Ode an die Falte

Glätte weiß nicht, wie man feiert

Dauernd cremen wir gegen das Alter an. Dabei erzählen Furchen von den besten Partys – und von unseren Geheimnissen.

Jede Linie zeugt vom Leben. Bild: photocase/Cattari Pons

Das, was sich da tief durch dein welkes Gesicht zieht, auf deiner runzeligen Stirn prangt, sich von den Augen im Zickzack in alle Richtungen frisst und Furchen in deinen labbrigen Hals gräbt, das lässt dich so richtig alt aussehen. Zerknittert, gezeichnet vom Leben. Überholt. Hämisch zischt die Falte: „Bist wohl nicht mehr das jüngste Modell, hm? Hast wohl dem Alter nichts entgegenzusetzen, du Schabracke.“

Ungefragt und unerwünscht taucht sie auf, macht es sich gemütlich, wo man’s am besten sieht. Sie denkt nicht daran wieder zu gehen, und das Schlimmste: Die Falte ist kein Kind von Traurigkeit. Munter lädt sie Freunde und Freundesfreunde zum netten Beisammensein. Die unfreiwilligen Gastgeber dieser Runzel-Party stürzt das in tiefe Krisen.

Verzweifelt diskutieren Leidtragende im Internet Strategien, der Fete ein Ende zu bereiten. Gesichtsgymnastik, Massagetechniken, Weintrauben, auf dem Rücken schlafen oder gleich komplett „die Sonne zu meiden“ sollen helfen. Wir cremen, glätten, reiben also, platzieren Gurkenscheiben auf unseren Augen, ziehen die Lider nach oben, nach hinten, zur Seite und vergoogeln unsere Lebenszeit auf der Suche nach ewiger Jugend.

Zeit, in der die Party im Gesicht richtig spaßig wird. Denn, liebe langsam Welkenden, wir wissen es alle: Die werden wir nicht wieder los. Warum also quälen wir uns? Warum kein guter, entspannter Gastgeber sein? Ist denn nicht jede Falte eine Erinnerung? Jede Linie zeugt vom Leben, jede Furche von Erfahrungen, Erlebnissen, Erlittenem. Erst sie macht ein Gesicht zu deinem.

Heißen wir sie willkommen

Heißen wir die Gäste doch willkommen, die Zornesfurche, die zwischen den Augenbrauen abhängt. Die Nasolabialfalte, dieser Nerd im Mundwinkel, die Krähenfüße, die nie alleine auftauchen, die Denkerstirn, die bei Rotwein mitphilosophiert, und die süßen Hasenfältchen auf der Nase – immer die ersten auf der Tanzfläche. Je später der Abend, desto wilder das Fest und kurz bevor Erdbeerkinn und Truthahnhals überhaupt da sind, ist sie eskaliert. Kannste nichts machen, ist wie im echten Leben.

Dieser Text stammt aus der vierseitigen Beilage (pdf) des taz-Panterworkshops. Dafür haben jeweils zehn junge Frauen und Männer von Donnerstag bis Sonntag die taz besucht. Unterstützt von einem Team aus taz-Mitarbeitern beschäftigten sie sich mit dem Thema „Alter“.

Die Tage, an denen Falten entstehen, sind die, von denen man lange erzählt. Sie stehen für das, was nicht nur im Herzen, sondern auch auf der Haut Spuren hinterlässt: durchfeierte Wochenenden, Streitereien, die schweren Jahre, für Lachen, Küssen, Schreien, Schmollen. Diese kleine Linie oben links könnte doch von der wilden Nacht letzten Sommer stammen. Die zwei Furchen auf der Stirn, kamen die nicht mit der Geburt des Kindes?

Wer will überhaupt glatt sein? Glätte ist charakterlos. Glätte ist Mainstream. Glätte weiß nicht, wie man feiert. Lassen wir die Falte doch ihre Kumpels einladen, alle bis auf einen – das graue Haar. Kotzt doch eh wieder auf den Teppich.

 

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