• 25.03.2010

Low-Budget-Film "Beeswax"

"Zwillinge sind fürs Kino immer speziell"

Andrew Bujalski macht etwas, was in den USA selten geworden ist: unabhängiges Low-Budget-Kino. Ein Gespräch über den neuen Film "Beeswax", Brotjobs und rätselhafte Titel.Interview: ISABELLA REICHER

taz: Herr Bujalski, weshalb heißt Ihr Film "Beeswax", Bienenwachs?

Andrew Bujalski: Das wollte nach einer Vorführung kürzlich auch jemand wissen. Allerdings hat er noch hinzugefügt: "Oder wollen Sie es lieber beim Rätsel belassen?" Das war natürlich ein schönes Hintertürl für mich! Aber ernsthaft - ich weiß nicht, ob es diese Redensart auch im Deutschen gibt, bei uns sagt man "it's none of your beeswax", so wie "it's none of your business", das geht dich nichts an. Trotzdem bleibt es als Titel selbst für Amerikaner ein bisschen rätselhaft, aber dass es außerhalb der USA noch das letzte bisschen Bedeutungszusammenhang verliert, hat mir irgendwie gefallen. Ich hoffe, dass es dennoch nachhallt - so wie "Reservoir Dogs", einer der besten enigmatischen Titel überhaupt.


				ISABELLA REICHER

Andrew Bujalski, 1977 in Boston geboren, debütierte 2002 als Autor und Regisseur mit "Funny Ha Ha". 2005 folgte "Mutual Appreciation".  Mit beiden Filmen wurde er zu einem zentralen Vertreter einer jungen, unabhängigen Do-it-yourself-US-Filmszene, nach Tonfall und Stellenwert der Dialoge auch gern "Mumblecore" genannt. Bujalski, der in Harvard am Department of Visual and Environmental Studies seinen Abschluss machte, war Aushilfslehrer, Buchhändler und als Autor bei Studioprojekten engagiert. "Beeswax" ist sein dritter Langspielfilm.

Im Mittelpunkt von Bujalskis drittem Film stehen die Zwillingsschwestern Jeannie (Tilly Hatcher) und Lauren (Maggie Hatcher). Sie sind Ende 20, leben in Austin, Texas, Jeannie sitzt im Rollstuhl und führt einen Secondhand-Kleiderladen. Sie hat Ärger mit ihrer Geschäftspartnerin Amanda (Anne Dodge), mit der sie eigentlich eng befreundet ist. Lauren sucht nach einem Job und muss die Trennung von ihrem Freund verwinden. Um die Schwestern herum gruppieren sich Freunde und Verwandte; es entsteht ein dichtes Netz von Beziehungen, Sympathien und Antipathien. "Beeswax" lebt von der Improvisation, vom Charme der Laiendarsteller und der lapidaren Alltäglichkeit der Dialoge und des Settings; auf anrührende Weise erkundet der Film, wie Wahlverwandtschaften heute aussehen.

 

"Beeswax", Regie: Andrew Bujalski. Mit Maggie Hatcher, Tilly Hatcher u. a. USA 2009, 100 Min.

 

Investieren Sie viel kreative Energie in die Titelsuche, oder fallen Ihnen Sachen wie "Funny Ha Ha" einfach so ein?

"Funny Ha Ha" verweist ganz gut auf die generelle Herausforderung, die meine Filme für die Übersetzung in andere Sprachen darstellen. Lustigerweise bin ich gerade in Amerika oft damit konfrontiert, dass Leute meine Filme "europäisch" finden. Das ist ein Code für: "Deine Film sind langsam und seltsam - aber in Europa sind die Leute geduldiger und smarter, deshalb mögen sie das dort auch." Aber es bleibt auch für mich etwas mysteriös, wie gut sie tatsächlich verstanden werden können, weil sie sprachlich, in den Bezügen und Gebräuchen, so spezifisch sind, extrem amerikanisch. Das ist sicher ein bisschen Arbeit fürs Publikum, aber hoffentlich auch ein Spaß.

Wie haben Sie Ihre Filme in den USA bisher vertrieben?

"Funny Ha Ha" war 2002 fertig, damals sind wir damit zunächst auf kleinere US-Festivals gegangen. Anfangs war es schwierig, überhaupt jemand dazu zu kriegen, den Film zu spielen, glücklicherweise hat sich das Stück für Stück geändert, der Film ist rumgekommen. 2003 dachte ich eigentlich, das war's jetzt. Aber dann ist ein Privatinvestor aufgetaucht - jemand, der keinerlei Bezug zum Filmgeschäft hatte, aber den Film kannte und sagte: "Was würde es kosten, ihn im Eigenvertrieb ins Kino zu bringen?" 2005 haben wir ihn dann also selbst noch einmal USA-weit gestartet, und im Jahr darauf dann den nächsten Film.

Ich frage auch, weil es zunehmend schwieriger wird, unabhängige Produktionen abseits von Festivals zu zeigen. Den Vertrieb selbst zu machen, scheint eine mögliche Reaktion darauf zu sein.

Ich war schon als Kind filmverrückt und habe mir immer vorgestellt, dass ich einmal Regisseur oder Autor sein würde. Verleiher wollte ich nie sein. Das heißt nicht, dass mir diese Erfahrung nicht viel gebracht hätte, aber es ist nicht das, was ich eigentlich machen will. Gleichzeitig weiß ich aber, dass mir vielleicht gar nichts anderes übrig bleibt, als es wieder zu tun. Eine widersprüchliche Situation, aber ich will ja, dass meine Filme gesehen werden können.

Hat diese Erfahrung als Unternehmer wider Willen auch die Erzählung von "Beeswax" geprägt?

