Lenin und Schneewittchen

FREUNDSCHAFT Der eine schläft, der andere hat gezeichnet. Gut verstanden haben sich die Künstler Virgile Novarina und Jean-Oliver Hucleux trotzdem hervorragend, wie eine Ausstellung in Bremen zeigt

Wir sehen einen alten Mann, den französischen Künstler Jean-Olivier Hucleux. Langsam und leise erzählt er von seinem Leben und seiner Kunst. Warme Farben umgeben seinen rundlichen Kopf, er lächelt, räkelt sich in einem Sessel, beißt in ein Stück Kuchen. Er spricht vertraulich, denn vertraut ist sein Verhältnis zu dem jungen Mann, dem ebenfalls französischen Künstler Virgile Novarina, der diesen Film über ihn dreht, der nun Ausgangspunkt einer Ausstellung ist. Der 1976 geborene Novarina war mit Hucleux, der im vergangenen Jahr 89-jährig verstarb, eng befreundet. Die Galerie Mitte zeigt nun Arbeiten der beiden höchst unterschiedlichen Künstler. Novarinas Kunst basiert auf Schlaf, Hucleux gilt als realistischer Maler und Zeichner. Man fragt sich bald, was ihr Werk verbindet.

Virgile Novarina hielt sich bereits 2007 für einige Zeit als Stipendiat des Institut français in Bremen auf. Seine künstlerische Arbeit erinnert an empirische Studien: Novarina erforscht seinen Schlaf. Genauer: einen Punkt zwischen Wachen und Schlafen. Die Gedanken, die sich an dieser Schwelle kristallisieren, um kurz darauf dem Vergessen anheimzufallen, notiert er während dieser kurzen Phasen auf Büttenpapier, das neben seinem Bett bereitliegt. Er nennt diese Zettel seine fliegenden Blätter. Auf diese Weise rettet er diese Gedanken vor dem Vergessen.

Virgile Novarina schlief in Bremen bereits im Schaufenster eines Bekleidungsgeschäfts

Novarina notiert sie in Schrift, gelegentlich auch in Bildern. Am Morgen überträgt er dann sein nächtliches Gekritzel in eine saubere, lesbare Form. Diese Gedanken sind oft absurd, ähnlich wie Träume. Ein Zettel enthält die folgenden Verse: „Ein Wort zuvor / über diesen Direktor / des Bewusstseins.“ Novarina besteht darauf, dass es sich bei diesen Gedanken nicht um Träume handelt, dafür seien sie zu abstrakt. Während seiner Schlafperformances kann man Novarina zusehen: Seit einigen Jahren legt er sich in Schaufenster zum Schlafen. Auch in Bremen schlief er vor einigen Jahren bereits zwischen den Kneipen der Viertel-Ausgehmeile Fehrfeld im Schaufenster eines Bekleidungsgeschäftes. Der Schlaf, ein intimer Akt, wird hier überhaupt erst sichtbar – so wie die Gedanken, die auf der Klippe zum Wachsein erwachsen, erst durch die Notation sichtbar werden. Errettung erscheint als eine Grundidee bei Novarina.

Das öffentliche Ausstellen seines schlafenden Körpers erinnert an Lenin und Schneewittchen in ihren gläsernen Särgen. Lenin trotzt dem Tod und spielt den Schlafenden. Schneewittchen steht der Weg zurück ins Leben offen. Schlaf ist dem Tod ähnlich. Während sein Körper schlafend im Schaufenster liegt, befindet sich Novarinas Bewusstsein in einer fremden Welt, aus der er, kurz herausfallend, kleine Fragmente mit dem Stift in unsere herüberrettet.

Jean-Olivier Hucleux wurde mit großen, hyperrealistischen Portraits bekannt. 1972 zeigte er seine Arbeiten auf der Documenta. Mit einer Bleimine zeichnete er die großen Künstler der klassischen Moderne: Marcel Duchamp, Antonin Artaud, immer wieder Pablo Picasso. Sind diese Zeichnungen eine Art Verdoppelung der Wirklichkeit? „Hucleux’ Werk ist nicht hyperrealistisch, es ist hypermetaphysisch“, soll Salvador Dalí gesagt haben. Tatsächlich wirken die realistischen, aber grau in grau gezeichneten Personen als kämen sie von einer anderen Welt. Der Anklang an die antike Methode des Kupferstichs verstärkt diesen Eindruck. Hucleux zeichnet aus dem Kopf. Später wird er mit seinen als Deprogrammationen betitelten Zeichnungen sein Gedächtnis deprogrammieren, um seine Erinnerungen wieder abzubauen. Wie das Abtragen tektonischer Strukturen, Architekturen oder Gewebe von Haut und Textil wirken diese Zeichnungen.

Auffällig ist, dass sich die Thematik des Erinnerns und Vergessens durch beide Werke zieht. Vielleicht ist aber auch eine schöne Geschichte über eine Künstlerfreundschaft Grund genug für eine gemeinsame Ausstellung.