Reyhan Şahin über Wissenschaft

„Wind in den Arsch pusten“

Die Linguistin hält die deutsche Wissenschaft für „schwanzdominiert“ und will das ändern. Ähnlich, wie sie als Lady Bitch Ray den deutschen Rap revolutionierte.

Hier als ihr Rapperinnen-Alter-Ego auf der Frankfurter Buchmesse in 2012: Reyhan Şahin. Bild: imago/Hoffmann

taz: Um Lady Bitch Ray ist es etwas ruhiger geworden. Muss sie kürzertreten, weil Dr. Reyhan Şahin viel zu tun hat?

Reyhan Şahin: In den letzten Jahren war Lady Bitch Ray so gut wie gar nicht aktiv, damit Frau Dr. Şahin ihr Ding durchziehen konnte. Zukünftig werde ich es gleichberechtigter verteilen, sonst fühlt sich Lady Bitch Ray benachteiligt und wird noch wütend. Wir wissen ja, wie sie dann agieren kann.

Der taz sagten Sie 2012, dass Sie große Angst davor haben, als Wissenschaftlerin keinen Job zu bekommen, weil Sie nur als Lady Bitch Ray bekannt sind. Jetzt leiten Sie Ihre eigene Forschungsgruppe. Waren Ihre Ängste unbegründet?

Nein. Ich habe für mein Forschungsprojekt hart arbeiten und kämpfen müssen. Ich hatte mich bei einer großen deutschen Stiftung für eine fünfjährige Stelle beworben und nach der engeren Auswahl eine Absage erhalten. Ich bilde mir ein, dass der Grund dafür meine künstlerische Tätigkeit gewesen ist. Aber so etwas kann ich schlecht beweisen. Die deutsche Wissenschaft ist grau, alt und schwanzdominiert. Ich puste ihr frischen Wind in den Arsch.

Apropos „Wind in den Arsch“. Als Wissenschaftlerin und als Rapperin beschäftigen Sie sich mit gendergerechter Sprache. Als Lady Bitch Ray ersetzen Sie „man“ durch „bitch“, wenn Sie von Frauen sprechen.

Genau. Lady Bitch Ray spricht, wie ihr der Mund gewachsen ist, und nimmt sozusagen kein Blatt vor die Muschi. Sie ermächtigt sich selbst durch den Gebrauch einer bisher männlich besetzten, vulgären Sprache oder Slang.

Und wie spricht Dr. Reyhan Şahin?

Gendergerecht. Sie achtet sehr auf die genderlinguistische Etikette. Vielleicht mehr als die taz. Sie nämlich haben in Ihrer Mail auch nur das Binnen-I benutzt. Mir aber ist keine *innen-Endung zu lang. Ich möchte nicht nur Frauen miteinbeziehen, sondern auch Trans-Personen und diejenigen, die sich nicht für ein Geschlecht entscheiden wollen, können oder müssen.

Jahrgang 1981, Linguistin, Rapperin, Buchautorin, Missy-Kolumnistin. Auf dem taz.lab am 25. April wird sie über gendergerechte Sprache diskutieren.

Viele sind von der gendergerechten Sprache genervt. Warum ist sie Ihnen trotzdem wichtig?

Deutschland ist eine patriarchale Gesellschaft. Und das spiegelt sich sehr stark im deutschen Sprachsystem wider. Wir müssen alle Ausdrücke und Redewendungen, die wir benutzen, mehr hinterfragen und nicht einfach so hinnehmen. Mit diesen Themen beschäftigt sich unter anderem meine Kollegx und Bitchx Lann Hornscheidt. Mein Steckenpferd ist der Bereich von Sprache als Empowerment, also Selbstermächtigung. Warum zum Beispiel sorgt die vulgäre Sprache von Lady Bitch Ray für so viel Aufsehen in deutschen Medien.

Sie interessieren sich nicht nur für Sprache, sondern forschen beispielsweise auch zur Bedeutung des Kopftuchs. Warum?

Meine Forschungsgebiete setzen sich aus Islam und Gender, Gender-, Medienlinguistik und Visueller Semiotik zusammen. Zurzeit beschäftige ich mich mit den religiösen Selbstdarstellungen von Musliminnen in sozialen Netzwerken. Außerdem möchte ich wissen, anhand welcher Merkmale sich die „Emanzipation“ oder „Unterordnung“ von Musliminnen und Nichtmusliminnen der zweiten und dritten Generation in Deutschland messen lässt.

Kürzlich „ekelte“ sich die Welt am Sonntag in ihrer sogenannten Feminismusdebatte vor dem Feminismus. Warum haben so viele Leute ein Problem mit feministischen Positionen?

Lady Bitch Ray würde jetzt sagen: „Sie haben Angst vor Frauen mit Haaren an der Möse!“ Ich möchte es so ausdrücken: Es gibt wenige Menschen, die mit sogenannten Emanzen umgehen können. Vor allem, wenn sie laut sind oder irgendeine Form von Intellekt aufweisen. Was meinen Sie, wie viele Menschen einen Bogen um mich machen, seitdem ich einen Doktortitel trage? Ich möchte mich selbst aber nicht als Feministin bezeichnen. Das, was ich tue, entspricht eher den Grundregeln der Gerechtigkeit.

Welche feministischen Entwicklungen wünschen Sie sich für die Zukunft?

Eine Wunschvorstellung wäre, den Zusammenhalt oder die Solidarisierung von Frauen untereinander zu stärken – mittlerweile werden Schwanzstrukturen leider auch überwiegend von Frauen getragen. Ich würde mir wünschen, dass mehr Verbindungen zwischen Schwarzen, islamischen, kurdischen, sozialistischen und westlichen Feministinnen bestehen. One Love – und Pussy Deluxe!

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