Rassismus aus der Mitte

SERIE DISKRIMINIERUNG Sprache ordnet die Welt, konstruiert und kategorisiert. Deshalb ist die Auseinandersetzung um abwertende Begriffe wichtig

■ ist Journalistin und Vorstand der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD). In der Debattenreihe schrieben bisher Bettina Gaus („Nettigkeit hilft nicht“, 31. 5.) und Daniel Bax („Warum so rücksichtslos“, 24. 5.).

Sprache bemüht sich, die Welt in eine Ordnung zu bringen. Sie konstruiert und kategorisiert. Sie ist ein Spiegel unserer Gesellschaft und stellt Blicke auf die Welt her. Sprache ist immer auch ein Machtinstrument. Wer sich mit den Themen Rassismus, Sexismus, Antisemitismus oder anderen Ausgrenzungsformen auseinandersetzt, sollte sich deshalb nicht nur die Frage nach ihrem Wesen und ihrer Funktion, sondern auch nach ihrer Sprache stellen.

Viele diskriminierende Beschreibungen, Bilder und Begriffe sind ein selbstverständlicher Bestandteil unserer Alltagssprache. Sie halten sich hartnäckig, weil es in Deutschland lange keine tiefere Auseinandersetzung darüber gab. Allein beim Benennen einer rassistischen Bedeutung stößt man auf Abwehrreaktionen. Der Rassismusvorwurf gilt für viele als Totschlagargument. „Wer jemand anderen des Rassismus bezichtigt, wirft ihm oder ihr fehlenden Respekt vor den Menschenrechten und der Menschenwürde vor. Deshalb sollte er nicht bei jeder Meinungsverschiedenheit aus der Schublade geholt werden“, rät Bettina Gaus in der taz. Aber bleibt nicht vielmehr ein echtes Gespräch darüber aus?

Aus der Mitte der Gesellschaft

Das Verständnis von Rassismus ist in Deutschland stark an den Nationalsozialismus und vor allem an dessen Antisemitismus geknüpft. Als Konsequenz wurde in Deutschland kein Vokabular zur Beschreibung anderer rassistischer Praktiken und Kategorien entwickelt, sondern nur eine Abgrenzung gegen Rechtsextremismus vorgenommen. Damit erklärt sich, warum Begriffe wie Fremden- oder Ausländerfeindlichkeit dem des Rassismus vorgezogen werden. Doch geht es in der Debatte um diskriminierende Sprache nicht um Gewalt von rechts außen. Nicht darum, ob Kinder „Mohrenkopf“ sagen – und deshalb später in die NPD eintreten. Sondern um einen Rassismus, der aus der Mitte der Gesellschaft kommt. Es geht um Ressentiments, die unsere Gesellschaft verinnerlicht hat und die sich auch in der Sprache festmachen lassen.

So erfand Deutschland vor über hundert Jahren „sein Afrika“, um den Kolonialismus zu legitimieren. Auch sprachlich wurde ein Bild des homogenen, unterlegenen und zivilisierungsbedürftigen Wilden konstruiert. Der unterentwickelte, primitive „Mohr“, der „Neger“, der „Mulatte“, der „Mischling“, der „Farbige“ und andere Bezeichnungen wurden erfunden. In Astrid Lindgrens und Otfried Preußlers Welt war es normal, bestimmte Menschen abzuwerten, ihnen Namen zu geben und sie nicht dazu zu befragen. Bis heute leben diese Worte in Schlagzeilen, Buchtiteln und zu Marketingzwecken fort. Im Mainstream vermischen sich mit ihnen Klischeebilder vom „schwarzen Kontinent“, Goldkettchen behangener Gangster oder lustiger Dummköpfe ohne Persönlichkeit. Gerne wird auch in Satire fröhlich Rassismus reproduziert – wie diese Woche in der „Wahrheit“ der taz. Weil Schwarze angeblich sowieso alle gleich aussehen, wurden im Text „Welcome, Mr President“ Barack Obama und Roberto Blanco einfach gleichgesetzt.

Black is beautiful

Der Überbetonung von schwarz in Assoziation mit dem Bösen reicht bis in die Antike zurück. Ihr hat die schwarze Bewegung in den USA vor Jahren eine Umbewertung entgegengesetzt: „Black is beautiful“. Auch in Deutschland grenzen sich viele mit der Selbstbezeichnung „schwarz“ gegen Fremdbezeichnungen ab. Das N-Wort wurde jedoch – im Gegensatz zu den politisch Bewegten in Amerika – nie von ihnen übernommen. In den USA geschah dies in erster Linie, um den Rassismus sichtbar zu machen. Davon lebte auch der dortige politische Rap der achtziger und neunziger Jahre. Dieses Beispiel zeigt, dass die Geschichte der Bewegung schwarzer Menschen auf der Welt sich zwar überschneidet, nicht aber identisch ist.

Sicher, es ist unbequem, sich bewusst zu machen, dass viele Worte eine Bedeutung haben, die über das hinausgehen, was man vielleicht sagen möchte. Doch leider können sich Menschen einer rassistischen Sprache bedienen, obwohl schwarze Menschen, Schwule und Lesben, Sinti oder Muslime zu ihrem Freundeskreis zählen. Und dass sie es nicht rassistisch gemeint haben, ist kein Argument dafür, dass ihre Sprache nicht auch rassistische Spuren aufweist.

Grundgerüst in der Kindheit

Zwischen den Standpunkten „Verletzung durch rassistische Sprache“ und „Zensur durch politische Korrektheit“ wurde die Debatte um die Änderungen in den Preußler- und Lindgren-Büchern emotional und schlecht geführt, eine echte Auseinandersetzung war schwierig. Beim taz.lab-Kongress im April steigerte sie sich bis zum Eklat. Dabei sollte es in der Debatte eigentlich nicht darum gehen, wer richtig und falsch liegt, sondern vielmehr um das Verständnis des Bedeutungswandels von Sprache.

Es geht um tiefsitzende Ressentiments – nicht um die Frage, ob Kinder „Mohrenkopf“ sagen und später in die NPD eintreten

Sprache ist eben nichts Unveränderliches, sondern etwas, auf das man Einfluss nehmen kann. Sie ist auch ein Ort, an dem man mit Rassismus ringen, ihm widersprechen und sich ihm widersetzen kann. Wer diese Gedanken annehmen kann, wird dem Zensurargument entgegensetzen, dass es Anpassungen von Sprache schon immer gegeben hat, etwa, um antisemitische Untertöne zu streichen. Und auf die Frage, ob man kleine Leser zu Rassisten erziehe, wenn man Kinderbüchertexte nicht anpasse, antworten, dass in der Kindheit das Grundgerüst von Werten, Normen und Worten angelegt wird. In dieser Debatte geht es nicht nur darum, rücksichtsvoll zu sein, sondern anzuerkennen, dass Menschen, die schwarz sind oder deren Eltern eine Migrationsgeschichte haben, in Deutschland keine Ausnahme mehr sind. Sie entscheiden heute mit. Es funktioniert immer weniger, sie als zu empfindlich abzustempeln.

Wir leben in einer heterogenen Gesellschaft, auch ihre Minderheiten sind keine einheitliche Gruppe. Was sie jedoch eint, ist der Protest gegen das Unsichtbarmachen ihrer Anliegen. Dafür stehen besonders der Bildungsbereich und die Medien in einer besonderen Verantwortung. Und wer einen genauen Blick in die Geschichte wirft, wird erkennen, dass der gesellschaftliche Wandel schon immer mit einem in der Sprache verbunden war.

HADIJA HARUNA