Kommentar von THOMAS RUTTIG
Mit Mullah Baradar ist der eigentliche Taliban-Chef ins Netz gegangen. Baradar (dieser Kampfname bedeutet "Bruder") leitete deren tagtägliche Operationen. Über ihm rangieren nur Mulla Omar und dessen erster Stellvertreter Mullah Obaidullah. Doch Mullah Omar meldet sich nur sporadisch aus dem Untergrund und von Obaidullah hat man schon lange nichts mehr gehört.
Die erste Frage, die Baradars Festnahme in Pakistan aufwirft, lautet: Wird das längerfristig die Fähigkeit der Taliban schwächen, sich der Karsai-Regierung und ihren Nato-Verbündeten entgegenzustellen? Bisher haben die Taliban immer gezeigt, dass sie Verluste - auch von Schlüsselkommandeuren - recht schnell kompensieren konnten. Von 2002 an haben sie permanent ihren Einfluss ausgedehnt, sie operieren heute in allen Provinzen Afghanistans. Das ist mehr als je zuvor. Baradar ist als Operationschef allerdings eine Nummer größer als andere Kommandeure. Für die laufende Helmand-Offensive wird sein Ausfall sicher Konsequenzen haben.
Die zweite Frage ist, ob die von Präsident Karsai gepuschte Versöhnung mit den Taliban nun gefährdet ist. Die Antwort bleibt offen. Alles hängt von Pakistan ab. Bisher hat dessen Geheimdienst eher verständigungsbereite Talibanführer aus dem Verkehr gezogen. Zu denen gehört Baradar, der wohl Gespräche mit der UNO im Januar in Dubai abgesegnet hat.
Andererseits wäre es nicht das erste Mal, dass ein Deal mit Aufständischen geschlossen worden wäre, deren Führer in Haft saßen. Denken wir an Mandela und Xanana Gusmão in Osttimor. (Baradar ist allerdings nur "technisch" ein afghanischer Xanana.) In welche Richtung Pakistan auch denken mag - es hat sich in jedem Fall eine Trumpfkarte für den afghanischen Dialogprozess und künftigen Einfluss auf das Nachbarland gesichert.
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