Aktionstag gegen Rechts

Neuköllner Kakteen gegen Nazis

Der Andrang beim "Langen Tag gegen Nazis" ist so groß, dass aus dem Stadtrundgang eine Spontandemo wird. Die Anwohner interessiert das allerdings weniger.

Ausriss aus dem Flyer zum Aktionstag  Bild: neukölln-gegen-nazis.de

Um die kleine Fau mit der Schirmmütze scharen sich die Menschen. Claudia von Gélieu steht vor einem Haus in der Neuköllner Jonasstraße. In der einen Hand hält sie ein Megafon, in der anderen einen Wimpel, auf dem ein grüner Kaktus prangt. "Folgt einfach dem Kaktus", ruft sie in ihr Megafon und läutet damit ihren antifaschistischen Stadtrundgang ein, bei dem sie Wohnorte von Neuköllner NS-Widerstandskämpfern vorstellt. Der Andrang ist groß, etwa 120 Leute sind gekommen. Kurz nach Beginn ruft von Gelieu in ihr Megafon: "Wir sind so viele, dass wir gerade bei der Polizei eine Spontandemo angemeldet haben!" Dadurch dürfen die Teilnehmer auch offiziell auf der Straße laufen, ein Polizeiwagen fährt voran und Polizeibeamte schützen den Rundgang.

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Der Spaziergang ist nur ein Programmpunkt beim "Langen Tag gegen Nazis", der am Samstag in Neukölln stattfand. In den letzten Monaten waren zahlreiche linke Läden Opfer vermutlich rechtsextremistisch motivierter Anschläge geworden. Viele der Betroffenen schlossen sich zusammen, gründeten die Kampagne "Kein Ort für Nazis" und organisierten diesen Tag, um die Bewohner Neuköllns auf das Problem rechter Gewalt aufmerksam zu machen.

"Ich bin angenehm überrascht", sagt Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau (Linke), die am Rundgang teilnimmt. "Rechte Gewalt ist ein bundesweites Problem. Gut, dass sich die Menschen hier im Kiez selbstständig unterstützen." Allerdings zeigt der Tag auch, dass die linke Szene zwar zusammenhält, die Anwohner aber oft nicht informiert sind. Einige Passanten reagieren verständnislos auf den Menschenauflauf, ein Anwohner sagt: "Über solche Umzüge lachen die Nazis doch."

Tatsächlich sind alle Veranstaltungen brechend voll. In der Galerie Olga Benario gibt es Filmenund Lieder zum gescheiterten Kapp-Putsch in der Weimarer Republik - die kleine Galerie platzt aus allen Nähten. Auch im United Kiez Kino in der Weserstraße ist der Andrang groß. Das unabhängige Kellerkino zeigt den selbstgedrehten Kurzfilm "Nazivin" und eine Reportage über eine Kameradschaft. Alle Plätze sind belegt.

Trotzdem ist schnell klar: Ein breites Publikum können die OrganisatorInnen nicht erreichen. Viele Besucher sind sichtlich aus der linken Szenen, man kennt sich und trifft sich ohnehin an diesen Orten. Am Abend stoßen neue Gesichter dazu, die allerdings eher von der Musik angezogen werden als vom Anti-Nazi-Thema. Immerhin: So wird's noch voller.

Und so endet der Tag, wie er begonnen hat: mit einem Polizeieinsatz. Zu der "Antifa swings"-Party in der Kneipe Friedel 54 kommen so viele Menschen, dass sich eine große Traube vor dem Eingang sammelt. Als eine Band zu spielen beginnt, rückt die Polizei erneut an - um die Leute von der Straße zu bitten.

 

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