Berliner Fußballexperten auf Sendung

„Rumlabern, wie man Bock hat“

Sven-Ole Knuth und Waldefried Forkefeld sind unterhaltsame Fußballexperten. Ihre Radioshow „Die Runde Stunde“ bietet ein Potpourri der Fußballfloskeln.

Ein echter Fan trägt auch mal ne alberne Mütze. Bild: dpa

taz: Herr Forkefeld, Herr Knuth, die Winterpause geht heute zu Ende. Wie lange ist die eigentlich noch zu halten, wenn das jetzt weitergeht mit den milden Wintern?

Waldefried Forkefeld: Die Winterpause ist wichtig, deswegen sind wir ja Weltmeister geworden. Die Italiener, Spanier, Engländer mussten ja durchziehen und deshalb waren die im Sommer platt.

Sven-Ole Knuth: Außerdem gibt’s in der Winterpause die wichtigen Trainingslager.

Sportjournalisten fahren da gern mal mit, um im Januar raus aus Berlin zu kommen.

Forkefeld: Ein echter Grund, allerdings auch der einzige. Ich habe vor Jahren mal ein Trainingslager von Werder Bremen in der Türkei mitgemacht, für einen Bericht fürs WM-Studio Mitte. Eine total sinnlose Unternehmung. Essen, schlafen, trainieren, mehr passiert da nicht. Die mitreisenden Journalisten stehen die ganze Zeit am Trainingsplatz und warten, dass ein Spieler einem anderen eine Schelle verpasst. Andererseits ist das natürlich sehr wichtig, denn ein Urteil über eine Mannschaft kann man sich erst erlauben, wenn du weißt, wer mit wem kann oder nicht.

Wie beobachtet ihr denn die Vereine, um auf dem Laufenden zu sein?

Beide zugleich: Gar nicht.

Eure „Runde Stunde“ widmet sich der gepflegten Fachsimpelei über alle Facetten des Fußballs und Vereine. Braucht man dazu keine Grundlage?

Die beiden Berliner Waldefried Forkefeld (40) und Sven-Ole Knuth (41) gründeten 2002 gemeinsam mit Freunden das „WM-Studio Mitte“, wo sie seitdem an verschiedenen Orten wichtige Fußballspiele im TV selbst kommentieren. Seit 2012 moderieren sie zudem die Fußballsendung „Runde Stunde“ immer freitags 18-19 Uhr live auf 100,6 FluxFM.

Knuth: Wir beziehen sie schlicht aus der Vergangenheit. Wir sind die Fußballexperten, sagen wir mal, bis 1990. Als Kinder und Jugendliche haben wir Fußball extrem aufgesogen, begleitet von Fernsehreportern wie Klaus Schwarze, Adi Furler, Gerd Rubenbauer, nicht zu vergessen Waldi Hartmann.

Und Waldefried Forkefeld? So hieß doch ein bekannter DDR-Sportreporter?

Forkefeld: Tja, wir sind eben mit Ost- und Westfußball aufgewachsen. Wir wissen immer noch die Namen der Spieler von damals und zwischen welchen Vereinen die hin und her geschoben wurden. Wenn man das in halbwegs flüssige Sätze packt und noch zwei, drei Fußballvokabeln dazu, ist man ja bei den meisten Leuten schon Fußballexperte.

Knuth: Leute, die sich wirklich mit Fußball beschäftigen und da richtig durchblicken, finden uns natürlich nicht so prickelnd, weil wir uns über den Fußball auch viel zu lustig machen.

Stört euch das?

Forkefeld: Nö, warum? Beim Fußball geht’s doch darum, rumzulabern, wie man Bock hat. Ob die Meinung stimmt oder nicht, kann ja keiner richtig beurteilen. Da wir selbst Fußball spielen, wissen wir, dass man nur innerhalb eines Teams oder Vereins weiß, wie es intern läuft.

Zu den Berliner Bundesligisten. Was haben Hertha und Union, was ihre Ligakonkurrenten nicht haben?

Knuth: Hertha hat ein Stadionproblem, ihnen fehlt eine Fußballarena.

