sozialkunde

Nie wieder Vernunft! Einige Hinweise im Hinblick auf die Bestimmung einer europäischen Leitkultur

Gerade in Europa ließen sich viele Erfahrungen sammeln, wie die Einheit sich auf die Vielfalt einlässt – mal panisch, mal begeistert

Wir haben es in unserer kleinen Serie zur Erkundung verschiedener Formen von Kultur immer noch mit dem Faktor der Redundanz von Akteuren zu tun, den wir mit Verweis auf die Anthropologin Elisabeth Colson und am Beispiel der Sardinenschwärme vor dem Kap der Guten Hoffnung in der Novemberlieferung dieser Kolumne eingeführt haben. Eine Kultur besteht darin, einen gemeinsamen Nenner zu finden und aufrechtzuerhalten, der die tatsächliche Vielfalt einer Gesellschaft nicht verletzt, sondern im Gegenteil sogar zu würdigen erlaubt, aber doch eine Form der Wechselseitigkeit, des Bezugs, organisiert, auf die sich alle Beteiligten immer wieder einmal, und wahrhaftig nicht nur sonntags, beziehen können, um Konflikte zu suchen und beizulegen, um Wünsche zu formulieren und zu erfüllen, um Einschränkungen auszuprobieren und zu rechtfertigen. Schichten und Klassen, Cliquen und Milieus, Netzwerke und Seilschaften sind in dieser Hinsicht Clusterbildungen, die Wiedererkennbarkeit sicherstellen und daraus ihre Stärke entwickeln.

Die Redundanz der Akteure schließt die Vielfalt also nicht aus, sondern ganz im Gegenteil: Sie schließt die Vielfalt ein. Nur in der Art und Weise der Organisation dieses Einschlusses unterscheiden sich Kulturen. Man kann die Vielfalt negieren, auf der Einheit bestehen und alle Abweichungen in den Untergrund drücken. Man kann die Vielfalt aber auch begrüßen und sogar pflegen und als Beitrag zur Einheit Desselben behandeln, auch wenn dies einigermaßen widerspruchsfreundliche Gemüter verlangt. Ersteres läuft auf eine eher fundamentalistische, Letzteres auf eine eher liberale Kultur hinaus.

In der Dezemberlieferung dieser Kolumne haben wir dieses kleine Kulturtheorem auf die deutsche „Leitkultur“ angewendet, versuchen wir es heute einmal mit der europäischen Kultur. Ein aussichtsloses Unterfangen? Weil man nicht weiß, ob man in Jerusalem, Athen oder Rom beginnen soll, nach ihr zu suchen, in der griechischen Antike, im Christentum oder im römischen Imperium. Und weil man erst recht nicht weiß, ob „Amerika“, diese von Jean Baudrillard oder Stanley Cavell so schön beschworene Einheit der Erfüllung und Überwindung europäischer Sehnsüchte, nun dazu gehört oder nicht.

Aber da sind wir ja schon mittendrin in der Bestimmung einer europäischen Leitkultur. Ihre Minimalbedingung ist die Leidenschaft für die Vielfalt und die positive Anerkennung des Widerspruchs. Gerade weil man in Europa unter hebräischen, griechischen und lateinischen Vorzeichen so viel Wert auf die Einheit der Moral, der Vernunft und der Macht gelegt hat, konnten wir so unschätzbar viele Erfahrungen mit der Vielfalt sammeln – und mit der Art und Weise, wie sich die Einheit mal gelassen, mal panisch, mal unwillig, mal begeistert, auf diese Vielfalt einlässt. Es gibt sicherlich vielfältigere Kulturen als die europäische (was immer hierfür das Maß sein mag), die indische zum Beispiel, aber selten geht die Einheit mit der Vielfalt so sehr Hand in Hand. Und natürlich gibt es einfältigere Kulturen als die europäische – hier Beispiele zu nennen, verbietet uns unsere Einsicht in die Gefahren des Ethnozentrismus –, aber selten hat die Vielfalt eine politisch und wirtschaftlich, sprachlich und religiös so solide Lobby wie in Europa.

In seinem Aufsatz „Europäische Rationalität“ (in: „Beobachtungen der Moderne“, 1992) hat Niklas Luhmann den Versuch gemacht, diese Einheit der Differenz von Einheit und Vielfalt auf den Begriff zu bringen. „Nie wieder Vernunft!“, ist die Formel, die er für diese Rationalität fand, um auf den Punkt zu bringen, dass es gilt, mit Differenz und nicht mit Einheit zu beginnen. Und die Beobachtung von Beobachtern ist für ihn die kulturelle Praxis, die daraus folgt.

Man kann darauf in diesen Wochen im Kino die Probe aufs Exempel machen. In Michael Hanekes Film „Caché“ (Frankreich, 2005) werden nicht nur Beobachter beobachtet, sondern wird diese Beobachtung ihrerseits vorgeführt. Allerdings geschieht dies nicht selbstreferenziell verspielt, sondern als Arbeit an der Sache. Und die gewonnene Einsicht ist die, dass die Beobachtung von Beobachtern, obwohl sie nichts daran ändert, ob diese Recht haben oder nicht, doch die einzige Wirklichkeitsebene ist, auf die wir uns verlassen können. Daniel Auteil hat Recht, während er gegen alle Regeln diskursiver Moral verstößt, und Juliette Binoche verfehlt ihren Sohn, weil sie sich von ihm in ein Unrecht setzen lässt, von dem sie gar nicht wissen kann, ob es ihn interessiert.

Hier werden Aufklärung, Kritik und Psychoanalyse gegen den Strich gebürstet, um am Ende nichts anderes in der Hand zu haben als Aufklärung, Kritik und Psychoanalyse. Und einen europäischen Film, mit dem wir uns, finde ich, weltweit sehen lassen können. Darin jedenfalls besteht ein erstes Element europäischer Leitkultur, in der Ablehnung jeder Einfalt, die von der Vielfalt der Beobachter absehen zu können glaubt. DIRK BAECKER