Deutsche Bücher

NACHRUF Die Buchhandlung „Landsberger Books“ in Tel Aviv gibt es nicht mehr. Ihr Antiquar Ernst Laske war einer der letzten Jeckes: Die Kultur der ehemals deutschen Juden in Israel ist im Verschwinden begriffen

Vor dreißig Jahren reihten sich in der Tel Aviver Ben Jehuda Kaffeehäuser aneinander, in denen sorgfältig gekleidete ältere Damen und Herren bei glühender Sommerhitze Sahnetorten verzehrten. In kleinen Restaurants konnte man gewaltige, mit absolut unkoscherer Wurst belegte Brötchen erwerben. Gut sortierte Kioske boten neben der hebräischsprachigen Presse die Frankfurter Allgemeine und den Spiegel an. Die Ben Jehuda war die Straße der Jeckes, der ehemaligen deutschen Juden. Wir wurden freundlich aufgenommen. Einmal, ich erinnere mich, saßen wir im falschen Bus und stritten miteinander auf Deutsch, wo wir aussteigen müssten, um zur Ben Jehuda zu kommen. Da sprach ein älterer Herr eine Reihe hinter uns im breitesten Berlinerisch: „Die übernächste raus, dann links und immer jeradeaus!“

Ich habe nicht weiter darauf geachtet, was für ein Geschäft heute in der Ben-Jehuda-Straße Nummer sieben untergebracht ist. Es ist auch einerlei. Aber ich weiß, was es dort bis vor wenigen Jahren unter dem großen gelben Reklameschild zu kaufen gab: Bücher. „Landsberger Books, gegründet 1930“ stand da.

Die Auslage im Schaufenster war nicht sonderlich interessant. Und auch der erste Raum im Innern, wo der Lesestoff wohl geordnet auf Käufer wartete, dort wo die Besitzerin Esther Parnes ihren Sitz hatte, blieb dem deutschen Besucher inhaltlich weitgehend verschlossen, denn fast alle Werke waren in Hebräisch verfasst, zu lesen von rechts nach links und deshalb leider vollständig unverständlich. Frau Parnes, eine gepflegte ältere Dame mit perfekt frisiertem Haar, wünschte einen Guten Tag. Sie tat das auf Deutsch, denn natürlich hatte sie sofort erkannt, dass es sich bei diesem Besucher unmöglich um einen Israeli handeln konnte. Sie wusste schon, wo sie den Kunden hinschicken musste: nach links um die Ecke in einen schmalen Gang, dessen beide Seiten mehr als mannshoch mit gefüllten Regalen verstellt waren.

Der Autor, Jahrgang 1957, ist leitender Redakteur (Chef vom Dienst) bei der taz und Buchautor. Er ist verheiratet und lebt in Berlin.

■ Zuletzt veröffentlichte er im Jüdischen Verlag „Nicht mit uns: Das Leben von Leonie und Walter Frankenstein“ (2008). Es ist die Geschichte vom Überleben einer jüdischen Familie in Nazi-Deutschland – und ihres Neuanfangs in Israel.

■ Im April erscheint sein neues Buch „Der Ausgetauschte: Die außergewöhnliche Rettung des Israel Sumer Korman“ im Scherz Verlag. Er beschreibt darin, wie ein jüdischer Junge unter abenteuerlichen Umständen dem Holocaust entkommt.

Am Ende dieses Gangs eröffnete sich ein quadratisches Zimmer mit einem Fenster in den Hinterhof. Und dort stapelten sich die Bücher vom Boden bis zur Decke. Deutsche Bücher. Die Regale waren nicht in der Lage, all den Lesestoff zu fassen. Bücherstapel machten sich am Fuß dieses Gebirges breit, mäanderten in die Ecken und sprangen über auf den breiten Tisch in der Mitte des Zimmers, der den Gang entlang der Wände furchtbar eng machte. Ein Ventilator erzeugte eine Ahnung davon, was frische Luft sein könnte.

Das war das Reich von Ernst Laske, dem Antiquar. So wie Esther Parnas’ Eltern einst mit ihren Eltern aus Deutschland nach Tel Aviv gekommen waren, so war auch Herr Laske ein ehemaliger deutscher Jude, geboren 1915 in Berlin. Aber Laske, schon damals längst im Rentenalter und mit nur noch wenigen grauen Haaren auf dem Kopf, war nicht irgendein Antiquar. Ich habe nie wieder einen Menschen getroffen, der sich so wissend über Bücher, Autoren und Verlage äußern konnte wie er.

Die Juden in Cöln

Laske fragte nach meinen Interessengebieten. Ich hatte wenig Ahnung von Literatur und murmelte etwas von der Geschichte der deutschen Juden. Er verwies auf Lichtheims Geschichte des deutschen Zionismus und Blumenthals „Erlebte Judenfrage“. Er suchte aus einem der Riesenstapel ein Buch aus dem 19. Jahrhundert über die Juden in Cöln hervor. Wir begannen über den Zionismus zu diskutieren, ich, der ahnungslose Israel-Novize, und er, der auf der Flucht vor den Nazis Deutschland verlassen musste. Er ließ mich seine intellektuelle Überlegenheit nicht spüren, begann zu erklären, legte noch ein Buch dazu und noch eines und noch eines.

