Wie geht das denn so mit der Autonomie?

REVISION Der feministischen Zeitschrift „Die Schwarze Botin“ gilt ein Projekt von Barbara Ehnes bei den Wiener Festwochen

Was bleibt vom Pathos und den großen Theorien der Jahre 1968ff? Da schauen sonst wortreiche Protagonisten – Protagonistinnen erscheinen weniger wortreich und zahlreich – irgendwann verlegen zur Seite: außer der Frauenbewegung nicht allzu viel. Während sich die sozialistischen Eminenzen um die Revolution auf allen Kontinenten kümmerten, suchten andere, hauptsächlich von Frauen getragene Formen der Politisierung, emanzipatorische Praxis in eine alltägliche von Herrschaftsverhältnissen entstellte Wirklichkeit zu tragen. Eine zeitgeschichtliche Rückschau nannte dies dann die Zweite Welle des Feminismus und verband damit die Annahme, dass seit den 90er Jahren eine Dritte Welle entstanden ist, mit immer feingliedrigeren Reflexionen über Differenzen und Identitäten.

Sind gegenwärtige, weitgehend im akademischen Milieu situierte Reflexionen von Gender Studies und Queer Theory überhaupt historisch anschlussfähig zu den politischen Kämpfen der 70er und 80er Jahre? Dies Frage stößt ein Projekt von Barbara Ehnes bei den Wiener Festwochen zumindest an. „Die Schwarze Botin – remastered and remistressed 2013“ erklärt das Theater zu einer Art von Wahrheitskommission für reale Geschichten und Tatbestände.

Gerade als autonomes System gewinnt Poesie eine politische Dimension in der „Schwarzen Botin“

Mit der von Brigitte Classen und Gabriele Goettle 1976 gegründeten und mit Unterbrechungen bis 1987 erscheinenden Zeitschrift Die Schwarze Botin wählt Ehnes für ihr Unternehmen einen Solitär der linken Geschichte in den 70ern aus. In der einmaligen Zusammensetzung ihrer Autorinnen, darunter zu unterschiedlichen Zeiten etwa Heidi von Plato, Ginka Steinwachs, Elfriede Jelinek und Elfriede Gerstl, sind in den Texten der Schwarzen Botin ästhetische und politische Entwürfe gleichermaßen von Gewicht und wechselseitig durchdrungen. Gerade als autonomes System gewinnt Poesie eine politische Dimension. „Die Grenzen der Sprache müssen gesprengt werden, damit sie nicht die Grenzen der Welt bleiben“ (Brigitte Classen). Der Umstand, dass sich die Formen der Reflexion und Horizonte ihrer Inhalte auf gleicher Höhe bewegen, machen Die Schwarze Botin zu einem kaum einholbaren Moment in der Geschichte linker Diskurse, die in ästhetischen Fragen doch immer wieder ins Plakative tendieren.

Die Bühneninstallation im Schauspielhaus lässt teilhaben an einer fiktiven Redaktionssitzung, die Texte aus den historischen Ausgaben für eine ebenso fiktive Ausgabe neuerliche Schwarze Botin diskutiert, unter neueren theoretischen Auspizien auf „Gehalt“ und „Haltbarkeit“ abgeklopft. Statt hartem Dokumentartheater sucht Ehnes die spielerische Annäherung. Der Zuschauerraum des Schauspielhauses birgt statt der gewohnten Stuhlreihen Polstermöbel, die die ZuschauerInnen in eine Mischung aus Lounge und 70er-Jahre-Altbau-WG aufnehmen. Dazwischen stehen zwei Newsroom-artige Tische mit Laptops. Vier Leinwände darüber zeigen zunächst Schnipsel eines Dokumentarfilms (auch fiktiv) über die Schwarze Botin.

Darunter geht’s dann endlich zur Sache. Für den Clash of Generations haben sich etwa mit Heidi von Plato, Ginka Steinwachs und Mona Winter reale Botinnen von damals eingefunden. Ihre Mit- und manchmal freundliche GegenspielerInnen sind drei junge Frauen aus dem akademischen Milieu von Gender und Queer Theories. Die Dialoge zwischen Oldschool-Feminismus und postmodernen Differenzphilosophien aus dem aktuellen akademischen Bauchladen bleibt seltsam unergiebig. „Aber die Herrschaft der Männer ist doch etwas Reales!“

Gegen die Selbstermächtigungskonzepte der Vergangenheit erscheint manche Manifestation der Gegenwart als seltsames Rückzugsgefecht. Die Schwarze Botin böte aber genug Texte, die sich ihrerzeit mit einer erfrischenden Polemik gegen das Schönreden einer Selbstmarginalisierung in Teilen der feministischen Bewegung gewandt haben. Wenn man gerne bei der Sache geblieben wäre, drängt die Ökonomie der Aufmerksamkeit zu neuen spielästhetischen Mätzchen, wie einer „Kommentarebene“ in Form eines begleitenden Chats auf der Leinwand.

Was den Abend dann doch sehenswert macht, ist die unlösbare Verschränkung von Dichtung und Aufführung in den Vorträgen von Ginka Steinwachs. Denn lange vor einem „performative turn“ in den Kulturwissenschaften führte sie in ihrer poetischen Praxis Sprache und körperliche Repräsentation, geschult an Dada und Surrealismus, in herrschaftskritischer Perspektive zusammen.