Die 56. Kunstbiennale von Venedig

Das Motto von der Welten Zukünfte

Migranten als Aktivisten, Lesungen aus dem „Kapital“: Die Biennale von Venedig setzt starke Akzente auf politische und soziale Kunst.

Ein Kuss für Salvador Dali: Teil der Installation „Subjects“, eine Arbeit der Künstler Cabello/Canceller, Francesc Ruiz und Pepo Salazar. Bild: dpa/Andrea Merola

VENEDIG taz | Provisorisch ist „Entrance“ auf einen Zettel geschrieben. Kaum eingetreten, stößt man auf ein massives Plastikschild, das besagt: „Zur Abschaltung des elektrischen Stroms im Notfall Scheibe einschlagen.“ Nein, auf normalem Weg betritt man den Deutschen Pavillon bei der Biennale in Venedig auch dieses Mal nicht. Erstaunlich, was sich aus dem Bau noch immer herausholen und wie er sich umbauen lässt. Jetzt zur „Fabrik“, wie an der Außenwand steht.

In einem so nie vorhandenen Deckengeschoss, das großartige Blicke in die Giardini erlaubt, hat Fotograf Tobias Zielony eine raumfüllende Medienarbeit installiert: zu afrikanischen Flüchtlingen in Berlin und Hamburg, die er über längere Zeit begleitete. Seine Bilder sollen nicht die Geschichte von Verfolgung, Flucht und nachfolgend prekärer, möglichst unsichtbarer Existenz in Deutschland erzählen. Seine Asylsuchenden sind längst zu Aktivisten geworden, die er in großformatigen Porträts an der Wand plakatiert.

In der Raummitte sind Stellwände aufgebaut, mit Seitenausschnitten aus afrikanischen Tageszeitungen und Magazinen. Die Bilder haben die Redaktionen von Zielony. Wie sie sie einsetzen, stellt er ihnen frei. Dieser Bildtransfer ist wichtiger, als man meinen könnte. Gerade die afrikanischen Medien werden von den bekannten Agenturen beliefert, die vornehmlich das Mittelmeer und Lampedusa im Fokus haben.

Die Afrikaner in Berlin und Hamburg aber wollen in ihren Herkunftsländern über das Leben in Deutschland informieren. Die Anordnung ist unaufwändig medienreflexiv: Zielonys distinktiver Stil eines lässig auf dokumentarisch inszenierten Bildes tritt im afrikanischen Kontext so nicht hervor.

Dräut hier am Rand der Bilder noch die deutsche Innen- beziehungsweise Außenpolitik – letztere bezahlt traditionell den Pavillon –, ist Deutschland zunächst einmal restlos vom Horizont verschwunden, steigt man in Hito Steyerls Video-Lounge hinab. Ein Liniengitter aus blauem Neonlicht gibt dem Raum futuristischen Schick, auch ihr Film über die „Factory of the Sun“ zeigt Hochglanzqualitäten.

Sternenschauer aus goldenen Glühbirnen

Doch man soll sich nicht täuschen, die 1966 geborene Künstlerin, die sich selbst Filmemacherin und Autorin nennt, meint mit dem Glanz, dem Disco-Drive und dem Sternenschauer aus goldenen Glühbirnen doch die Kriegsspiele von Politik, Unternehmen und Militär, die Deutsche Bank und das Kapital, das Drohnen finanziert, die hier, anders als im Beschaffungsprogramm der Bundeswehr, funktionieren.

Gegen solcherlei Hightech operiert dann auf dem Dach des Pavillons der Berliner Künstler Olaf Nicolai mit Bumerangs. Drei Personen sind dort abgestellt und betreiben – ungesehen von den Besuchern im Park – „eine Schattenwirtschaft unter gleißender Sonne“, wie es im Erläuterungstext heißt. Anzunehmen, dass sie die Bumerangs herstellen, die man sie von Zeit zu Zeit von dem Dach werfen sieht. Jede Woche geht eine bestimmte Menge Bumerangs an die fliegenden Händler einer anderen Schattenwirtschaft der Stadt.

Olaf Nicolai ist auch mit der Performance „Non Consumiamo …“ präsent, die insgesamt acht Sänger jeden vierten oder fünften Tag während der Dauer der Biennale in der Arena aufführen, dem Herzstück von Okwui Enwezors Ausstellung „All The World’s Futures“. Um täglich Lesungen, Performances, Theater- und Filmvorführungen anbieten zu können, wurde die zentrale Halle des ehemaligen italienischen Pavillons in einen Bühnenraum umgebaut. Fester Programmpunkt: die tägliche Lesung aus dem Kapital von Karl Marx.

Nachrichten aus der ideologischen Antike

Sie ist der Ausgangspunkt für Nicolais Performance, die eine musikalische Marx-Lesung von Luigi Nono, nämlich „Musica – Manifesto No. 1: Un volto, e del mare / Non consumiamo Marx“ fortschreibt. Auch bei Alexander Kluges Drei-Kanal-Video-Installation „Nachrichten aus der ideologischen Antike: Marx, Eisenstein – Das Kapital“ in den Giardini ist das Thema präsent und natürlich bei Isaac Julien, der 2013 sein Gespräch mit dem Marx-Kenner David Harvey zum Kapital dokumentierte.

