was macht eigentlich... … Erich Hamann?

Bittere Schokoladen

Der Laden ist Kult. Im Hinterhof des Ku’damms, dort, wo Wilmersdorf seinen Niedergang nicht aufhalten kann, ist er. Zwischen leeren Ladengeschäften, die einmal imposant waren, taucht unerwartet die kleine Schokoladenfabrik samt Verkaufsraum von Erich Hamann auf. Unter dem Eindruck der verstaubten Tristesse, die diese Berliner Ecke im Griff hat, wirken die Verführungen in den Auslagen, als hätte jemand auch sie vor Jahren dort abgelegt und vergessen.

Drinnen im Laden aber ist alles anders: Hinter Glasvitrinen im schnörkellosen Bauhaus-Design wird Schokolade geboten. Hauchdünn mitunter oder mit Chili verfeinert, mit einer Textur, die an Rinde erinnert, oder versehen mit Zimt. Schokolade, die bitter heißt, ohne es zu sein, die Vollmilch heißt und wie Nugat auf der Zunge zergeht. Schokolade, die das Gute im Menschen herausholt. Herrgott, wie beschreibt man Schokolade, die schmeckt?

Erich Hamann wird die Erfindung der Borkenschokolade zugeschrieben, seine Nachkommen in dritter Generation haben sie samt deren Verpackung beibehalten. Eigentlich ist das Wort „Borke“ kein schmeichelndes. Es ist mehr Wundschorf als Rinde. Dennoch ist es die Delikatesse, nach der sich die Hamann-Kundschaft sehnt. Durch die hautfein sich übereinander türmenden Schokoladenmembranen kommt die Köstlichkeit wie vorgeschmolzen daher.

Erstaunlich viele Männer betreten den Laden. In bester Kennerschaft kaufen sie zehn, ja sogar zwanzig „Packungen Borke“ auf einmal. Geduldig warten sie, bis die Verkäuferinnen ein blaues Band um die Schachteln gewickelt haben. Einige fragen: „Von wann ist die Ladeneinrichtung?“, um sich die Zeit zu vertreiben. „Von 1928“, antwortet die Verkäuferin. Andere aber, als hätte der simple Anblick der Schokolade sie freundlich gestimmt, lächeln den wildfremden, geduldig wartenden Leuten im Laden sogar freundlich zu.

WS Foto: Archiv