Einheit, nein danke!

AUS JUBA UND KHARTUM MARC ENGELHARDT

Vom bröckelnden Betonbau des südsudanesischen Parlaments in Juba hängt die Fahne des „Neuen Sudan“. Für diesen haben die Rebellen der sudanesischen Volksbefreiungsarmee (SPLA) mehr als zwanzig Jahre lang gekämpft. James Wani Igga war einer von ihnen. Seit wenigen Monaten ist er Parlamentspräsident. Wer mit ihm sprechen möchte, braucht viel Gleichmut und Geduld. Denn am offiziellen Zeremoniell wird in der neuen südsudanesischen Hauptstadt noch gefeilt. Erst nach einer guten Stunde Wartezeit in verschiedenen leeren Räumen ist es so weit: Der dritte Mann im Südsudan zelebriert seinen Auftritt. Mit fast kindlicher Begeisterung lobt er den Frieden und berichtet von den zahlreichen Komitees, die das neue Parlament seit seiner Einweihung im September eingerichtet hat. Dann kommt er zum eigentlichen Punkt. „Unsere Leute haben lange gelitten, jetzt wollen sie von uns die Belohnung – und wir können die Erwartungen nicht erfüllen, weil uns das Geld fehlt.“ Die von den Industrienationen als Friedensdividende versprochenen Mittel seien ebenso wenig eingetroffen wie die vereinbarte Hälfte aus den Öleinnahmen, die in der Landeshauptstadt Khartum verwaltet werden. Mehrere Parlamentarier präsentieren den Journalisten ihre Wunschliste: Straßen, Mikrokredite, Fortbildungen, Krankenhäuser, eine neue Universität. „Wir brauchen Entwicklung hier im Süden, und damit meine ich: Kommt hierher, bringt eure Spezialisten und euer Geld mit, und entwickelt unser Land, schnell!“

Die Uhr tickt. Im Jahre 2011, so will es der am 9. Januar 2005 unterzeichnete Friedensvertrag von Naivasha, soll der zurzeit halb autonome Süden in einer Volksabstimmung über seine Unabhängigkeit entscheiden können. Bis dahin soll die von Vernachlässigung und Bürgerkrieg gezeichnete Region weitgehend aufgebaut sein. Doch das erste Jahr ist ohne sichtbare Erfolge vergangen. Noch immer sind die meisten Menschen in Juba arbeits- und mittellos. In der prallen Sonne, bei Temperaturen über 35 Grad, dämmern unterernährte Kinder und alte Menschen vor sich hin, die wegen der Landminen nicht in ihre Dörfer zurückkönnen und auf Nahrung oder Medizin von Hilfsorganisationen hoffen. Die einzige Straße ins nahe Uganda, auf der die Südsudanesen den Handel und den Transport von Hilfsgütern abwickeln wollen, wird seit einigen Monaten von der ugandischen „Widerstandsarmee des Herrn“ (LRA) und anderen bewaffneten Gruppen unsicher gemacht.

„Ich rufe nicht zum Separatismus auf, aber ich bin der Führer der Südsudanesen. Und die Einheit sieht für uns derzeit nicht sonderlich attraktiv aus“, fasst der südsudanesische Präsident Salva Kiir die Lage in einem Satz zusammen. Kiir, der laut Friedensvertrag zugleich Vizepräsident des Sudans ist, sitzt im einzigen klimatisierten Raum seines neuen Amtssitzes. Sein Handy ist gerade wieder außer Betrieb. „Ich habe Präsident Omar el-Beshir gesagt, dass seine staatliche Telefongesellschaft das Netz in Juba nicht immer dann abschalten soll, wenn ich hier bin – schließlich kann er mich so viel schlechter abhören!“ Kiir grinst verhalten, er spricht leise. Der Nachfolger des Volkshelden John Garang, der Ende Juli in einem Hubschrauber tödlich verunglückte, demonstriert mit jedem Satz, dass er die Einheit schon abgehakt hat. Wenn er von der Regierung in Khartum spricht, dann sagt er „die Regierung“, nicht „meine Regierung“ – obwohl er viel Zeit am dortigen Kabinettstisch verbringt. Sein Süden werde alle Provokationen ertragen und „der Regierung“ keinen Grund geben, die Volksabstimmung abzusagen. „Die Situation ist anders als in Deutschland, wir sind definitiv nicht ein Volk“, unterstreicht Kiir. Der Süden sei zudem schon vor dem Bürgerkrieg so vernachlässigt worden, dass von einem Wiederaufbau nicht die Rede sein könne. „Wir fangen hier bei null an, es gibt im Südsudan praktisch nichts.“ Wohin die rund zwei Millionen Flüchtlinge, die derzeit im Norden leben, in den Südsudan zurückkehren sollen, weiß Kiir nicht. Bislang, so sagt er mit belegter Stimme, gebe es nicht mal die nötigen Transportmittel, um sie nach Juba zu bringen. Ginge es nach ihm, sollen die Flüchtlinge erst in einem Jahr heimkehren. Frühestens.

