Schwedischer Sozialarbeiter über Freier

„Es ist falsch, Sex zu kaufen“

Männer gehen zu Prostituierten, statt sich um ihre realen Beziehungen zu kümmern, sagt Johan Christiansson. Er unterstützt Freier, die aufhören wollen.

„Wenn man zu Hause keinen Sex bekommt, kauft man sich welchen. Ich finde das ziemlich barbarisch.“ Bild: Imago/Emil Umdorf

taz: Herr Christiansson, welche Männer kommen zu Ihnen?

Johan Christiansson: Es sind Männer, die Sex kaufen und ein Problem damit haben.

Werden sie von der Polizei zu Ihnen geschickt?

Nein, es ist ein freiwilliges Angebot. Wir gehen mit der Polizei los, und bestrafte Sexkäufer haben die Möglichkeit, mit uns zu sprechen und eine Beratung zu bekommen. Oft haben sie ganz konkrete Ängste: Was passiert, wenn meine Familie davon erfährt oder mein Arbeitgeber? Oder die Medien?

Denken die Männer, die kommen, dass sie etwas Falsches gemacht haben?

Ja. Ich habe lange in der Drogenszene gearbeitet, die Mechanismen sind ähnlich: Man braucht es und weiß zugleich, dass es einem schadet.

Ist das eine bestimmte Gruppe?

Ja, das sind nur die, die sich Sorgen machen. Die meisten tun das nicht. Aber unsere Gesellschaft ist übereingekommen, dass niemand den Körper einer anderen Person kaufen sollte. Das ist ganz einfach, und es ist ziemlich modern. Es wird immer Leute geben, die das für falsch halten, genauso wie es Leute gibt, die alle Drogen legalisieren wollen. Schön für sie. Wir machen denen ein Angebot, die mit ihrem Verhalten ein Problem haben.

ist Sozialarbeiter und leitet die Beratungsstelle KAST, auf Deutsch „Käufer sexueller Dienstleistungen“. Diese wurde mit dem Sexkaufverbot etabliert, um Klienten zu helfen, die nicht mehr zu Prostituierten gehen wollen.

Und diese vielen Männer, die kein Problem damit haben, zu Prostituierten zu gehen, glauben Sie persönlich, dass die etwas Falsches machen?

Ja, es ist falsch, Sex zu kaufen. Ich unterstütze das hiesige Gesetz. Wenn man zu Hause keinen Sex bekommt, geht man aus und kauft sich welchen: Ich finde das ziemlich barbarisch und altmodisch. Wir sind keine Tiere, die nur ihrem Instinkt folgen, wir sind Menschen, die darüber reflektieren können, was sie tun. Und ja, Zivilisation bedeutet, dass man einige Instinkte zügelt. Das ist ein Gedanke von Thomas Hobbes. Und obwohl der konservativ ist, finde ich diesen Gedanken richtig.

Aber wo ist das Barbarische, wenn zwei Menschen einen Vertrag schließen und Geld gegen Sex tauschen?

Da werden die Linken plötzlich ganz liberal.Aber gerade sie haben ja wohl gelernt, dass hinter dem sogenannten freien Tausch Machtverhältnisse stecken. Es werden ja nicht zufällig vor allem Frauen gehandelt, die Männern zu Diensten sind. Ich war letzten Sommer in Rumänien und sah dort die Roma-Gettos, da gibt es keine Zukunft. Und dann war ich in den Niederlanden und sah dort dieselben Mädchen hinter den Fenstern sitzen. Geld kann eine Menge Gewalt schaffen. Wir in Schweden sind eine sehr reiche Gesellschaft, wir können es uns leisten, die Prostitution abzuschaffen. Das könnte Deutschland auch.

Deutschland: Seit Längerem diskutiert die Bundesregierung eine Novelle des weitgehend wirkungslosen Prostitutionsgesetzes. Zudem gibt es immer wieder Aufrufe, den Kauf von Sex unter Strafe zu stellen, etwa den Aufruf von Alice Schwarzer, den Unionspolitikerinnen wie die saarländischen Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer und Prominente wie der Historiker Hans-Ulrich Wehler, Moderator Ranga Yogeshwar oder Starköchin Sarah Wiener unterzeichnet haben.

Schweden: Seit 1999 ist nicht Prostitution verboten, sondern der Kauf von Sex. Freier werden für die „grobe Verletzung der Integrität einer Frau“ bestraft. Die Zahl der Verurteilten pendelt zwischen 500 und rund 1.000 pro Jahr, viele Verfahren werden aus Mangel an Beweisen eingestellt.

Erfolg: Ob das Modell funktioniert, ist stark umstritten. Es gibt nur noch halb so viele Straßenstriche, und nur 0,4 Prozent Männer kaufen Sex - vorher: 1 Prozent. Doch werden Prostituierte mit ihren Kunden in den Untergrund gedrängt, und 0,4 Prozent der schwedischen Männer fahren zum Sexkauf ins Ausland. (oes)

Aber Sie schließen ja auch Frauen aus ärmeren Ländern aus, die in Schweden Geld verdienen könnten, um zu Hause ihre Familien zu ernähren, oder?

Nein, wir kriminalisieren nicht die Frauen, nur die Sexkäufer.

Na ja, aber Sie machen es sehr schwer, hier als Prostituierte zu arbeiten.

Das glaube ich nicht. Die Prostituierten verdienen hier sehr viel Geld, und die Situation ist für sie sehr sicher, denn schließlich werden nur die Freier verfolgt.

Warum kommen die Sexkäufer zu Ihnen?

