PETER UNFRIED ÜBER CHARTSWAS WIRKLICH ZÄHLT IM 21. JAHRHUNDERT. FOLGE 3: PROVINZ

Der New-York-Flug ist der Sepplhut des 21. Jahrhunderts

Bisher erschienen: 1. Latein. 2. Keine Tiere essen.

Auf dem Dorf groß geworden. Die alte Geschichte: kein Kino, kein Gymnasium, keine Kommune. Dafür Misthaufen, Musikverein und absolute CDU-Mehrheit. Autoritäre Schaffner. Einarmige Lehrerveteranen, die mir sagten, ich würde es schon noch kapieren, wenn ich erst bei der Wehrmacht wäre.

Also ab nach Tübingen. Oder vielleicht doch schnell weiter nach Berlin. Provinz war etwas, das man überwinden musste.

Aber Metropole ist etwas, wo man nicht einfach am Hauptbahnhof aussteigen kann. Manche kommen nie an. Man erkennt sie daran, dass sie sich immer noch offensiv von der Provinz glauben abgrenzen zu müssen. Mit ihren albernen Sepplhüten.

Sicher ist auch heute noch in der Provinz vieles Mist, was glänzt. Dennoch ist es höchste Zeit, sie sich aus einem anderen Blickwinkel anzuschauen. Provinz ist der Ort, an dem Zukunft entsteht, was eine große Frage des 21. Jahrhunderts angeht – die Energiefrage. Wir haben etwa 30 Jahre Zeit, das Problem zu lösen. Das ist eine Generation. Also unsere. Und was machen wir? Verfeinern unsere Ausreden beim Bioschnitzel.

Und bei den Sepplhüten geht es ab. Bayern hat die höchste Solarstromdichte der Welt. Die Arbeitsgemeinschaft Bayerischer Solarinitiativen ist eine Energieavantgarde in Europa. Die 100-Prozent-Region, also die komplette Energieversorgung durch erneuerbaren Strom bis 2030, ist zwar nicht flächendeckend Realität, aber vielerorts gesellschaftlicher Konsens.

Wie schaffen die Provinzler das, sich als bürgerliche Zivilgesellschaft zu formieren, und dann auch noch gestaltend – obwohl die politischen Mehrheitsverhältnisse aus Sicht des kulturlinken Städters erschütternd sind? Eine These: Die Metropolen-Bürger beherrscht der Dienstleistungsgedanke. Die Landbürger leben näher am Selbstversorgungsgedanken. Zwar hat auch unsereiner ab und an Natursehnsucht, aber die wollen wir als Dienstleistung befriedigt bekommen. Zweitens: Die sozialen Netze in der Provinz sind nachhaltiger und stabiler. Drittens: Ein nachhaltig engagierter, gut vernetzter Akteur kann eine ganze Region revolutionieren. Ein Indiz für diese These ist die Bedeutung des grünen Bundestagsabgeordneten und Energiepioniers Hans-Josef Fell für Hammelburg und Umgebung. Fell lebt dort die Energiemoderne. Und treibt sie mit Gleichgesinnten jenseits anachronistischen Lagerdenkens voran. Viertens: Sie haben es kapiert. Im Gegensatz zu uns.

Klar, es gibt auch eine andere Provinz, in der kaum was läuft. Außer Nazis. Die Provinz ist dort zukunftsgewandt und das Bürgerengagement stark, wo Brain ist, die Abstiegsangst die Leute nicht kirre macht und Kleingeld da ist zum Investieren. Wo, wenn nicht dort? Es wäre piefig und unpolitisch, den Engagierten vorzuwerfen, dass sie gut ausgebildet und nicht arm sind.

Die Frage ist, wie lange wir umtriebigen Metropolenmenschen es noch hinnehmen, dem klimakulturellen Niveau des Provinzlers so eklatant unterlegen zu sein. Was sagt der Metropolenbewohner dazu? „Ha, dafür verzichte ich auf ein Auto.“ Stimmt. Aber warum? Weil er es sich leisten kann. Und mit seinem Kleingeld fliegt er nach New York. Jeans einkaufen. Ins Museum gehen. Das galt grade noch als gelebtes Globalmetropolenbürgertum. Mir auch. Es ist interessant, wie man sich ins Hirn scheißen lassen kann.

Aber Zeiten ändern dich. Die Provinz ist jetzt der Ort der gelebten Moderne. Und der New-York-Flug ist der Sepplhut des 21. Jahrhunderts. Aber, bitte: wem’s steht. PETER UNFRIED

Hinweis: Charts Fragen zu Sepplhüten? kolumne@taz.de DIENSTAG: Barbara Dribbusch GERÜCHTE