Unter sich bleiben leicht gemacht

Feine Unterschiede (2): Bürger sein ist oft gar nicht schwer, Bürger werden dagegen sehr. Denn über Eigeninitiative wird nur geredet – gleichzeitig wird alles getan, um den gesellschaftlichen Aufstieg für Arbeiter, Frauen und Migranten zu behindern

VON MARK TERKESSIDIS

Irgendwann kurz vor der Wahl saß ich mit meinem Tenniskumpel Patrick nach dem Spiel beim Bier, als er recht unvermittelt meinte, dass ich doch eigentlich ein perfekter Kandidat für die FDP wäre. Seit 15 Jahren „Freier“, da verstehe man doch schließlich was von Eigenverantwortung. Patrick weiß, dass ich mich selbst klar links verordne. Für meine Geschichte als Redakteur von Spex hat er zudem ein echtes Faible, denn er steht auf Indierock und konnte sich zu jener Zeit gerade köstlich amüsieren über die Wahlkampf-Störaktionen der Anarchistischen Pogopartei. Allerdings arbeitet er als Vermögensverwalter für reiche Leute bei einer alteingesessenen Kölner Bank und sieht sich politisch eher im konservativen Lager. Und ganz ähnlich wie Ulf Poschardt etwas später im vergangenen Jahr unternahm Patrick den schulterklopfenden Versuch, mir eine Kombination von Subkulturaktivismus, Eigeninitiative und Liberalismus schmackhaft zu machen.

Da hab ich dann länger drüber nachgedacht. Zwar nicht darüber, ob ich die FDP wählen würde. Aber darüber, ob die FDP mir eigentlich irgendwann mal meine Eigeninitiative und Eigenverantwortung gestärkt hat. Ganz in ihrem eigenen liberalen Sinne; etwa durch Vorschläge, wie ich mein intellektuelles Mini-Unternehmen führen, absichern oder weiterentwickeln kann. Oder ob die FDP durch ihre Vertreter so etwas abstrahlt wie Eigeninitiative. Und ich dachte: kein bisschen. Im Fokus der FDP steht nämlich „die Wirtschaft“, nicht das eigenverantwortliche Individuum. Und wenn ich mir Guido Westerwelle so anschaue, dann sehe ich primär einen Parteisoldaten, dessen Karriere in der traditionellen deutschen Korporation FDP sicher nicht durch Eigeninitiative zustande kam.

Tatsächlich lassen diese Korporationen – die Unternehmen, die Gewerkschaften, die Kirchen, die Parteien usw. – Eigeninitiative überhaupt nicht zu. In Deutschland wird von Eigeninitiative und Eigenverantwortung eigentlich nur geredet. Weiter kommt man hierzulande aber nur, wenn man sich opportunistisch, einigermaßen servil und nicht allzu auffällig nach oben dient. Die Eigeninitiative ist Bestandteil des rhetorischen Mantras des Neoliberalismus, aber in Deutschland misstraut man dem Individuum so sehr, dass zu viel Initiative letztlich eher als Bedrohung wahrgenommen wird.

Insofern habe ich auch gar nicht den Eindruck, als wäre meine Eigeninitiative begrüßt und gefördert worden. Im Gegenteil. Ich möchte mal ein Bespiel nennen. Nach meinem Studium wollte ich eigentlich gleich promovieren. Nun hatte ich das Psychologiestudium unterbrochen, um bei einer Musikzeitung Redakteur zu werden und danach ein Buch über die deutsche Neue Rechte zu schreiben. Da ich auch noch zwei weitere Bücher herausgegeben hatte und meine Diplomarbeit sich gerade im Druck befand, ging ich naiverweise davon aus, dass ich für eine Doktorarbeit über Rassismus ziemlich sicher ein Stipendium bekommen würde. Keine Chance – fünfmal abgelehnt.

Was ich nicht wusste: Stipendien werden in Deutschland überhaupt nicht nach Leistung vergeben. Sondern der Maßstab ist eine Mischung aus Beziehungen, dem richtigen Stallgeruch und dem Diktat der intellektuellen Mode. Zunächst sind Noten oder Publikationen für die Vergabe von Stipendium vollkommen irrelevant – wichtig ist, dass der eigene „Doktorvater“ gute Beziehungen in die jeweiligen Entscheidungsgremien hat. Tatsächlich können zu viele Publikationen sogar schaden. Von einer Stiftung wurde mir das unglaubliche Argument kolportiert, dass man mich abgelehnt habe, weil ich ja bereits zu „berühmt“ sei – da könne ich die Arbeit ja auch selbst finanzieren. Die Voraussetzung für den Erfolg der Bewerbung wäre also gewesen, weniger Eigeninitiative und Leistungsbereitschaft zu zeigen.

Dieser Eindruck setzte sich bei den Bewerbungsgesprächen fort. Bei solchen Anträgen wird nicht nur ein wissenschaftliches Gutachten gestellt, auch der Lebenslauf ist ein Thema. Stipendien werden in Deutschland zum überwiegenden Teil vergeben von Parteien, Kirchen oder Gewerkschaften. Und da hat man eben die besten Aussichten, wenn man schon immer ein Rädchen im Getriebe dieser Korporationen war. Die eigene Herkunft bestimmt dabei letztlich über die Zukunft. Nichtdeutsche Herkunft passt im Übrigen nirgendwo – zumal dann, wenn man über Rassismus arbeiten möchte, und das auch noch qualitativ. Aus einem anderen Auswahlgremium wurde mir kolportiert, da habe ein Psychologieprofessor gesessen, dessen Argumentation ungefähr so ging: Wenn ein Ausländer mit anderen Ausländern in offenen Interviews über Rassismus redet – was kann da schon rauskommen.

