Momente traumartiger Intensität

EPISCH Dominik Grafs erstaunlich großartige Fernsehserie: „Im Angesicht des Verbrechens“ (Internationales Forum)

Das große Kino der USA kam in den letzten Jahren vor allem aus dem Fernsehen, mit episch sich über viele Staffeln verzweigenden Serien wie „The Wire“, „Sopranos“, „24“ oder „Mad Men“. In Deutschland gab es Vergleichbares bislang nicht. Hier macht Dieter Wedel mühsam aufgebrezeltes Fernsehen von gestern, von all den Sokos der Öffentlich-Rechtlichen und den aufwendig faden Formaten der Privaten schweigt man besser sofort.

Erste Vorstöße, etwas Neues zu probieren, finden auf dem Terrain des beliebtesten aller deutschen Fernsehgenres statt, der Krimiserie. „Blackout“, sehr kühl, bei Sat.1, „KDD“, außerordentlich hektisch, beim ZDF, beides Kritiker-, aber keine Quotenerfolge, und nun, als ambitioniertestes dieser Unternehmen, der Zehnteiler „Im Angesicht des Verbrechens“, entstanden für den WDR und für Arte. Produziert von der Firma Typhoon, die nach dem Dreh aufgrund falsch kalkulierter Kosten erst mal in Konkurs ging. Von den Entstehungsbedingungen her nicht ausdrücklich Kino. Aber der Regisseur Dominik Graf versteht es, im Fernsehen größeres Kino zu machen als fast alles, was sonst so in Deutschland produziert wird. Deshalb hat das Internationale Forum völlig recht, die Serie in seinem sonst eher dem Kunst-, nicht dem Genrefilm gewidmeten Programm zu zeigen.

Stilistische Vorbilder findet man dabei nicht so sehr in den jüngeren Serien, eher im europäischen Genrefilm der Siebzigerjahre

Zehn Folgen, zwei Berliner Milieus, eine Unzahl von Figuren und Ereignissen. Ein Drehbuchautor (Rolf Basedow), ein Regisseur (Dominik Graf) – und eine ganz gewaltige Kraftanstrengung.

Die Milieus: die Polizei einerseits, mit zwei Helden, die auf Beförderung brennen. Marek Gorsky (Max Riemelt) und Sven Lottner (Roland Zehrfeld). Umgeben von autoritären Chefs und korrupten Kollegen. Das andere Milieu ist das einer veritablen Westberliner Parallelgesellschaft: eine russisch-jüdische Lebenswelt, die durchzogen ist von mafiösen Strukturen. Zigarettenschmuggel, Menschenhandel, Versicherungsbetrug. Zwei Zentralfiguren auch hier: Mischa (Misel Matisevic), Restaurantbetreiber und Krimineller, und seine Frau Stella (Marie Bäumer). Sie ist die Schwester des Polizisten Gorsky. Was für Komplikationen sorgt.

„Im Angesicht des Verbrechens“ hat Tempo und Fülle. Regelmäßig kehren Einstellungen wieder, die Berlin in Totalen in den Blick nehmen, von oben, bei Nacht. Dazwischen begeben sich Drehbuch und Regie mitten hinein. Ermittlung mit Action-Einsätzen, eine Liebesgeschichte mit märchenhaft-romantischem Kern, ausgedehnte Milieuschilderung, Russendisko inklusive, und die höchst prekäre Beziehung zwischen Bruder und Schwester sind die motivischen Hauptstränge. Das Bild eines fremden Berlins entfaltet sich, einer merkwürdig unvertrauten Stadt mitten in der unseren.

Die stilistischen Vorbilder findet man dabei nicht so sehr in den jüngeren Serien, eher im europäischen Genrefilm der Siebzigerjahre. Ganz bewusst filmt Dominik Graf nicht im heute modischen, von Handkamerareißschwenks geprägten pseudokumentarischen Stil. Sehr klar und souverän sind, bei stets hohem Tempo, die Bilder, die Kameramann Michael Wiesweg einfängt.

Rolf Basedow hat für sein Buch genau recherchiert, entfernt sich dennoch selbstbewusst immer wieder von realistischer Straightness. Die Serie kennt Momente traumartiger Intensität, übersteigert grandios manches Klischee und ist oft auch von finsterer Komik. Ein Mafioso lässt Rosenblüten regnen für die Frau, die er liebt; einen anderen Mann treibt die Liebe zu einem Hund namens Stalin zum äußersten. Dominik Graf ist genau der richtige Mann für die Facetten des Buchs: die Bewegungen zwischen Berliner Abwasserkanal und ukrainischem Märchensee, die Vitalität des Verbrechens und die Melancholie und die Schnoddrigkeit seiner Verfolger, all das bekommt er fabelhaft hin.