„Das Stahlwerk zerstört unsere Lebensgrundlage“

UMWELT ThyssenKrupp baut eine neue Fabrik in Brasilien. Die Fischer der Region sind dagegen

taz: Herr Oliveira, warum kritisieren Sie den Bau des von ThyssenKrupp geplanten Stahlwerks in Brasilien?

Luis Carlos Oliveira: Es zerstört die Lebensgrundlagen der rund 8.000 Fischer in der Sepetiba-Bucht im Bundesstaat Rio de Janeiro. Durch die Ausbaggerung wurden bereits giftige Stoffe freigesetzt, die von einer Vorgängerfirma dort abgelagert worden sind. Die Wasserqualität verschlechterte sich massiv und der Fischbestand ging enorm zurück. Zudem wurde für den Bau in einem Naturschutzgebiet illegal der Wald gerodet. Wir befürchten daher, dass die Umweltschäden noch zunehmen werden, wenn das Stahlwerk in Betrieb genommen wird.

Wie reagiert denn die brasilianische Regierung auf Ihre Proteste?

Sie ignorieren uns, denn sie setzt auf wirtschaftliches Wachstum und sieht in dem Stahlwerk ein wichtiges Projekt der wirtschaftlichen Entwicklung, das viele Arbeitsplätze bringen soll.

Haben Sie denn dann wenigstens Unterstützung auch außerhalb der unmittelbaren Region?

Etliche der sozialen Bewegungen in der ganzen Welt unterstützen uns direkt und helfen uns beim Herstellen der Kontakte im In- und Ausland. Dadurch ist auch die Verbindung nach Deutschland entstanden.

Wie ist die Resonanz der Parteien und Gewerkschaften in Brasilien?

■ 60, ist Sprecher der brasilianischen Fischervereinigung, die sich gegen den Bau eines Stahlwerks von ThyssenKrupp wehrt. In der vergangenen Woche protestierte er auf der Hauptversammlung des deutschen Konzerns gegen das Projekt.

Von den brasilianischen Gewerkschaften gibt es wenig Unterstützung. Da spielt sicher auch eine Rolle, dass der brasilianische Präsident Lula da Silva früher selber Gewerkschafter war und von dort wenig Kritik kommt. Wir haben auch sämtliche Parteien in Brasilien angesprochen. Nur von der Partei Sozialismus und Freiheit (PSoL), die sich von der Regierungspartei abgespalten hat, bekommen wir politische Unterstützung. Die brasilianischen Grünen haben sich noch nicht geäußert.

Sie leben seit fast einem Jahr nicht mehr in Ihrer Heimat. Warum?

Am 6. Februar 2009 wurde ich aus einem Luxuswagen heraus von einem Mann mit einer Waffe bedroht. Das ist in der Gegend, wo die Mafia mit den Milizen verbunden ist, eine Morddrohung. Ich habe sofort den Ort verlassen und lebe seitdem versteckt an unterschiedlichen Orten. Den Bundesstaat Rio de Janeiro kann ich nicht mehr betreten. Aber der Kampf der Fischervereinigung geht trotzdem weiter, wenn diese Drohung auch für Einschüchterung gesorgt hat.

Stand die ausgesprochene Drohung mit Ihrer Rolle als Initiator der Fischerproteste in Verbindung?

Ich konnte den Mann, der mich bedrohte, auf der Anhörung im Parlament von Rio de Janeiro eindeutig identifizieren. Er ist der Sicherheitschef des Stahlwerkes. Er war für kurze Zeit suspendiert und wurde dann wieder eingestellt. Auch der lokale PSoL-Abgeordnete Marcelo Freixo, der unseren Kampf unterstützt, hat Drohungen erhalten, weil er als Vorsitzender der parlamentarischen Untersuchungskommission die Milizen untersucht.

Was fordern Sie nun konkret vom ThyssenKrupp-Konzern?

Wir verlangen Respekt für die Bewohner. Konkret muss der Konzern alle Umweltschäden beseitigen und die Fischer entschädigen. Denn ihnen wurde durch das Stahlwerk die Möglichkeit genommen, selber für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Das werden wir nicht akzeptieren.

Was sagen Sie zum Vorwurf des Aktionärs Bernd Günther, dass es Ihnen nur um Geld gehe?

Ich lade ihn ein, nach Brasilien zu kommen und unter den Bedingungen zu leben, unter denen die Fischer durch die Umweltschäden zu leben gezwungen sind. Glaubt er, er würde es schaffen, mit dem wenigen Geld auszukommen, das den Fischern zur Verfügung steht? INTERVIEW: PETER NOWAK