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Entlassungsproduktivität?

Das Unwort des Jahres stammt mal wieder vom Lieblingsfeind der Sprachwissenschaft: der BWL

Als kürzlich das Wort des Jahres bekannt gegeben wurde, kannte es schon jeder. „Bundeskanzlerin“ war in der Nachwahlzeit nicht zu überlesen. Mit dem Unwort des Jahres 2005, das gestern von einer Jury aus Sprachforschern, Journalisten und Schriftstellern benannt wurde, verhält es sich anders: „Entlassungsproduktivität“ tauchte im vergangenen Jahr ganze fünf Mal in der überregionalen Presse auf.

Der Begriff bezeichne „eine gesteigerte Arbeitsleistung, nachdem zuvor für überflüssig gehaltene Mitarbeiter entlassen wurden“, sagte der Jury-Vorsitzende Horst Dieter Schlosser. Damit verschleiere es die übermäßige Belastung derjenigen, die ihren Job behalten konnten.

Das Wort ist zynisch, keine Frage. Aber dass nach „Ich-AG“ (2002) und „Humankapital“ (2004) schon wieder ein Begriff aus dem BWL-Jargon gewählt wurde, verwundert. Hätten nicht eher die viel geläufigeren Begriffe „Ehrenmord“ (Platz 2) oder „Bombenholocaust“ (Platz 3) den Pranger verdient? Rührt die Vorliebe der Jury daher, dass die von Uni-Sparplänen bedrohten Germanisten mit Vorliebe in BWL-Bibliotheken nach Unwörtern blättern? Muss man sich dort bald vor Cordjackett tragenden Unwort-Jägern in Acht nehmen? Vermutlich. Aus der Zeitung können sie es schließlich nicht haben. MICHAEL AUST