Wenigstens muss Berlin dem Verein nicht mehr die Miete stunden. Dass beide Vereine, Hertha und Union, mittlerweile solide wirtschaftende Klubs sind …

Forkefeld: … ja, denkt man, aber weiß man’s? Außerdem ist solides Wirtschaften im Fußballgeschäft heute eher ein Minus. Das führt nur noch zum Abstieg, siehe Bremen, Stuttgart. Hoffen wir mal, dass Hertha nicht solide wirtschaftet und sich heillos verschuldet, um künftig ein bisschen was zu reißen. Das gilt natürlich auch für Union.

Beide Klubs haben im Winter keine Hammerverpflichtung gemacht.

Forkefeld: Bedenklich, aber das kommt sicher noch.

Knuth: Ich glaube sogar, dass bei Hertha und Union im Transfergeschäft langsam der Berlin-Faktor greift. Siehe Herthas Kalou. Der hatte sich bestimmt gedacht: Okay, geile Stadt, hier kann man mal für ein halbes Jahr leben. Alle wollen ja heute nach Berlin.

Forkefeld: Ich vermute mal, Sven-Ole, dass der Berater des Herrn Kalou ein schönes Angebot von Hertha auf dem Tisch hatte und nicht den Berliner Veranstaltungskalender.

Knuth: Sicher, aber bei gleichwertigen Angeboten aus Frankfurt oder Mainz hat Berlin vielleicht den entscheidenden Pluspunkt.

Wann gibt’s das nächste Stadtderby?

Forkefeld: Hoffentlich nicht so bald – aus Sicht der Herthaner.

Union könnte ja aufsteigen.

Knuth: Dass Union für ein Jahr hochgeht und es dort zum Derby kommt, ist tatsächlich eher denkbar. Obwohl, man weiß es nicht. Eigentlich ist die Aufstiegsgefahr bei Union momentan genauso groß wie die Abstiegsgefahr bei Hertha. Wenn die Eisernen einen Lauf kriegen, sind die plötzlich oben drin, und wenn Hertha einen schlechten Lauf kriegt, können die auch absteigen. Wir bewegen uns im Reich der Spekulation.

Für wen ist das Halten der Liga überlebenswichtiger?

Forkefeld: Es gibt ja viele echte Unionfans, die sagen: Ist mir egal, ob wir zweite oder dritte Liga spielen, Hauptsache kein Kommerz. Oben spielen ja sowieso bald nur noch Unternehmen oder Unternehmervereine. Wolfsburg, Hoffenheim, demnächst der FC Ingolstadt. Da sollte man ruhig mehr Ehrlichkeit zeigen und die Vereine wieder umbenennen, wie zu Ostzeiten. Also Medizin Leverkusen oder Sachsenring Ingolstadt – Audi ist ja nach dem Krieg aus Sachsen rübergemacht – oder Hoffenheim, äh …

Robotron Hoffenheim.

… genau, wie das alte EDV-Kombinat. Warum eigentlich nicht gleich eine Werksliga aufmachen? RB Leipzig, die ja auch nach oben drängen, könnten sich Getränkekombinat Ost nennen oder Konsum Leipzig. Das würde bei den alten Fans sicher gut ankommen.

Knuth: Die Kluft zwischen den Franchiseklubs und den anderen wird ja immer deutlicher. Das gibt es nicht nur bei Union, dass die Fans lieber ein volles Stadion und geile Gegner sehen wollen statt Hoffenheim. Ist doch schön, wenn sich das Ritual des Fußballfanseins immer mehr vom sportlichen Erfolg abkoppelt.

Welche Traditionsvereine werden in der nächsten Saison an die Alte Försterei kommen statt ins Olympiastadion?

Forkefeld: Köln, Stuttgart oder den HSV, der Dino, die Uhr tickt.

Knuth: Ich bin sicher, dass Paderborn und Freiburg absteigen und der Dino oder Werder oder Stuttgart sich in der Relegation durchsetzen werden. Vielleicht ja gegen Union.

