Die Katastrophe als Chance

In Arbeit (5): Deutschland vergreist – das ist gut so. Weil der Nachwuchs fehlt, könnte es ab 2030 wieder zu Vollbeschäftigung kommen. Davon profitieren die Unterschichten

Ein Minusrekord: Bei den Arbeitslosenzahlen liegt Exportweltmeister Deutschland ganz vorn. Nur Polen, die Slowakei und Griechenland schnitten 2005 noch schlechter ab. Und selbst diese trübe Statistik könnte für Deutschland noch zu schön ausfallen: So sind in Polen zwar offiziell 17,2 Prozent aller Arbeitnehmer arbeitslos gemeldet. Doch wird geschätzt, dass etwa die Hälfte davon längst im Westen jobbt. So tröstet also noch nicht einmal der Vergleich mit den armen Nachbarn.

Deutschland hat jedoch noch einen zweiten Minusrekord zu vermelden: Nirgendwo in Europa werden weniger Kinder geboren, was gern als „demografische Katastrophe“ beklagt wird. Die offiziellen Statistiken der Bundesrepublik sind zwar problematisch, weil die Standesämter nicht alle relevanten Daten erheben. Aber so viel lässt sich schon sagen: Westdeutschland ist Europas einzige Region, in der jede fünfte Frau des Jahrgangs 1955 keine Kinder bekommen hat. Insgesamt kommen zurzeit auf eine Frau 1,3 Kinder in Deutschland.

Während man über die „Vergreisung“ lamentiert, wird die hohe Jugendarbeitslosigkeit verdrängt

Diese beiden Minusrekorde regen die Fantasie an: Könnte es nicht sein, dass die Arbeitslosigkeit von selbst verschwindet, weil es an Nachwuchs fehlt? Um es vorwegzunehmen: Die Antwort lautet: „Ja, aber.“ Vollbeschäftigung ist irgendwann möglich, weil kaum noch Nachwuchs zu beschäftigen ist. Allerdings dürften die Arbeitslosen erst ab 2030 ganz verschwinden.

Nun ist es keineswegs so originell, den Arbeitsmarkt mit der Demografie zu verknüpfen. Das tat schon die Rürup-Kommission, die seit Herbst 2002 tagte, um Renten und Krankenkassen zu reformieren. Bevor sich die Experten überhaupt an die Arbeit machten, beauftragten sie das Schweizer Prognos-Institut, die deutschen Arbeitslosenzahlen in den nächsten Jahrzehnten zu schätzen. Das Ergebnis war ernüchternd: Selbst für 2020 wurden noch 7 Prozent Arbeitslose vorausgesagt. Erst 2030 sollte die Zahl auf 4,4 Prozent sinken.

Doch selbst diese Prognose könnte sich als allzu optimistisch erweisen. Denn die Schweizer nahmen damals an, dass die deutsche Wirtschaft jährlich um 1,7 Prozent wachsen würde. Tatsächlich belief sich das Wachstum zwischen 2000 bis 2005 nur auf durchschnittlich 0,6 Prozent pro Jahr. Die Arbeitslosenquote dürfte daher auch im Jahr 2020 noch deutlich über 7 Prozent liegen.

Denn während das Wachstum dümpelt, rast der Fortschritt in der Produktivität voran. Er wird von Prognos auf jährlich 1,8 Prozent geschätzt, was zumindest für die Exportbranchen realistisch scheint. In der Automobilbranche etwa macht jedes neue Automodell ein Fünftel aller Beschäftigten überflüssig. VW hat gerade angedeutet, dass es in seinen Komponentenwerken bald 20.000 Autobauer entlassen könnte. DaimlerChrysler dürfte heute auf seiner jährlichen Bilanzpressekonferenz bekannt geben, ob es dem Konzern gelungen ist, seine geplanten 8.500 Stellen zu streichen. Und das sind keine Einzelfälle: Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hat jüngst in einer Umfrage ermittelt, dass mehr als ein Drittel aller Beschäftigten während der letzten fünf Jahre in ihrem beruflichen Umfeld mit betriebsbedingten Entlassungen konfrontiert worden sind; ein gutes Viertel berichtete von Lohnkürzungen.