Ja, das hatte definitiv Einfluss. Ich hasse es eigentlich, die Dinge so zu verkürzen, aber mein erster Film handelte von jemandem, der sich ein bisschen verloren fühlt und keinen Plan hat, der zweite von einem ehrgeizigen jungen Künstler, und der dritte von frustrierten Kleinunternehmern - das spiegelt irgendwie auch meine Entwicklung in den vergangenen zehn Jahren wider.

Das beschreibt eine Erfahrung, die man nicht nur in den USA macht: Man beginnt ein Projekt gewissermaßen unschuldig, unter Freunden, und irgendwann wird es ernst, und mit der Professionalisierung werden Konflikte größer, und vor allem bekommen sie einen Streitwert - ich hoffe, das ist Ihnen erspart geblieben?

In der Hinsicht hatte ich Glück. Die Geschichte, die "Beeswax" erzählt, hat vielleicht mehr mit meinen Ängsten zu tun, mit meinem Worst-Case-Szenario.

Haben Sie einen Job, oder ist es Ihnen möglich, von den Filmprojekten zu leben?

Überhaupt nicht. Das wäre schön. Ich war in den letzten Jahren als Drehbuchautor beschäftigt, das war genial. Ich habe an einem Studioprojekt gearbeitet und demnächst kommt noch eines - das zahlt meine Miete. Vorher hatte ich jede Menge weniger glamouröse Jobs. Ich war Aushilfslehrer, habe in Buchhandlungen gearbeitet, Teilzeitjobs gemacht, und ich habe ein Semester an der Uni unterrichtet.

Wie finanzieren Sie Ihre eigenen Filme?

In den USA beneidet man immer den Rest der Welt wegen der öffentlichen Förderungen. "Beeswax" wurde von zwei Privatinvestoren finanziert, die es zum Glück nicht eilig haben, ihr Geld zurückzukriegen! Leute, die wissen, dass wir unsere Arbeit bestmöglich machen, dass es aber keine Garantie gibt. Dabei hatten sie kein Vetorecht, sie wollten das Drehbuch nicht sehen - wir waren unglaublich begünstigt mit diesen Leuten.

Wie ist "Beeswax" konkret entstanden?

Bei all meinen Filmen habe ich beim Schreiben bereits die Darsteller im Kopf: "Funny Ha Ha" gäbe es nicht, wenn ich vorher nicht schon Kate Dollenmayer gekannt hätte und den Wunsch gehabt hätte, eine Geschichte für sie als Schauspielerin zu schreiben. Maggie und Tilly Hatcher, die jetzt die Hauptrollen spielen, kenne ich auch schon fast zehn Jahre - und ich fand immer, dass sie Kinoqualitäten haben. Jede für sich hat als Person schon ziemliches Charisma, und beide zusammen, das ist dann noch einmal was anderes. Visuell und fürs Kino sind Zwillinge immer speziell. Ich wollte mit ihnen arbeiten, aber ich brauchte erst eine Geschichte.

Wie funktioniert die Arbeit mit Schauspiellaien?

Der einzige Nachteil nichtprofessioneller Darsteller ist, dass sie eben noch etwas anderes zu tun haben als zu spielen und deshalb zeitlich eingeschränkt sind. Maggie hat zum Beispiel gerade ihr Medizinstudium abgeschlossen. Sie hatte für den Film drei Wochen im Sommer 2007. Es war also fast unmöglich, gemeinsame Proben zu organisieren, wir haben genommen, was wir kriegen konnten.

Klingt anstrengend.

Ja, aber wenigstens in überschaubarem Rahmen. Ich bin sicher, wenn man mit George Clooney arbeitet, wird es auch schwierig, Probenzeit rauszuschlagen.

Würden Sie gern mit Clooney arbeiten?

Warum nicht - es wäre allerdings eine andere Art von Projekt. Einen Film wie "Beeswax" würde ich mit ihm nicht probieren. Wer weiß, ob ich nicht vielleicht auch ein Zwei-, Fünf- oder Zehn-Millionen-Dollar-Projekt hätte aufstellen können, aber mir war es schlussendlich wichtiger, einen weiteren kleinen, billigen Film zu drehen. Solange wir jung, flexibel genug sind, sollten wir so arbeiten, weil diese Möglichkeit mit größerer Wahrscheinlichkeit verschwindet als die Möglichkeit, einen Fünf-Millionen-Dollar-Film zu machen.

Inwiefern?

In den USA heißt es immer, "you gotta take it to the next level", man soll die Dinge vorwärtstreiben - diesem Denken kann ich mich auch nicht ganz entziehen. Aber mein Primärinteresse ist, Filme zu machen, für die ich mich begeistern kann. So schwierig es ist, diese Filme zu machen - man muss schließlich auch seine Miete zahlen -, für meine geistige Gesundheit ist es sicher das Beste. Es ist so viel Arbeit, Jahre seines Lebens steckt man da hinein - das für etwas zu tun, das mich nicht interessiert, wäre deprimierend. Aber womöglich ist das ein weiterer Aspekt des Erwachsenseins, an den ich mich gewöhnen müsste.

Gibt es über Ihre engeren Verbündeten hinaus Filmemacher, mit denen Sie eine Art von "mutual appreciation" teilen?

Es gibt gegenseitige Unterstützung und eine Art Community. "Beeswax" haben wir in Austin gedreht, ich habe schon während der Arbeit am Buch für "Funny Ha Ha" dort gelebt und bin jetzt wieder dorthin gezogen, und Austin hat eine extrem hilfreiche Szene - ein Gutteil der Realisierung von "Beeswax" verdankt sich der unkomplizierten und selbstlosen Weise, mit der einen Leute dort unterstützen.

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