Nun ist das Thema Rassismus allein schon ein rotes Tuch. Selbst am Ende der turbulenten Neunzigerjahre herrschte totale Realitätsverweigerung – ist passé, gibt’s nicht, interessiert uns nicht. Wenn man dann so ein Thema bearbeitet, muss man auf jeden Fall abchecken, wie die in den Medien amtlichen Modedenker dazu stehen. In dem Schreiben einer Stiftung, in dem man mir die Möglichkeit zur Wiedervorlage eröffnete, wurde ernsthaft als einer von zwei Kritikpunkten geäußert, dass es aufgefallen sei, dass ich den Namen Heitmeyer nicht erwähnt hätte.

Zuletzt habe ich aber doch noch ein Stipendium bekommen – im Alter von 35 von einer Kirche, in der ich nie Mitglied war. Muss ich erwähnen, dass der Erfolg mir nur mäßige Freude bereitet hat, weil das ganze Verfahren von vorn bis hinten über Beziehungen lief?

Genau so ist das in Deutschland. Eigeninitiative führt zu gar nichts. Gerade an der Universität haben in den letzten Jahren oft genug intellektuell mittelmäßige Typen Stellen bekommen, die sich beharrlich hochgedient haben. Erfolg haben diejenigen mit den richtigen Beziehungen, die den richtigen Stallgeruch verströmen und mit dem Flow gehen. Kein Wunder, dass dieser Filz für Arbeiterkinder, Frauen, Migranten und andere Minderheiten selbst bei ausgezeichneten Leistungen völlig undurchlässig ist.

Um noch mal auf die FDP zurückzukommen: Was haben die Liberalen nun getan, um diesem Filz zu Leibe zu rücken? In Wirklichkeit ist die Neue Bürgerlichkeit, von der zuletzt viel die Rede war, ein mühsam neu bemänteltes altes Bürgertum. Persönlich habe ich gar nichts gegen mehr Eigenverantwortung – ich habe mir dieses Leben ausgesucht. Aber wenn Eigenverantwortung zum gesellschaftlichen Leitprinzip werden soll, müssen auch die geeigneten Voraussetzungen geschaffen werden. Bislang hat das „Modell Deutschland“ darauf basiert, dass Bürger Bürger blieben und Arbeiter Arbeiter, aber dass man die Arbeiter für ihre Friedlichkeit mit guten Löhnen, viel Urlaub und hoher Sicherheit belohnte. Das ist vorbei. Wenn nun das neue System auf Eigenverantwortung basieren soll, dann setzt das radikale Reformen voraus, die auf mehr sozialer Durchlässigkeit beruhen.

Zum einen betrifft das den Bildungsbereich, denn hier werden überhaupt erst die Voraussetzungen für Eigenintiative geschaffen. Doch zurzeit hat die Bundesrepublik eines der ungerechtesten Schulwesen in Europa – hier wird strukturell nach sozialer und ethnischer Herkunft aussortiert. Es macht aber keinen Sinn, Leuten Eigenverantwortung zu predigen, wenn es die Herkunft ist, die über den Bildungserfolg entscheidet. Warum sollen Leute sich denn anstrengen? Zum Zweiten benötigt auch Eigeninitiative Absicherung. Am besten ein Grundeinkommen. Zumindest aber Sozialsysteme, die ohne moralische Skrupel den Zugriff auf Unterstützung ermöglichen, wenn ein risikoreiches „Projekt“ nicht funktioniert hat. Doch anstatt über solche Modelle konsequent nachzudenken, wird in Deutschland im Sozialbereich das Geld uneffektiv ausgegeben und die obrigkeitsstaatliche Mentalität gepflegt – durch Diskussionen über die „Faulen“, die man mit dem Detektiv aufspüren muss und dann zum Spargelstechen zwangsverdonnert.

Schließlich, zum Dritten, braucht Eigenverantwortung die Akzeptanz von Differenz. Wenn man an das Individuum appelliert, dann muss man dem Einzelnen auch entsprechende Freiräume zugestehen, was seine Lebensgestaltung anbetrifft. In Deutschland freilich sind diese Räume weiterhin begrenzt. Das äußert sich zum Beispiel in der hysterischen Debatte über den Islam. Oder an den Problemen bei der Durchsetzung des Antidiskriminierungsgesetzes. Denn dieses Gesetz soll Personen ja davor schützen, wegen ihrer Differenz irgendwelche Einbußen an gesellschaftlichen Entfaltungsmöglichkeiten zu haben.

Kürzlich hatte ich ein Erlebnis mit meiner Bank, das mir hinsichtlich meiner These über Eigenverantwortung in Deutschland Wasser auf die Mühlen war. Es ging um höhere Zinsen für mein Konto. Zunächst wollte der Angestellte, dass ich ein anderes Konto bei einer anderen Filiale des gleichen Unternehmens zu ihm bringe – schließlich sei er ein Profitcenter. Dann erklärte er mir, dass er die Zinsen nur bis zu einer bestimmten Höhe heraufsetzen könne, mehr würde ihm die Zentrale in Frankfurt nicht erlauben. Das kommt mir doch symbolisch vor für die deutschen Verhältnisse dieser Tage. Das derzeitige Modell Deutschland besteht aus einem Profitcenter, das von der Zentrale ständig gemaßregelt wird. Darin hat Eigenverantwortung keinen Platz.

Das ist die Realität. Aber um die zu verändern, muss man sie erst mal zur Kenntnis nehmen. Das derzeitige weltfremde Palaver über die Neue Bürgerlichkeit trägt dazu jedenfalls nichts bei.