Kommentar von MARTIN KAUL
Wer über den hiesigen Arbeitsmarkt und wie er zu reformieren wäre nachdenkt, der sollte von den Bildungsreformen in Europa nicht schweigen. Beide Reformprogramme sind geprägt von strukturellen Entmündigungen ihrer BürgerInnen.
So wie Qualifizierungsmaßnahmen in Hartz IV pauschal standardisiert werden, wird auch die neue Hochschullandschaft in bezifferbaren Qualifikationspunkten berechenbar gemacht. Während der Höchstsatz von Hartz IV bereits definiert ist, wird in Europa über kurz oder lang geregelt werden, wie viele Lernpunkte einem Menschen im Leben zustehen.
Diese radikale Reduzierung des Wissensbegriffs und der Wissensressourcen folgt der Ideologie, dass erst messbare Konkurrenz zu produktiven Individuen führt: Strenge Zugangsschranken an den Unis, permanente Leistungsabfrage - und ein Wettbewerb der Schulen und Universitäten sowie der Lernenden sind ihre Basis.

MARTIN KAUL organisiert das tazlab zum Thema Bildung. Foto: gianmarco bresadola
Dabei ähnelt die neue Organisation der Bildungskulturen auffallend der Maßnahmenpolitik von Hartz IV. Wie sich der Staat mit den Arbeitsmarktreformen das Zugriffsrecht auf seine BürgerInnen und ihre Gängelung in "Maßnahmen" und "Qualifizierungsprogrammen" erlaubt, so zerstückelt er sein Bildungssystem in einzelne Qualifizierungspakete. Erst die Zerlegung der Studiengänge in kleinere Einheiten - Bachelor und Master - eröffnet die Möglichkeit, die Menschen permanent und lebenslang zu noch mehr Einsatz zu disziplinieren.
Dabei klingt das Angebot freundlich: Menschen sollen lebenslang lernen dürfen. De facto aber entsteht die lebenslange Pflicht, zu leisten. Ob Bologna-Reformen oder Exzellenzinitiative, beide sind geprägt von einem Prinzip der Konkurrenz. Universitäten kämpfen gegeneinander um begrenzte Ressourcen, Studierende um begrenzte Studienplätze, alle um begrenzte Teilhabechancen auf dem Weltmarkt. Wer am Ende noch steht, strahlt. Wer nicht mitmacht, fliegt raus.
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