Auch Haroun Farocki leitet in seinem filmischen Werk, das im Arsenale zur Gänze auf einer großen Monitorwand abgespielt wird, seine Fragestellungen zu Arbeit und ihrem sozialen, politischen und ökonomischen Kontext aus dem Kapital her. Nicolais „Non Consumiamo …“ kann übrigens auch per Rucksack auf die Tour durch die Giardini mitgenommen und die vier Tonkanäle selbst weiter gemischt werden.

Plötzlich sehr viel eleganter und leichter

Dazu vergleichsweise antipartizipatorisch arbeitet Heimo Zobernig beim österreichischen Pavillon. Mit einem dunkelgrauen, wuchtigen Kasten verhängt er die Elemente der unentschiedenen Architekturmoderne, die den 1934 entstandenen Bau charakterisiert. Unter die Decke gehängt, schwebt er dort duftig wie ein Wölkchen, wobei das Gebäude plötzlich sehr viel eleganter und leichter wirkt. Kühn, kühl und überzeugend, weil so paradox angesichts des über einem hängenden schweren Einbaus.

Ähnlich kühl hätte man sich Joan Jonas im US-amerikanischen Pavillon gewünscht. Als Grande Dame der Performance in den Vereinigten Staaten mit viel Vorschusslorbeeren bedacht, inszeniert die 78-Jährige mit Monitoren, Zeichnungen und Objekten überaus bezaubernde, aber leider auch harmlose Räume, die Bienen oder Fischen gewidmet sind oder in denen weiße Hunde charmante Auftritte haben. Die Bruchlosigkeit des Pavillons ist wenig verständlich, schöpft doch Jonas’ Kunst aus Mythen, Folklore und Märchen, die bekanntlich gerne Abgründe an Bosheit und Tücke verhandeln.

Die Biennale von Venedig läuft noch bis zum 22. November. Der Katalog kostet 85,– Euro.

Im französischen Pavillon hat Céleste Boursier-Mougenot drei Nadelbäume mit Wurzelballen in und vor das Haus gestellt. Und weil der 1961 in Nizza geborene Künstler Musiker und ein Meister der Geräusche ist, der die Dinge zum Singen bringt, evoziert nun die Energie der Bäume den Sound, der den Pavillon leise durchdringt. Man könnte dort jetzt gut meditieren. Aber will man denn nicht Kunst schauen?

Okwui Enwezor geht es wirklich ums Hören

Nun, geht es nach Okwui Enwezor, geht es in dieser Biennale wirklich ums Hören und um die menschliche Stimme als künstlerisches Ausdrucksmittel. Alfons Hug, Kurator des lateinamerikanischen Pavillons, hat diese Idee aufgegriffen, und so haben Künstler aus 14 lateinamerikanischen Ländern indigene Sprachen ihres Landes aufgezeichnet. Die Anordnung ist simpel, es gibt zwei Reihen Lautsprecher, je mit einer Informationstafel zur Größe der Sprechergruppe, der Gefährdung der Sprache etc., und dennoch ist der Raum höchst lebendig, angefüllt mit der herrlichsten Kakofonie.

Vielstimmig gelungen ist auch Enwezors Ausstellung, die Klassiker verbindet wie Walker Evans („Let Us Praise Now Famous Men“, 1936), letzte Arbeiten von Heroen der Nouvelle Vague wie Chris Marker (Untitled, „Passengers“, 2008–2010) mit dem 1981 geborenen zeichnerischen Multitalent Karo Akpokiere und seinen zwischen Comic, Kunst und in Lagos weithin bekannter Werbegrafik angesiedelten Bilder.

Mit Hans Haacke (Anthologie seiner berühmten Umfragen in Museen, Kunstvereinen etc.), Adrian Piper, die in einer interaktiven Performance Selbstverpflichtungserklärungen provoziert und dokumentiert, oder Turner-Preisträger Jeremy Deller (u. a. die Performance, „Ballads of the Industrial Rvolution“, 2013, in der Arena) sind drei Generationen politischer Konzeptkunst vertreten.

Die für das Arsenale unbedingt notwendige Monumentalität liefern Terry Adkins Turm aus „Muffled Drums“, Katharina Grosses rasantes, raumfüllendes Farb(geröll)feld oder Georg Baselitz’ Riesenformate auf dem Kopf stehender nackter Männer.

Ersichtlich liegt Okwui Enwezor nicht daran, das Motto von der Welten Zukünfte zu illustrieren. Genauso wenig wie ihm daran liegt, Pate nichtwestlicher Künstler und Künstlerinnen zu sein. Stattdessen zeigt er eine unangestrengte, souveräne Anthologie der globalen zeitgenössischen Kunst, mit einem starken Akzent auf politisch und sozial motivierten Positionen.

Brigitte Werneburg

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