Bis 2010 wird sich an der Massenarbeitslosigkeit also nichts ändern. Dies sagt auch eine aktuelle IAB-Studie vom Dezember voraus, die damit rechnet, dass erst ab 2015 das „Erwerbspersonenpotenzial“ so langsam schwindet. 2020 soll es um 1,5 Millionen niedriger liegen als heute; bis 2050 sollen dann 9 Millionen Arbeitskräfte fehlen.

Diese Zahlen passen gut zur aktuellen Lieblingsidee von SPD-Chef Franz Müntefering, der bis zum Jahr 2029 das deutsche Renteneintrittsalter auf 67 Jahre anheben möchte. Den Betroffenen wird suggeriert, dass dies zwar eine Einbuße, aber keine Bedrohung sei. Denn schließlich müssten sie bei Vollbeschäftigung nicht mehr fürchten, ihre letzten Erwerbsjahre als Arbeitslose zu verbringen.

Die Pointe seiner eigenen Argumentation scheint Müntefering noch nicht aufgegangen zu sein: Sollte 2030 tatsächlich Vollbeschäftigung herrschen, dann ist es überflüssig, das Rentenalter hochzusetzen, um die Ruheständler finanzieren zu können. Denn der Mangel an Kindern könnte den Staat sogar reich machen: Es fielen all jene Gelder weg, die bis jetzt noch für die Arbeitslosen aufgebracht werden müssen. Übrigens würden auch viele Milliarden bei der Bildung frei, wenn der Nachwuchs fehlt, den es zu erziehen gilt. Mit diesen eingesparten Mitteln ließe sich die künftige Rentnergeneration jedenfalls mühelos unterstützen: 2005 gaben die Rentenkassen insgesamt rund 228 Milliarden Euro aus – für knapp 20 Millionen Rentner. Die heutigen 5 Millionen Arbeitslose kosten etwa 80 Milliarden.

Wie sinnlos das Gerede von der „demografischen Katastrophe“ ist, lässt sich auch mit einer anderen Zahl belegen, die derzeit durch die Debatten geistert. Demnach wird im Jahr 2050 ein Erwerbstätiger einen Rentner finanzieren. Das klingt zwar dramatisch, ist es aber nicht. Denn in Deutschland leben zurzeit etwa 82,5 Millionen Menschen, davon sind momentan jedoch nur 38,91 Millionen erwerbstätig. Auch jetzt schon finanziert also eine Minderheit die Mehrheit. In den nächsten 50 Jahren wird sich lediglich die Mischung der Nichterwerbstätigen verändern: Es wird dann weniger Kinder, Studenten, Hausfrauen und Arbeitslose geben, dafür aber mehr Rentner.

Das ist eine Erlösung und kein Grund zur Klage. Während in Deutschland viel über die „Vergreisung“ der Gesellschaft lamentiert wird, bleibt der eigentliche Skandal unerwähnt: die große Jugendarbeitslosigkeit. Etwa 15 Prozent aller jungen Arbeitnehmer unter 25 Jahren finden derzeit keine Stelle, rechnet man nach dem internationalen ILO-Standard. Für sie ist es daher eine echte Chance, wenn sie in Zukunft mit weniger Konkurrenten um die knappe Arbeit rechnen müssen. Das sollten all jene euphorischen Familienpolitiker bedenken, die derzeit Kinder als einen Wert an sich propagieren, den es in Deutschland zu mehren gelte.

In 50 Jahren wird es mehr Rentner geben. Aber weniger Kinder, Studenten, Hausfrauen und Arbeitslose

Doch dass sich der Diskurs um die angebliche „demografische Katastrophe“ dreht, ist kein Zufall. Es sind vor allem die Elite und die Mittelschicht, die über die drohende „Vergreisung“ klagen. Sie fürchten um ihre Privilegien. Denn eine künftige Vollbeschäftigung würde ausgerechnet jenen Gruppen zugute kommen, die eigentlich längst ausgegrenzt sind: den Unterschichten. Sie wären dann als Arbeitskräfte unverzichtbar und müssten mit Bildung und Einkommen versorgt werden.

Wie widerwillig die Eliten und die Mittelschichten in Deutschland jedoch ihren Wohlstand teilen, zeigt seit Jahren die schulpolitische Pisa-Diskussion. Trotz vieler Bekenntnisse und Programme blieb es dabei, dass sich die Bildungschancen in Deutschland vor allem nach Herkunft verteilen. Das wird sich ändern. Das ist das Gute an der „demografischen Katastrophe“.

ULRIKE HERRMANN