Fast niemand mag ihn

Matthias Matussek ist „Spiegel“-Kulturchef und weiß auch sonst, wie man sich Feinde macht. Grade hat er sein großartiges Wendebuch „Palasthotel“ neu herausgebracht. Er gilt als neuer Konservativer. Zu Recht?

VON THOMAS LINDEMANN

Matthias Matussek sitzt in seinem Ressortleiterzimmer über dem Hamburger Fleetviertel. Wirkt wie eine Mischung aus englischem Lord und Bummelstudent. Sein Schlips fast weiß, leicht champagnerfarben, über dem blauen Hemd pinkfarbene Hosenträger. Überall Papierstapel, auf der Fensterbank Aspirin und leere Saftflaschen. Ein Trenchcoat hängt in einer Ecke. Keine Regale, keine Büroscherze, keine Teekännchen. Nur noch ein großer Karton steht da, mit seinem neuen Buch: „Palasthotel“.

Eigentlich ist die Zeit nicht optimal für ein Buch über die Wende, schon gar nicht von einem Spiegel-Reporter. Bei dem Nachrichtenmagazin gibt es andere Dinge zu besprechen, seit einige Angestellte und Gesellschafter der Chefredaktion einen Rechtsruck vorwerfen. Matussek hat dennoch sein Buch stark überarbeitet und neu veröffentlicht – 15 Reportagen aus dem „deutschen Jahr“ 1989/90. Er ist mittlerweile 51 und Kulturchef des Spiegel. Die Zeit von damals bewegt ihn immer noch. Im November 1989 stand er in Hamburg im Gang. „Geh doch endlich nach drüben“, knurrte ihn sein Ressortchef an. Da kam er gerade aus San Francisco, mit einer Erdbebenreportage, die keiner mehr wollte. Er war ein Starreporter und Einzelgänger, hatte in Amerika die Helden der Subkultur porträtiert. William Bourroughs und Alan Ginsberg ballerten für ihn bekifft auf Zielscheiben.

Der Stuttgarter war ein ganz normaler Weltbürger wie alle BRD-Deutschen, mit dem Pop Nordamerikas groß geworden, als Student Maoist, später Autonarr. Ein Typ, den nichts weniger interessierte als unsere Brüder und Schwestern im Osten. Und jetzt war da plötzlich Deutschland. Er ging hin – aber die Party war zu Ende. Warteschlangen an der Mauer, kein Tanz. Der Osten war mürrisch und freudlos. Irgendetwas packte Matussek. Er suchte das, was da fehlte. Stasi-Lügner, maulfaule Service.Ossis, hastig zugereiste Klugscheißer aus dem Westen: Er blieb ein Jahr und schrieb alles auf. Für seine Reportage über das Provinztheater in Anklam bekam er den Kischpreis.

Die deutsche Chance, die sich über Freude, dann gegenseitiges Übervorteilen und grauen Missmut zum grandiosen Scheitern entwickelte, sie ist der große Bezugspunkt für Matusseks Denken. Auch heute noch, wo er als Führungskraft in Hamburg sitzt. Dass er kam, überraschte viele – und erschreckte manche, selbst Kollegen. „Den Ruf, schwierig zu sein, hatte ich schon immer. Keine Ahnung, warum“, sagt Matussek.

Neben ihm liegt ein Buch des dänischen Existenzphilosophen Sören Kierkegaard. Da sind Passagen angestrichen wie: „Wird meine Tochter von einem Unwürdigen entjungfert – erträglich, aber wird mein Sohn ein Journalist – niemals!“ Matussek lacht polternd und schiebt seinen Bauch lässig unter die Tischkante.

Wie man sich Feinde macht, das weiß er.

Meist, indem er über potenzielle Freunde schreibt. Der Schauspieler Josef Bierbichler drohte ihm mal eine Ohrfeige an. Die Theaterregisseurin Ruth Berghaus weigerte sich, ihm die Hand zu geben. Und als 1997 seine Abrechnung mit einem Scheidungsrecht erschien, das Frauen bevorteile („Die vaterlose Gesellschaft“), machte er sich auch noch zur Hassfigur des Feminismus. Eine Leserin schenkte ihm ein T-Shirt mit der Aufschrift „Ich bin ein Arschloch“.

