Die Dicke von Marzahn

Hippen empfiehlt „Die Friseuse“ von Doris Dörrie ist gleich nach der Premiere auf der Berlinale schon in den Kinos. Gabriela Maria Schmeide brilliert mit Wärme und Witz

„Schaff ick!“ ist das Credo von Kathi König, der Heldin dieses Films, in dem davon erzählt wird, wie sie sich auch durch die widrigsten Umstände nicht kleinkriegen lässt. Nachdem die gelernte Friseurin von der Chefin eines Friseursalons (Maren Kroymann mit einem schön biestigen Gastauftritt) wegen ihres Aussehens keine Arbeit bekommt und von ihr dazu auch noch gedemütigt wird, versucht sie mit allen Mitteln, im gleichen Einkaufszentrum selber einen Salon zu eröffnen. Kathi ist eine Frohnatur, die alles mit viel Energie und Leidenschaft anpackt. Peinlich ist dies nur ihrer pubertierenden Tochter – der Film ist dagegen ganz auf der Seite seiner Protagonistin, sodass er zwar die körperliche Fülle von Kathi in schockierender Plastizität präsentiert, sie aber auch als eine starke, schlagfertige und komplexe Frau ausformt. Im Drehbuch von Laila Stieler wird eine feine Balance zwischen komödiantischen Elementen und sozialem Realismus gehalten. Kathi muss mit den demütigenden Ressentiments vieler ihrer Mitmenschen, den lethargischen Bürokraten beim Arbeitsamt und einem abschätzigen Existenzgründungsberater fertig werden, aber ihr schöner Traum von einem eigenen Friseursalon gibt ihr eine verblüffende Standfestigkeit.

Gabriela Maria Schmeide verkörpert diese im besten Sinne des Wortes merkwürdige Person mit viel Wärme und Witz

Gabriela Maria Schmeide verkörpert sie mit soviel Wärme und Witz, dass diese im besten Sinne des Wortes merkwürdige Person einem auch lange nach dem Film nicht aus dem Sinn geht. Aber gerade für Bremer, die die Schauspielerin ja als langjähriges Mitglied des Ensembles des hiesigen Theaters kennen, ist ihr Anblick erst mal gewöhnungsbedürftig. Kathi ist extrem dick, und da passt auch keine höfliche oder politisch korrekte Umschreibung mehr – der Film heißt ja auch nicht „Die Friseurin“. Mit vielen maskenbildnerischen Ausstopfungen, die in der Branche „Fatsuit“ genannt werden, sowie einem Körperdouble dessen Rückenansichten geschickt in den Film eingeschnitten wurden, verkörpert Gabriela Maria Schmeide diese Frau als einen Frontalangriff auf das gängige Schönheitsideal. Mit ihrer permanent guten Laune, die oft ans Manische grenzt, aber (zumindest vom sicheren Abstand des Kinosessels aus) nie auf die Nerven geht, ist sie eine Seelenverwandte der Poppy in Mike Leighs „Happy Go Lucky“, der wohl auch ein wenig als Modell für diese Komödie gedient hat.

Doris Dörrie zeigt den Berliner Marzahn, in dem Kathi aufgewachsen und in den sie nun zurückgekehrt ist, als einen lebendigen Kiez ohne die gängigen Klischees von sozialer Verelendung. Die Menschen dort haben wenig Geld, verwahrlosen aber nicht. Und zu solch einer funktionierenden Nachbarschaft gehört auch ein wenig Kriminalität, in die Kathi hineingezogen wird, weil sie auf normalen Wegen ihren Salon nicht finanzieren kann. So kann Doris Dörrie auch ganz natürlich von der vietnamesischen Subkultur Berlins erzählen, und durch den illegalen Einwanderer Tien wird auch der Dauerkrieg zwischen Kathi und ihrer Tochter befriedet.

Das Drehbuch ist gespickt mit solchen überraschenden Wendungen, und Doris Dörrie gelingt es, all das glaubhaft und berührend in Szene zu setzen, obwohl sie zum ersten Mal nicht nach einem eigenen Drehbuch arbeitet. Dieses stammt von Laila Stieler, die für Andreas Dresen u.a. „Wolke 9“, „Willenbrock“ und „Die Polizistin“ geschrieben hat undmit dem übrigens Gabriela Maria Schmeide ihren ersten großen Erfolg im Fernsehen feierte. So schließen sich die Kreise, nur die Regisseurin ist neu in dieser Filmfamilie. Man kann sich schon fragen, warum gerade die Münchnerin nun diesen Film gemacht hat, der sowohl stilistisch wie auch inhaltlich wenig mit ihrer bisherigen Arbeit zutun hat.