarischen, in der Absicht freilich, ihr treu zu bleiben, durch „something completely different“, um Monty Python zu zitieren, an deren so intelligente wie komische Formen man dabei durchaus denken kann.

EKKEHARD KNÖRER

„The Last Communist“. Regie: Amir Muhammad. Malysia 2006, 90 Min. 17. 2., 19 Uhr Delphi; 18. 2., 10 Uhr, CinemaxX 3; 19. 2. 15 Uhr Arsenal 1