Geburt aus dem Geist der Mensa-Verkaufstische

ZEITGESCHICHTE Drei Gründungswellen für linke Buchläden gab’s in der Bundesrepublik im Anschluss an die 68er-Revolten: Das Interesse an marxistischer Theorie war groß, und auch die Verbreitung kurzlebiger Pamphlete bedurfte stabiler Strukturen

Linke Buchläden, vertrauter Anblick in den Szenevierteln westdeutscher Großstädte, entstammen den politischen Bewegungen, die aus den Revolten um 1968 hervorgingen. In den 1970ern gab es drei Gründungswellen. Die erste setzte gleich Ende der 1960er-Jahre ein. Der Idee von Gegenöffentlichkeit verpflichtet, entwickelten sie sich mit ihrer Mischung aus Aufklärung und Agitation für eine breite sozialistische Bewegung oft direkt aus „fliegenden“ Mensa-Verkaufstischen.

Dort konnten neben Publikationen einer Reihe neuer linker Verlage, Ausgaben einer unüberschaubaren Zahl von Zeitschriften, Strategie- und Positionspapieren heiß begehrte Raubdrucke aus der subversiven Welt der Kommunen erworben werden. Nach dem Auseinanderfallen der „außerparlamentarischen Opposition“ (APO) beförderten vor allem diese Raubdrucke Vorstellungen einer neuen Pädagogik in den Kinderläden, dienten K-Gruppen der einseitigen Schulung für den „Klassenkampf“ und führten an den Unis zu einer Renaissance des Marxismus. Der „Markt für Marx“ boomte.

Erste Läden schlossen sich 1970 in einem Verband des linken Buchhandels (VLB) zusammen. In Bremen gehörte Bettina Wassmann zu den Gründungsmitgliedern. Der VLB verstand sich als Dienstleister für revolutionär gesinnte, fundamentaloppositionelle Gruppen. Er drang auf die politische Verwendung von Profiten und wollte den Markt durch Kooperation neuer „Literaturproduzenten“ strukturieren. Seine Mitgliederliste umfasste kein Jahr nach der Gründung 83 Verlage, Vertriebe, Druckereien und Buchläden. Als einige Projekte versuchten, diesen linken Buchhandel in einem „Verband des kommunistischen Buchhandels“ zu monopolisieren, spaltete sich der VLB. Die einen landeten beim Kommunistschen Bund Westdeutschlands (KBW), die anderen firmierten weiter als VLB.

Sie bildeten ein loses Netzwerk, das sich vom etablierten Buchhandel und dem Parteibuchhandel der DKP mit seiner „collectiv“-Ladenkette auf einem neuen politisch-literarischen Feld abgrenzte. Dominiert von undogmatischen „Spontis“ vertrat der VLB eine pluralistische Linke, deren kleinster gemeinsamer Nenner ein antistalinistischer Konsens war. Ihre bundesweiten Treffen dienten dem Austausch von Erfahrungen selbstverwalteter und kollektiv organisierter Arbeit.

■ 37, Politikwissenschaftler, erforscht am Zentrum für zeithistorische Forschung Potsdam die Geschichte der westdeutschen Linken und ihres Verbandes des linken Buchhandels von 1970 bis 1981.

Für die kleinen alternativ-ökonomischen Inseln Westdeutschlands erarbeitete sich der linke Buchhandel enorme Erfahrungsvorsprünge. Die Frankfurter Sozialistische Verlagsauslieferung (SOVA) fungierte als Schaltstelle. Zugleich trat der VLB als Schutzverband gegen Zensur und staatlichen Druck hervor, der Sympathisanten des „bewaffneten Kampfes“ von RAF bis „Revolutionäre Zellen“ auch bei den linken Verlagen und Buchläden suchte.

Mitte der 1970er-Jahre verblassten beim Großteil der linken Buchhändler die Hoffnungen auf die unmittelbar bevorstehende Revolution. Auch ihre Betriebsinterventionen hatten die Arbeiterklasse nicht kampfbereiter gemacht. Sie strebten nun danach, Politik und Leben in ihren Projekten zu verbinden. Neue soziale Bewegungen brachten neue Kollektive hervor. Mit ihnen öffneten, in einer zweiten Gründungswelle, erste Frauen- und Kinderbuchläden. Der Kampf gegen Atomkraft und für die eigenen Stadtteile hielt Einzug in die Verlagsprogramme. Aus früheren Agitationszentralen entwickelten sich die Läden zu wichtigen Kommunikationszentren in der Infrastruktur des alternativen Milieus – als Anlaufstellen mit festen Öffnungszeiten.

Spätestens die „44 Tage ohne Opposition“ (Kraushaar) des Herbstes 1977, als die RAF den damaligen Arbeitgeber-Präsidenten Hanns-Martin Schleyer entführte, bewirkten eine Neukonfiguration des Spektrums der radikalen Linken. Vor allem in der sogenannten Provinz entstanden nun neue Buchladenprojekte, sodass um 1980 mindestens 131 Läden unter der Flagge des VLB segelten: Linke Buchläden waren selbst in Leer („Taraxacon“), Delmenhorst („Album“), Uelzen („Blätterwald“) und Lüchow („Eulenspiegel“) anzutreffen.

Jedoch fiel es den Betreibern oft schwer, ihre Identität als linke Buchhändler mit Inhalt zu füllen und überhaupt politische Gemeinsamkeiten zu finden. Zudem hatten die Läden ihr Alleinstellungsmerkmal verloren, nachdem im etablierten Buchhandel die Hemmschwellen gegenüber den Produktionen linker Verlage sanken. Der VLB zerfiel in regionale Gesprächskreise. Die Grünen sammelten schließlich viele wieder ein, die in den 1970er-Jahren noch auf verschiedenen Wegen dem „Modell Deutschland“ zu entfliehen suchten. Namhafte Protagonisten des VLB, wie das Hamburger Konsortium um „Spartakus“, hatten zu diesem Zeitpunkt ihre Pforten bereits geschlossen. Andere erneuerten sich in den autonomen Bewegungen der 1980er-Jahre.

Wer seine Arbeit im linken Buchhandel zu einem existenzsichernden Beruf machen wollte, musste auf professionelle Weise auch den gewandelten Lektürebedürfnissen seines Publikums entgegenkommen. Statt weiter „Blaue Bände“ auszustellen, wurden Krimireihen und Reisebuchecken erweitert. Manche Läden entwickelten sich zu klassischen Universitätsbuchhandlungen, wie etwa die Hamburger Heinrich-Heine-Buchhandlung.

Heute werden viele der eilig verfassten Pamphlete, für deren Vertrieb linke Buchläden in den 1970er-Jahren benötigt wurden, nicht mehr verlegt, sondern hochgeladen und im Internet zwischen Blogs und Portalen verlinkt.