Man muss gehasst werden, um geliebt zu werden, könnte sein Motto sein. Als er „Palasthotel“ schrieb, beobachtete ihn ein Page. Es war Thomas Brussig, der spätere Schriftsteller. Im letzten Jahr ließ er Matussek in seinem Wenderoman „Wie es leuchtet“ auftreten, als ungenießbaren, selbstherrlichen Nörgler Leo Lattke. Doch Brussig gehört zu den größten Fans von Matussek, wie er heute noch betont: „Er schrieb eine großartige Reportage nach der anderen.“

Vielleicht wurde Matussek deswegen, nach Stationen in New York, Rio und London, zum ersten Mal in eine Redaktion geholt. Die Kulturseiten des Spiegel hatten in den letzten Jahren doch an Bedeutung verloren. Seit Matussek mit dem Pariskorrespondenten Romain Leick übernahm, herrscht zumindest wieder Stimmung. Die per Foto als geheimnisvolle Blondine ausgewiesene Gastautorin Ariadne von Schirach klagt in einem langen Essay die Pornografisierung der Popkultur an. Hans Magnus Enzensberger schreibt sieben Seiten über den Selbstmordattentäter als Archetyp. Schriftsteller Joachim Lottmann rechnet mit dem Filmopa Wim Wenders ab. Berlusconis Stratege Giuliano Ferrara wird als verfressene Intelligenzbestie porträtiert.

Das alles ist lustig. Viele mögen es nicht. Die meisten lesen es.

Aber bisher schweigen Deutschlands Medien zu den Versuchen des Spiegel, kulturelle Großdebatten loszutreten. Immerhin ist die Rate wütender Leserbriefe in die Höhe geschnellt. Man kann sich gut vorstellen, dass Matussek sich darüber freut.

Die Provokation, die Selbstsicherheit – das reizt und interessiert auch Kollegen. Endlich gibt es mal einen Rocker unter den öden Verwaltern der Kulturmafia. Auf der Frankfurter Buchmesse, bei S. Fischers Verlagsfete, war er stets von einer Traube Lauschender umringt.

Es gibt die Diedrich Diederichsens. Und es gibt ein paar neue Neoliberale. Und dann gibt es Matthias Matussek

Er schafft sich seine Räume. „Matussek und Schirrmacher, die nehmen doch die gleichen Zweiter-Weltkriegs-Amphetamine“, sagt ein Popjournalist. Und ein junger, aber etablierter Schriftsteller meint: „Er ist der beste Kulturjournalist des Landes. Und ein Deutschnationaler, von dem ich nie wieder hören möchte.“

Deutschland kommt in der Tat wieder öfter vor auf den Kulturseiten des Spiegel. Arnulf Baring durfte von kultureller Identität reden. Im Beilageheftchen Kultur-Spiegel fordern prominente Intellektuelle auf acht Seiten „Optimismus für Deutschland“. Das alles ist Matussek als neoliberal ausgelegt worden. „Ich kann das nicht finden“, sagt Matussek. Eher: „Was gibt es für Überraschungen, sollen die Leser denken.“

Es ist einfach, ihn in eine rechte Ecke zu schieben. Zu einfach. Eigentlich kann doch der Kulturkrawall und die Provokation Matusseks nur für eines da sein: Kritik. Er räumt mit Klischees auf, selbst mit den eigenen. In seinem letzten Spiegel-Artikel schrieb er vom Kapitalismus, dass der lange so tun konnte „als ob er ein gutes Leben für alle garantieren kann“, und kam zum Schluss: „Dieser Lack ist nun ab.“

Die Wende ist der Schlüssel zum Denken Matusseks. Was ihn treibt, ist die Suche nach dem, was 1989/90 verloren ging. „Irgendwo dort war die beflügelnde Idee des neuen Deutschlands enthalten“, schreibt er in seinem Buch. „Es war wie eine Sternschnuppe, die vorbeigezischt ist.“

Heiner Müller sagte damals zu ihm: „Die Langsamkeit ist ein Grundproblem der DDR. Ehe die DDR merkt, dass sie gekauft wird, ist sie schon verkauft.“ So fand Matussek den Osten: Die Schlauen waren längst weg, die anderen ließen sich gern über den Tisch ziehen. Wolf Biermann organisiert eine zahnlose Diskussionsrunde gegen die Einheit. Hermann Kant, Chef des Schriftstellerverbandes, will von nichts gewusst haben. Und draußen geben die Kids ihr Begrüßungsgeld im KaDeWe aus.