Das wäre natürlich die perfekte Abrundung der großen Berliner Fußballfesttage mit DFB-Pokal- und Champions-League-Finale. Wie lautet eigentlich eure Erklärung, dass das DFB-Pokalfinale traditionell ohne Berliner Beteiligung stattfindet?

Forkefeld: Als guter Gastgeber will man, dass die Gäste Spaß haben. Außerdem ist es nur fair gegenüber der Berliner Tourismuswirtschaft, denn so kommen ja viel mehr Gäste in die Stadt.

Knuth: Das Pokalfinale findet nun seit 30 Jahren in Berlin statt. Vielleicht sollte man Hertha zum 40. Jahrestag eine Wildcard fürs Endspiel schenken oder das Finale doch mal wieder in eine andere Stadt vergeben, damit der Verein wieder eine realistische Chance hat. Union war ja 2001 gerade erst gegen Schalke im Endspiel, das muss reichen.

Damals begann ja auch eure Reporterkarriere beim WM-Studio Mitte, mit dem ihr das etablierte TV-Reporterwesen angegriffen habt. Was ist aus euren Ansprüchen denn letztlich geworden?

Forkefeld: Das WM-Studio ist eigentlich ein Produkt aus den Neunzigern, wo wir uns als Jugendliche aus Ostberlin viel in Mitte austobten. Damals gab es viele Aktionen, die so Freestyle waren. Für uns, aber auch für viele andere Leute gab es damals wichtigere Dinge als Fußball. Als das Interesse am Fußball nach der 1998er-WM explodierte, wollten wir eine Art Brücke bauen von der Altbackenheit der Reporter in die neue Zeit.

Knuth: Wir hatten damals keinen Bock mehr auf diese langweilige Nüchternheit der Fußballübertragungen auf ARD und ZDF. Einiges von der Art, wie wir in unserem WM-Studio die Spiele kommentierten und worüber sich die Leute beeumelten, hören wir heute manchmal im normalen Fernsehen. Da haben wir sozusagen unsere Aufgabe erfüllt.

Inzwischen ist Fußball anerkanntermaßen Pop, aber ihr seid auch Teil des Übersättigungsangebots.

Knuth: Deshalb haben wir gerade Motivationsprobleme. Noch vor etlichen Jahren hatten wir jeden Bundesliga- und Champions League-Spieltag kommentiert, sodass irgendwann alle Witze zehnmal erzählt waren. Jetzt öffnen wir unser WM-Studio nur noch zu Highlights wie dem Champions-League-Finale in Berlin. Wir haben sogar überlegt, die „Runde Stunde“ aufzugeben.

Aha?! Was gab den Ausschlag für Weitermachen?

Knuth: Ursprünglich wollten wir es von den Wintertransfers abhängig machen.

Aber es gab doch gar keine spektakulären.

Knuth: Die Meldung, dass Miro Klose vielleicht nach Bremen zurückkehrt, reichte.

Forkefeld: Noch schöner wäre natürlich, wenn Jérôme Boateng zurück nach Berlin käme. Oder ein Mäzen die Reinickendorfer Füchse übernimmt und alle zurückholt, die da mal gespielt haben: Kevin-Prince Boateng, Thomas Häßler, Andreas Neuendorf.

Bräuchte Berlin auch wieder einen Möchtegernglamourverein wie Tennis Borussia in den Neunzigern nach der Übernahme von Schlagermogul Jack White?

Forkefeld: Dass die Skandalvereine nicht mehr aus Berlin kommen, ist wirklich schade. Wenn Vereine noch von älteren Männern mit Riesenego geführt werden und die beim Aufeinanderprallen für totales Chaos sorgen – herrlich. Siehe HSV. So einen Spaß, den es früher auch bei Hertha gab, erlebt man leider immer seltener. Bei den kalten Industrievereinen wie RB Leipzig gibt es nur noch ein, zwei Entscheider und da werden leider auch keine Fehler mehr gemacht. Alles sehr professionell.

Knuth: Und sehr langweilig, weil extrem vorhersehbar.

 

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