Moderne Folterinstrumente

VON CLAUS LEGGEWIE

Der Krieg ist nicht nur Vater der Bildkommunikation, er hat auch die bild- und kulturwissenschaftliche Forschung angeregt. In Deutschland hat sich besonders der Flensburger Historiker Gerhard Paul mit der Visualisierung des Krieges beschäftigt, als deren Kehrseite er das Unsichtbarwerden von Leid, Chaos, Tod und Gewalt sieht. Die Fotografie sei ein „Medium der Ungleichzeitigkeit“, das der Natur des Krieges gemäß auf „ikonografische Ersatzhandlungen und vormoderne Sujets“ angewiesen ist. Damit kann Abscheu vor dem Krieg genährt oder Kriegsbereitschaft gestärkt werden.

Dem schnell zum Standardwerk avancierten Band „Bilder des Krieges – Krieg der Bilder“ (siehe Besprechung unten) folgt die Fallstudie zur „Operation Irakische Freiheit“. Für Paul ist diese Militäroperation wesentlich ein „Bilderkrieg“, der das militärische Geschehen in Echtzeit ins Wohnzimmer übertragen sollte, aber das „naive Vertrauen in die Beweiskraft der Bilder nachhaltig beschädigte“. Das Fernsehen ist zum Hauptakteur geworden, ein „modernes Folterinstrument“, das sich verselbstständigt und auf die Initiatoren der visuellen Gewalt zurückschlägt.

Paul rekonstruiert diese Dialektik und Radikalisierung, indem er die Berichterstattung bis März 2005 minutiös auswertet. Durch seine Arbeit sieht er die bei Paul Virilio und Jean Baudrillard entlehnte These bestätigt, „dass sich der moderne wie der postmoderne Krieg grundsätzlich der visuellen medialen Repräsentation entzieht, ja das Nichtdarstellbare schlechthin ist. Die Medien überschreiben den Krieg vielmehr mit vertrauten, zumeist entdramatisierenden Ikonografien und verpassen dem letztlich katastrophischen Ereignis eine Ordnungsfunktion, die dieses per se nicht besitzt.“

Das Buch ist eine beeindruckende Widerlegung dieser These. Es enthält zehn sehr lesenswerte und spannend geschriebene Kapitel: von der Vorbereitung des Bilderkrieges, darunter Colin Powells Multimediashow in der UNO, über die Inszenierung des nächtlichen „Blitzkrieg“-Feuerwerks und die bestellten Clips der „eingebetteten Journalisten“ bis zum verfrüht gefeierten Sieg der Alliierten mit der Demontage der Herrschaftssymbole von Saddam Hussein und der Ergreifung des Diktators im Erdloch. Es folgen die von Paul so genannten Bildstörungen: die Gegenberichterstattung von al-Dschasira, die vor allem im Internet zirkulierenden POW-Images gefangener, entführter, hingerichteter Amerikaner – und der moralische GAU der Folterbilder aus Abu Ghraib. Paul schließt mit dem visuell antizipierten „Escape from Baghdad“ und einem Resümee zur (Ohn-)Macht der Bilder im Krieg.

Die zentrale Rolle von Bildern für die Auslösung, Eskalation und Beendigung von Kriegen kennt man seit Vietnam und exemplarisch seit dem Somalia-Fiasko 1993. Bilder von hungernden Kindern trieben die USA in den Krieg, das AP-Foto von dem geschändeten Leichnam eines US-Soldaten veranlasste ihren Rückzug. Da die Öffentlichkeit westlicher Gesellschaften solch scheußliche Bilder sehen will, gehören sie zur Kriegführung der militärisch Unterlegenen in asymmetrischen Auseinandersetzungen; die Eskalationslogik im Bilderkrieg erfordert höchste Brutalität wie die Tötung von Geiseln vor laufender Kamera und berührt sich nicht nur am Rande mit Pornografie.

Dass die Operation „Iraqi Freedom“ nicht mehr wie der Golfkrieg von 1991 als sauberer und gerechter Krieg darstellbar ist, liegt indes am Zusammenbruch des US- oder CNN-Monopols, an dessen Stelle zum einen nationale und regionale Bildermärkte getreten sind, zum anderen Weblogs und unabhängige Internetdienste. Im Zentrum stehen die widerlichen „Trophäenbilder“ von Abu Ghraib, die den Feind als Beute darstellen. Sie prägen heute das Bild des Krieges, das nicht mehr durch professionelle Kriegsreporter oder Armeezensur gesteuert werden kann.

„Die Kriege der Zukunft“, schlussfolgert Paul, werden „noch stärker als bisher auf die Kontrolle bzw. Zerstörung dieser elektronischen Kommunikationstechnologien gerichtet sein.“ Paul hat eine dichte Beschreibung des Bilderkriegs geliefert, aber für eine Theorie reichen diese Beobachtungen noch nicht aus. Gegen die eigene sozialkonstruktivistische Grundannahme scheint Paul davon auszugehen, es gebe eine „wirklichere“ Wirklichkeit des Krieges, die mit dem Abbild der Kamera korrumpiert und „inneren Bildern“ der Sinnstiftung, allgemeiner: der Ordnung, ausgeliefert werde. Vielmehr scheint die These vom „Bilderkrieg“ darauf hinauszulaufen, dass Horrorbilder jedenfalls im Westen keine externe Symbolik mehr bedienen und von ihnen eine Irritation ausgeht, die Freund wie Feind ergreift und sich strategischem Kalkül gerade entzieht.

Eine vertiefte Analyse, die sich stärker an Fallbeispielen orientiert, haben Thomas Knieper und Marion G. Müller in „War Visions“ vorgelegt. Die insgesamt 18 Autoren aus unterschiedlichen Fachdisziplinen nehmen Produktions- sowie Rezeptionsästhetik der Kriegsberichterstattung präziser in den Blick und beziehen dabei Medienformate ein, die Paul nicht berücksichtigt hat: Comics und Computerspiele.

Mit großem Gewinn liest man die historischen Beiträge von Jürgen Wilke und Elke Anna Werner, die einem bisweilen mehr Lichter aufstecken als viele noch im aktuellen Bildmaterial verfangene Ad-hoc-Analysen über den 11. September oder den Irakkrieg. Marion G. Müller schließt mit einer bilderstürmerischen These: „Den Terroristen den visuellen Erfolg verweigern, einer visuellen Damnatio memoriae gleich, keine bewegten Echtzeitbilder von materieller und menschlicher Zerstörung zu zeigen und stattdessen rein verbal-textuell über die Situation zu berichten wäre zumindest ein Anfang, um die Spirale visuellen Horrors im Angesicht kriegerischen Terrors zu vermeiden.“ Fragt sich nur, was „die Situation“ ist.

Gerhard Paul: „Der Bilderkrieg. Inszenierungen, Bilder und Perspektiven der ‚Operation Irakische Freiheit‘ “. Wallstein Verlag, Göttingen 2005, 240 Seiten, 24 Euro Thomas Knieper/Marion G. Müller (Hg.): „War Visions. Bildkommunikation und Krieg“. Von Halem Verlag, Köln 2005, 432 Seiten, 32 Euro