Matussek geht in Oberschulen, besucht die Demontage des Lenindenkmals, redet mit Arbeitern, Buchhändlern und Pförtnerinnen. Er findet Verlogenheit und schlechtes Gewissen, überall redet man sich den eigenen Zustand schön. Die wenigen Idealisten, etwa eine reisende Volksbuchhändlerin, kämpfen auf verlorenem Posten.

Das war die ganze „German Angst“, auch wenn der Begriff erst kurz danach in den USA aufkam. Damals wurde ihr Fundament gegossen. Reformstau, Sparpaket, Sozialabbau, Politikverdrossenheit – so lauten die „Wörter des Jahres“ seit der Wende. Nirgends Aufbruch, Freundschaftsdienst, Kultursprung.

Bisher kennt unsere politische Matrix nur die Reste von links und rechts. Es gibt Diedrich Diederichsen und andere, deren Groll manchmal auch Spaß macht, und es gibt ein paar neue Neoliberale, die mit oft maoistischem Eifer die freie Marktwirtschaft predigen. Die Linke redet von Kündigungsschutz, die Konservativen von Pendlerpauschale. Matussek deprimiert das.

„Was ist heute links …?“ Matussek grübelt. „Vielleicht die Umverteilung von reich zu arm“, sagt er nach ein paar Sekunden. Gegen die er ja auch nicht sei. „Bloß von oben verordnen kann man das halt nicht.“

Als Matussek kurz nach der Wahl einen Diskurswechsel im deutschen Kulturbetrieb diagnostizierte, der sich gerade vom „Linkssein aus Gewohnheit“ verabschiede, wirkte manches konstruiert. So machte er die liebevolle Ökokomödie „Am Tag, als Bobby Ewing starb“ zum Beweis dafür, dass heute jeder über die Alternativen lache. Matussek weiß vielleicht nicht ganz genau, was er will, aber ganz genau, was er nicht will: das Alte. Und das sagt er laut. Matussek steht, typisch Einzelgänger, bisher einsam auf dem dritten Weg, ohne ihn selbst ganz zu kennen. Er will Deutschland. Aber er ist zu schlau, um sich in das modische 68er-Bashing einzureihen. Er möchte Identität, aber auch Spaß und Krawall.

Im Sommer schrieb er eine „Rede eines jungen Konservativen“, eine halb fiktive Collage, in der er einen jungen CDU-Politiker nach dem wirklich Neuen rufen ließ. Nach einem Aufbruch in eine neue Bundesrepublik. Der Text hatte den Titel „In dieser Nacht des Glücks“. Das meint jene Nacht im November 1989, die Matussek verpasste. Was hätte nicht alles aus Deutschland werden können! Eine junge, einfallsreiche, kluge Republik. Die sucht er, allein. Fast niemand mag ihn.

„Man steht immer kantig im Raum herum“, sagt er. Und meint eigentlich die Situation als Reporter.

Abends, im Sekretariat, freut sich Matussek. Er hat einen Quader aus seinem Postfach gezogen, so groß wie ein Benzinkanister. Kuchen. Eingeschlagen in weiße Geschirrtücher mit Karomuster. Außen gelbes Geschenkband. Auf einem Kärtchen steht: „Ihre Barbara Brecht-Schall“.

Die Tochter des Dramatikers schickt ihm jedes Jahr einen Kuchen. Matussek fand es einst als einziger Kritiker okay, dass sie manchem Theater die Rechte zu Brecht-Inszenierungen verweigert. „Bei den wahnsinnigen Regisseuren heute!“

Und dann fährt er nach Hause zu seiner Frau, mit der er glücklich zusammenlebt – seit 1990. Eine Ostdeutsche, er lernte sie im Wendejahr in Berlin kennen. Ihr ging es auch so: Zuerst mochte sie ihn überhaupt nicht.

„Palasthotel“ von Matthias Matussek ist bei S. Fischer erschienen und kostet 19,90 Euro