Von solchen Problemen ist Bona Malwal meilenweit entfernt. Der SPLA-Mann und frischgebackene Berater von Präsident el-Beshir flätzt sich auf einem weißen Diwan im Wohnzimmer seiner neu gebauten Villa in Khartum und verbreitet Durchhalteparolen. „Wir nehmen alle Chancen wahr und machen das Beste draus“, ruft er fröhlich, während Männer in dunklen Sonnenbrillen Cola servieren. Malwal hat 18 Jahre im Exil in Großbritannien verbracht. Kurz nach seiner Rückkehr ernannte Sudans Präsident ihn überraschend zum Berater, wie einige andere SPLA-Leute auch. Ob es religiöse Spannungen gibt, zwischen dem islamistischen Regime im Norden und den Christen im Süden? „Ein sehr wichtiges Thema, aber es wird oft übertrieben dargestellt.“ Abwarten müsse man, fünf Jahre seien eine lange Zeit. Sudans neu ernannter Außenminister, SPLA-Mann Lam Akol, nickt zustimmend. Niemand könne erwarten, dass alle Probleme im ersten Jahr gelöst würden. Will er, Malwal, bald in seine befreite Heimat zurück? „Heimat? Das hier ist mein Haus, Khartum ist meine Heimat.“

Das System wüssten Kriegsgewinnler wie Malwal erfolgreich zu nutzen, ärgert sich ein sudanesischer Regimekritiker, der seinen Namen nicht gedruckt sehen will. Früher hat er für eine politische Stiftung aus Deutschland gearbeitet. „El-Beshirs Nationalkongress-Partei lässt die SPLA zwar an den Kabinettstisch, aber es ist immer noch sein Tisch – das heißt, er gibt die Regeln vor. Die SPLA hat es nicht geschafft, den Tisch zu zerstören und einen Neuanfang zu starten.“ Zwar gebe es jetzt eine neue Führung im Land, aber keine Veränderung. „Die Diktatur einer Partei ist durch eine Diktatur von zwei Parteien abgelöst worden.“ Das Problem sei zudem, dass die Nordsudanesen den neuen Partnern aus dem Süden haushoch überlegen seien. „El-Beshirs Leute sind gebildet, in politischer Taktik erfahren und haben zudem einen riesigen Geheimdienstapparat und die Massenmedien unter Kontrolle.“ Die ehemalige Rebellenarmee SPLA, die kaum mit vergleichbarem Personal aufwarten könne, hätte den einstigen Erzfeind mit ihrem Eintritt in die Regierung eher gestärkt als geschwächt.

Vor allem die politische Opposition im Norden ist von dieser Entwicklung enttäuscht. Expräsident Sadiq al-Mahdi, der seine gemäßigt-islamische Umma-Partei von seinem von Gärten umgebenen Anwesen leitet, hatte auf die Rückkehr an die Macht gehofft. Den Friedensvertrag, der die Doppelherrschaft von SPLA und Nationalkongress zementiert, lehnt er dementsprechend ab. „Wieso kann der Süden in fünf Jahren darüber abstimmen, welche Regierung er haben will, und der Norden nicht? Das hat mit Gerechtigkeit nichts zu tun!“ Die arabisch-islamistische Politik des Nationalkongresses spiegele nur eine absolute Minderheitenposition im Norden wieder, wettert al-Mahdi, und begünstige ausschließlich die herrschende Clique in Khartum und Port Sudan.

Diese Kritik teilt Mark Akec, der amtierende Generelsekretär der Sudanesischen Kirchenkonferenz. Mit al-Mahdi verbindet ihn ein Zweckbündnis: Beide wollen zumindest die im Friedensvertrag verbriefte Religionsfreiheit umgesetzt sehen. Und beide glauben nicht daran, dass el-Baschir es ernst meint mit dem Frieden zwischen Nord und Süd. „Für uns hat sich nichts geändert – es gibt keinen Frieden, wir sind immer noch im Krieg.“ „80 Prozent Zweifel“ an der Umsetzung des Abkommens hat auch der Generalsekretär der sudanesischen Bischofskonferenz, Peter Loro. „In Khartum sind hunderte christlicher Frauen in Haft, weil sie Schnaps gebrannt und damit gegen die islamische Scharia verstoßen haben – dabei sollte die laut Friedensvertrag überhaupt nicht mehr für sie gelten.“ In Khartum, das bestätigen viele, greift die Partei seit einem Jahr eher härter durch als vor dem Friedensabkommen. Damit will sie offenbar der Kritik von Hardlinern in den eigenen Reihen zuvorkommen, die den Ausverkauf islamischer Herrschaftsansprüche verurteilen.

Die wirkliche Hoffnung der Regimegegner liegt derzeit auf dem Land, jenseits der Hauptstadt. Dort brauen sich neue Konflikte zusammen, die das Regime in Khartum endgültig zu Fall bringen könnten. Im Zentrum droht ein Krieg, der gleich mehrfach explosiv ist: Arabischstämmige Nomaden aus dem Norden treiben ihr Vieh auf Weiden afrikanischer Dinka-Bauern im Süden. Das umkämpfte Gebiet befindet sich entlang der im Friedensvertrag vereinbarten Grenzlinie und umfasst auch noch Gebiete mit reichen Ölvorkommen. Aber auch im Rest des Landes sieht Südsudans Präsident Salva Kiir keinen Frieden einkehren. „Die SPLA ist in den Bürgerkrieg gezogen, um gegen die systematische Benachteiligung aus Khartum zu kämpfen.“ Daraus habe Khartum aber keine Lehren gezogen. Genauso wie damals der Süden gelitten habe, litten heute die Menschen überall im Sudan unter der von der Zentrale erzwungenen Unterentwicklung: im Osten des Landes, in Darfur im Westen und selbst im islamisch-arabisch geprägten Norden des größten Landes Afrikas. „Diese Unterdrückten blasen jetzt zum Angriff: zu einem Krieg für Gleichheit und Gerechtigkeit.“