Papst-Enzyklika: Zucht und Schwung durch Reinigung

Kommentar von Wiglaf Droste

Nach einem Dreivierteljahr im Amt hat Papst Benedikt XVI., vormals Joseph Ratzinger, sein erstes Rundschreiben in die Welt entlassen. Thema des obersten Katholiken ist die Liebe. Erwartbare Spekulationen darüber, ob einer, der im Zölibat lebt, überhaupt genug davon verstehe, um sich ergiebig äußern zu können, sind uninteressant beziehungsweise Ministrantensache.

Der Papst ist ein belesener Mann. Er zitiert Vergil, Descartes und Nietzsche, und er scheint es auch gut zu meinen mit den Menschen, denen er Hirte sein will. „Die höchste Seligkeit“ gönnt er uns, die wahre, die wahrhafte Liebe, und er ist gebildet genug, um zu wissen, dass in entfremdeten Verhältnissen, in denen alles, also vor allem auch die Liebe, eine Ware ist, kein Glück zu haben ist.

Leider aber ist der Papst, und das macht ihn als Denker sehr dürftig, kein Suchender. Die Ergebnisse seiner Forschungen stehen im Gegenteil immer schon vorher fest. Das ist so langweilig wie unseriös. Bräsig und aufgeschäumt formuliert er: „Reinigungen und Reifungen sind nötig, die auch über die Straße des Verzichts führen“, knallt mit der Peitsche der „Zucht“ herum und behauptet ohne Begründung, „Quelle der Liebe“ könne der Mensch ausschließlich werden, wenn er selbst „aus der ersten, ursprünglichen Quelle“ trinke, „bei Jesus Christus, aus dessen geöffnetem Herzen die Liebe Gottes selber entströmt“.

Von der zwanghaften, unappetitlichen Blutsäuferrhetorik abgesehen: Klar, warum nicht bei Jesus die Liebe suchen? Abgefuckter als eine Internet-Partnerbörse ist der Tempelkrempel auch nicht. Ausgerechnet die schmallippige Herzjesuküsserei aber als allein Seligkeit offerierenden Weg zu Liebe, Glück und Göttlichkeit festzuschreiben ist eine armselige Romanze in oll: Der Papst, mag er noch so auf poppig machen, hat am Ende doch immer nur die alte katholisch-dogmatische Drangsal auf der Pfanne.

Es gibt nichts Schöneres und Größeres als die Liebe. Was sie ist und wie man sie lebt, davon weiß der Papst wenig, spielt sich aber als Kenner auf, bietet einen einzigen, als trostfern verlässlich diskreditierten Weg an und erklärt alles andere für minderwertig. Das mag zu seinen Pflichten als katholischer Vorstandsvorsitzender gehören, hilfreich ist es nicht.

Dass man sich auf der Suche verirren kann, gehört zum Leben. Leuchtfeuer sind deshalb unverzichtbar; der Papst aber ist nur ein Freibeuter, der Reisende in die Falle lockt, um sie anschließend auszuplündern. Lieber halte ich mich an einen Mann, der das Wesen der Liebe kannte und adäquat beschrieb – Peter Hacks. Dies ist die Schlussstrophe seines Gedichts „Als mein Mädchen zu Besuch kam“:

Diese Nacht war von den Nächten,

Wo der Mensch die Liebe spürt,

Wo die Knoten sich entflechten,

Die man ihm ums Herz geschnürt,

Als mein Mädchen zu Besuch kam,

Unerwartet wie ein Lied,

Und wo ich sie auf das Tuch nahm,

Das mein Bette überzieht.

„Wo die Knoten sich entflechten, / Die man ihm ums Herz geschnürt“: In diesen zwei Zeilen sind mehr Weisheit und Liebe als in 80 Seiten päpstlichen Enzyklikentums.