ausgehen und rumstehen

Trotz Saufenthalten viel zu vieler Jugendlicher lebt der Papst doch noch ganz herrlich in der Welt

Es gibt zwei Möglichkeiten, die Leere zwischen Winterdepression und Frühjahrsmüdigkeit zu füllen: daheim bleiben oder ausgehen. Ersteres führt zum Nachdenken und damit ins Selbst. Wer will da schon hin? Also lieber raus in die irrsinnige Realität. Ins Mutterschiff aller Wohnzimmerclubs erst mal, in die n.b.i., zur Benefizparty für die Tromanale, der Filmfestalternative zur Berlinale.

Die Tromanale-Macher, böse schauende Enddreißiger, halten ein öffentliches Orgatreffen ab, um dann auf einem Bettlaken lustlos eine Filmauswahl zu präsentieren: düstere Industrialcollagen und Filmhochschulbewerbungsfilme. Noch während das Programm läuft, stehen sie auf und im Bild, die Übriggebliebenen können hinterher ein Filmmusik-DJ-Set genießen, in dem der weiße Hai auf Kermit den Frosch trifft. Das führt dazu, dass ich dem Tacheles mal wieder eine Chance geben will – bei strömenden Regen gehe ich ins Aguirre zur Lesung des Mitte-Bohemian Ulrich Ulrichson.

Der Veranstalter will das Optimum aus dem Abend holen, indem er die Lesung mit einer Pub Crawl, der angloamerikanischen Version der Polonaise, kombiniert: Jugendliche werden dabei durch Szenegaststätten geführt, wo sie Getränke zu sich zu nehmen. Kurz nach unserer Ankunft schwillt der Lautstärkepegel bedrohlich an: Sehr viele junge Touristen torkeln in den Raum und verbringen ihren Saufenthalt damit, Selbstporträts zu knipsen, ins Mikrofon zu rülpsen oder die auf der gezimmerten Lesebühne liegenden Utensilien in die Hände zu nehmen. Einer löchert den dort phlegmatisch auf seinen Einsatz wartenden Autoren: „What are you doing here? Where is your instrument?“ Als irgendwann die Überraschungsgäste weg sind und die Lesung beginnt, bittet Ulrichson zwei Tresensteher, ihr Alltagsblabla nach gegenüber zum Döner zu verlegen – und bekommt sofort den Zorn des Veranstalters zu spüren. Mikro aus, Musik an. Begründung: Ulrichson hätte eben Freunde „beleidigt“.

Wir können dieses Tacheles’sche Kulturverständnis nicht teilen und verlassen den sowieso leeren Raum – um am nächsten Abend Aufschlussreiches zum Thema Indierock geliefert zu bekommen: Die Berliner Kate Mosh spielen im vollen Roten Salon und klingen wie eine Synthese angloamerikanischer Hypebands des dritten Jahrtausends – inklusive jammernde Libertines-Franz-Ferdinand-Hysterie im Gesang.

Da muss der Samstagabend ein schönes Konstrastprogramm liefern: Auf der Geburtstagsfeier eines guten Freundes singt der Vater des Geburtstagskindes „Der Papst lebt herrlich in der Welt“, ein Trinklied aus dem 18. Jahrhundert. RAN HUBER