Das Schloss als Spendenfassade

Seit Anfang der 90er-Jahre wirbt ein Förderverein für das Stadtschloss. Beim Wiederaufbau soll er die 80 Millionen Euro teure Fassade finanzieren. Doch bisher gesammelte Spenden wurden vorwiegend für Werbung und unsinnige Pläne ausgegeben

Der Abriss des Palastes der Republik ist so gut wie eingetütet. Die Aufträge sind vergeben, eine letzte Abstimmung im Bundestag am 20. Januar dürfte angesichts der Mehrheitsverhältnisse nur noch Formsache sein. Doch was danach kommt, steht weiter in den Sternen. Die Finanzierung des schätzungsweise 670 Millionen Euro teuren Schlossnachbaus ist völlig offen. Nur die Herkunft der rund 80 Millionen Euro für die Rekonstruktion der barocken Fassade schien geklärt. Die will der „Förderverein Berliner Stadtschloss“ aus Privatspenden sammeln. Dessen heutiger Geschäftsführer Wilhelm von Boddien wirbt zwar schon seit Anfang der 90er-Jahre um finanzielle Unterstützung. Doch die dort bisher eingegangen Millionen können nicht für die Fassade verwandt werden. Denn sie wurden entweder längst vor allem für Öffentlichkeitsarbeit ausgegeben – oder für überflüssige Vorplanungen.

In einem Dossier mit dem Titel „Wo sind die Millionen geblieben?“ haben Gegner des Palastabrisses um den Architekten Philipp Oswalt zahlreiche Unklarheiten um den Förderverein zusammengefasst. Intransparenter Umgang mit den Finanzen, fragwürdige Ämterverquickungen und eigenwillige Auslegungen des Vereinsrechts werden dem Verein vorgeworfen. Der zentrale Kritikpunkt des Papiers aber lautet: Boddien suggeriere der Öffentlichkeit, Spenden für die Rekonstruktion der Fassade zu sammeln. Das aber, so die Kritiker, sei schon aufgrund der Vereinssatzung gar nicht möglich. Tatsächlich muss der Verein eingenommenes Geld im laufenden Jahr auch wieder ausgeben.

Boddien empört

Boddien weist die Vorwürfe zurück und spricht „von einer laufenden Kampagne der Palastfreunde gegen uns“. Er habe vielmehr seit Anfang 2004 11,4 Millionen Euro an Spenden eingeworben. 8 Millionen davon seien allerdings nur „rechtsverbindlich zugesagt“, sie könnten erst „bei entsprechendem Baufortschritt abgerufen werden“. Von den restlichen so genannten Bareinnahmen würden „ausschließlich die satzungsgemäßen, laufenden Ausgaben bestritten“.

Darunter sind zum einen die Verwaltungskosten des Vereins zu verstehen – allein dafür wurden laut Boddien im Jahr 2004 fast 25 Prozent der Spenden ausgegeben. Zu den Verwaltungs- gehören auch Personalkosten. Bis März 2004 war Boddien ehrenamtlicher Vereinsvorsitzender. Dann ging seine Landmaschinenfirma in die Insolvenz. Anschließend wurde er hauptamtlicher Geschäftsführer des Fördervereins. Sein Jahresgehalt liege, so der damalige Schatzmeister Gernot von Grawert-Mey gegenüber der Berliner Zeitung, zwischen „50.000 und 100.000 Euro“. Die Personalkosten des Vereins stiegen von 35.000 Euro im Jahr 2003 auf 101.000 Euro in der ersten neun Monaten des Jahres 2004.

Das restliche Geld wird im Wesentlichen für Öffentlichkeitsarbeit und Planungen verwandt. Seit 2003 hat der Verein mindestens eine halbe Millionen Euro für „Planung“ und „Rekonstruktion“ der Schlossfassade ausgegeben. Für die Planung zeichnet der Architekt Rupert Stuhlemmer verantwortlich. Der war seit 1992 stellvertretender Vorsitzender des Vereins. Erst im Oktober 2004 schied er aus dem Vorstand aus – wegen Interessenkonflikten.

Während die Schlossfans ihre Spenden für die Entwürfe von Balustraden und Gesimsen ausgeben, fehlen noch immer Bauherr und Finanzier für den Neubau. Weder sind die Nutzer festgelegt, noch gibt es konkrete Aussagen zur Architektur. Daher gibt es auch weder vom Bund noch vom Land einen Auftrag für diese Arbeiten an den Schlossverein. Im Gegenteil hatte das Bundesfinanzministerium versichert, diese Planungen selbst zu finanzieren. Zwar behauptete Stuhlemmer einem Journalisten gegenüber, dem Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) demnächst Unterlagen zwecks Vorbereitung des Wettbewerbs zur Verfügung stellen zu müssen – doch weiß man davon bei dem Amt nichts: Unterlagen seien nicht angefordert worden, heißt es dort, „der Verein arbeitet ohne öffentlichen Auftrag“.

Das gibt Boddien zu. „Wir haben die Planung der Schlossfassaden auf eigene Initiative übernommen, da eine Rekonstruktion ohne vorherige Gesamtplanung der Fassaden maßgenau nicht realisierbar ist“, erklärt der Schlossfan. Wegen des großen zeitlichen Vorlaufs habe man nicht warten wollen, bis ein öffentlicher Auftrag erteilt werde. Empfängerin der „Leistungen in Form von Fassadenteilen und Plänen des Schlosses“ werde die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, so Boddien. Die ist nach Vorstellung einer Expertenkommission als ein Nutzer des wieder aufgebauten Schlosses vorgesehen. Boddien brauchte die gemeinnützige Stiftung dringend als Spendenabnehmer. Denn ein Förderverein soll laut Definition des Bundesfinanzministeriums Mittel an andere Körperschaften für die Verwirklichung steuerbegünstigter Zwecke weitergeben. Die Stiftung jedoch hat laut einer Sprecherin dem Verein auch keinerlei Auftrag erteilt. Es gebe derzeit nur eine inhaltlich-konzeptionelle Zusammenarbeit.

Versickerte Spenden

So bleibt von den Spenden wenig. Im Protokoll der Mitgliederversammlung 2005 listet von Grawert-Mey 1,2 Millionen Euro Einnahmen für 2004 auf. Davon blieb ein Überschuss von rund 155.000 Euro als Rücklage.

Noch weniger ist von den Spenden übrig, die vor 2004 an den Förderverein geflossen sind. Davon wird, das bestätigt selbst Boddien, kein Cent für die Schlossfassade verwendet. „Bis 2003 haben wir ausschließlich für Ausstellungen und Öffentlichkeitsarbeit zum Thema Berliner Schloss Spenden eingeworben“, erklärt Boddien. Die Sammlung für den Wiederaufbau werde „erst seit Anfang 2004 systematisch betrieben“.

Im September 2002 hörte sich das noch anders an. Da versprach das Berliner Extrablatt, ein Werbeblatt des Vereins, interessante Neuigkeiten: „Der Bundestag hat entschieden: Das Schloss wird gebaut“, lautete eine Schlagzeile. Weiter hieß es, dass die „staatliche Gegenfinanzierung gesichert“ sei. Abschließend folgte die Bitte: „Spenden Sie für die Schlossfassaden!“ Damit „wir schon jetzt mit der handwerklichen Vorproduktion der historischen Fassade beginnen können“.