Sie verstehen nicht, warum sie nicht aufhören können, das macht ihnen Angst. Es macht ihnen auch Angst, wenn sie von der Polizei festgenommen werden.

Freier, mit denen ich sprach, sagten: Ohne Sex wäre ihr Leben leer und sie würden depressiv …

Dasselbe hört man von Kokainabhängigen. Ein Freier sagte mir mal: Durch Prostitution werde er ein besserer Liebhaber. Das dachte er wirklich – weil eine Prostituierte ihm vorspielt, dass er ein toller Liebhaber sei, damit es schneller geht und sie ihr Geld bekommt. Das ist alles Schwachsinn. Wir versuchen herauszufinden, wonach der Mann eigentlich wirklich sucht.

Aber Kokain kann jemanden zerstören. Prostitution ist dagegen doch eine sehr „gesunde“ Droge, oder?

Es ist schon mal nicht klar, ob man nicht gerade die Dienste eines Menschenhandelsopfers in Anspruch nimmt, was eine Vergewaltigung wäre. Und man schadet auch sich selbst: Man geht zu einer Prostituierten, anstatt sich um seine realen Beziehungen zu kümmern.

Wenn jemand sagt: Meine Frau will keinen Sex mehr. Die einzige Art, Sex zu bekommen, ist, zu einer Prostituierten zu gehen. Was antworten Sie?

Dann geh doch! Hierher kannst du kommen, wenn du ein Problem damit hast.

Und wenn man ein Problem hat und keinen Ausweg sieht?

Dann müssen wir darüber reden, was im Leben des konkreten Freiers so enttäuschend ist. Für viele ist es bereits eine große Erleichterung, wenn sie überhaupt über diese Dinge sprechen können.

Und dann?

Dann verabreden wir, was er macht. Wenn man das Rauchen aufgeben will, kann man nicht mit einer Schachtel Zigaretten in der Tasche rumlaufen. Das Programm geht über etwa zehn Wochen. Also: eine Woche lang nicht mehr auf diese pornografische Seite gehen zum Beispiel. Und natürlich auf keinen Fall zu Prostituierten gehen. Dann entwickeln wir ein System: Was kann man stattdessen tun, um sich abzulenken? Gerade bekam ich eine SMS von jemandem, der nun seit 15 Tagen nicht bei Prostituierten war. Ich habe zurückgeschrieben: Gut so! Mach weiter! Wir machen lange Listen über Dinge, die sie machen können, Sport ist oft dabei. Man kann jemanden nicht retten. Aber man kann die Freier motivieren: Du kannst viel größer sein, als du dich siehst.

Ist es für Sie ein Fortschritt, wenn man keinen Sex mehr kauft und dafür jeden Abend zu Hause vor dem Computer masturbiert?

Das kann für den einen ein großer Fortschritt sein und für den anderen ein Problem, weil er dann so viel an Sex denkt. Also: Es kommt darauf an.

Seit wann arbeiten Sie so?

1999, als das Gesetz kam, gab es zuerst ein Hilfetelefon. Da riefen nur sehr wenige Leute an. Dann kam die Beratungsstelle, und seit 2006 gehen wir raus. Wir haben eine kleine Broschüre, die heißt „Do you buy Sex?“ Anfangs wollte niemand mit uns reden. Es war schrecklich. Dann, ab 2009, gingen wir mit der Polizei raus, und dann gab es plötzlich Bedarf.

Wie ist denn Ihre Erfolgsrate?

Wir betrachten es schon als Erfolg, wenn die Menschen hier auftauchen. Sie haben dann schon so viele Schwellen überschritten. Die meisten Männer sind ja nicht sehr kommunikativ, wenn es um ihre Probleme geht. Während die Gespräche laufen, sind sie auch oft sehr erfolgreich. Aber was kommt danach? Das können wir nicht sagen.

Kommen sie wieder, wenn es dann nicht klappt?

Ja, es kommen sehr viele wieder. Dann machen wir noch eine Runde. Alte Gewohnheiten zu ändern ist eine der schwierigsten Sachen der Welt. Ich werde eher nervös, wenn welche nicht wiederkommen.

Und ändert sich etwas in den Beziehungen der Freier, wenn sie hier waren?

Zumindest wollen viele sich selbst gegenüber ehrlich sein, das ist schon mal etwas. Aber oft geben sie natürlich ihrer Frau die Schuld dafür, dass sie zu Prostituierten gehen. Damit kommen sie bei mir nicht weit: Du machst deine Entscheidungen in deinem Leben. Ich bin da sehr existenzialistisch.

Gudrun Schymann von der Feministischen Partei sagt: Beim Sexkauf geht es nie um Begehren. Es geht immer um Macht. Hat sie recht?

Die Männer, die ich treffe, haben das Gefühl, dass sie von etwas gesteuert werden, über das sie keine Kontrolle haben. Sie fühlen sich absolut machtlos. Der Satz trifft also nicht das ganze Bild.

Hat die Prostitution etwas mit dem Patriarchat zu tun?

Es sind Männer, die Sex kaufen. Es ist eine Art Privileg, dass man Sex kaufen kann, wann immer man möchte. Und seinen Körper zu verkaufen, das ist etwas sehr Proletarisches. Also eine Differenz zwischen der männlichen und der weiblichen Klasse. Ist das patriarchal? Wissen Sie, wenn ich mit den Männern arbeite, kann ich das unmöglich nur politisch sehen. Ich muss mich in ihre persönliche Lage einfühlen. Wenn ich sage, ihr profitiert vom Patriarchat, kommen sie nicht wieder.

 

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