Von da an, es mochte das Jahr 1982 gewesen sein, saß ich fast jedes Jahr einmal im Bus Nummer vier zur Ben-Jehuda-Straße. Natürlich nicht nur wegen Herrn Laske und der Bücher. Oder doch?

Ernst Laske hatte im KZ Buchenwald gesessen. Er kam kurz nach dem Krieg aus dem Exil über Dänemark und Schweden nach Israel und lebte lange Jahre in einem Kibbuz. Schon sein Vater Gotthard hatte leidenschaftlich Bücher gesammelt und gründete den Berliner „Fontane-Abend“. Er brachte sich 1936 um. Die Mutter starb in Auschwitz. Der überlebende Sohn Ernst blieb bis auf eine kurze Episode Single. Verheiratet war er mit seinen Büchern. Er hatte einige wenige Exemplare aus der Sammlung seines Vaters in den Nahen Osten mitbringen können. Sie waren sein ganzer Stolz. Doch das Gros, um die 10.000 Bände, wurde ein Raub der Nazis.

Aber von sich selbst erzählte er selten. Seine Welt war Gedrucktes, und meine literarischen und historischen Interessen erweiterten sich parallel zu Laskes stets lehrreichen Hinweisen und Empfehlungen. Über Vera Figners „Nacht über Russland“ ging es zu Feuchtwangers „Exil“. Es folgte Koestlers „Sonnenfinsternis“ – „das muss man gelesen haben, um die Sowjetunion zu verstehen“, hatte Herr Laske gesagt. Dann kam der Literaturkanon aus der Weimarer Republik an die Reihe. Die Werke des Exils. Und ich begann schließlich, die Literaturgebirge selbstständig zu besteigen und zu erforschen, nur mit einer wackeligen Holzleiter ausgestattet.

Bei der Suche stellte sich schnell heraus, dass die verstaubten Bücher häufig in keinem guten Zustand waren, was keineswegs in Herrn Laskes Zigarettenkonsum gründete. Diese Bücher hatten einiges mitgemacht, ebenso wie ihre früheren Besitzer, die mit ihren in die Innendeckel geklebten Exlibris präsent blieben. Sie kamen aus Deutschland, auf der Flucht vor den Nazis, in hölzernen Containern, Lifts genannt, übers Meer nach Palästina. Die Bücher bildeten den Rest bürgerlicher Existenz des vormals demokratischen Deutschlands, der nun vertrieben wurde. Sie verwiesen im damals armen Israel auf ein früheres Leben, dem manche der Jeckes nachtrauerten.

Viele der Bücher besaßen Wasserschäden. Ihre gewellten Einbanddecken zeugten davon, dass die Lifts an Bord der Schiffe nicht dicht genug verschlossen waren. Oft waren die Rücken abgeplatzt. Manche Werke trugen verblasste Grüße aus einer untergegangenen Welt auf der Titelseite: In Widmungen wünschten die Zurückgebliebenen in Deutschland dem Auswanderer alles Gute in der neuen Heimat.

Wir wissen, was aus den Zurückgebliebenen geworden ist.

Zuletzt besuchte ich Ernst Laske ein Jahr nach dem Golfkrieg 1991, als das Fenster im Hinterzimmer aus Furcht vor chemischen Sprengköpfen der Scud-Raketen Saddam Husseins noch dicht verschlossen und mit schwarzem Kunststoff verklebt blieb. Die meisten der Kaffeehäuser in der Umgebung wa- ren da schon verschwunden. Es gab keine unkoschere Wurst mehr.

Als ich vor einigen Jahren wiederkehrte, war der Buchladen verschwunden. Doch, ganz oben in der Ben Jehuda 116, dort, wo immer noch ein paar Jeckes wohnen, fand sich Landsberger wieder. Der Laden war deutlich verkleinert. Nur noch wenige Regale mit deutschen Büchern standen in der hinteren Ecke rechts, und die bargen kaum mehr Überraschendes. Doch Esther Parnas saß immer noch äußerlich völlig unverändert an der Kasse und wünschte einen Guten Tag. Unterstützt wurde sie nun von ihrem Sohn Yuval. Das große gelbe Reklameschild hing wieder über dem Schaufenster. Ernst Laske aber war nicht mehr dort. Er sei dann doch in Pension gegangen, erzählte Frau Parnas.

Die Bücher bildeten den Rest bürgerlicher Existenz des vormals demokratischen Deutschlands

In den Folgejahren kam ich immer mal wieder bei Landsberger vorbei. Doch es fehlte das vollgestopfte Hinterzimmer mit den Bücherbergen und es fehlten vor allem die lehrreichen Hinweise von Herrn Laske.

Als ich nun vor einigen Wochen erneut den Laden suchte, war er weg. Einfach verschwunden. Ein Bekannter berichtete, das Geschäft habe sich nicht mehr rentiert.

Nicht nur der Bookshop Landsberger ist nicht mehr da. Die ganze Welt der Jeckes befindet sich in einem Prozess der natürlichen Auflösung. Ernst Laske ist im Jahr 2004 verstorben. Es gibt kaum mehr Sahnetorten. Tel Aviv ist natürlich immer noch genauso laut, aufgeregt, intellektuell, ausgelassen und wunderbar wie immer. Aber nur fast.