Plattform „Flüchtlinge Willkommen“

„Wir sind der Knoten in der Mitte“

Eine Webseite vermittelt freie WG-Zimmer an Flüchtlinge. Das Berliner Projekt ist vor gut einer Woche gestartet. Die bisherige Bilanz kann sich sehen lassen.

Kein Zimmer in Sicht? Auf dem Dach der Hauptmann-Schule in Kreuzberg.  Bild: imago/Christian Mang

taz: Herr Kakoschke, Frau Geiling, nach dem Anstieg der Flüchtlingszahlen sind viele Kommunen in Deutschland mit der Unterbringung überfordert. Auch Berlin sucht händeringend nach Möglichkeiten, nun werden Containerdörfer gebaut. Inzwischen gibt es aber auch Initiativen, die bei der Vermittlung von Wohnungen helfen. Was ist die Besonderheit Ihres Projekts?

Mareike Geiling: Es richtet sich an Leute, die ein WG-Zimmer frei haben und Mitbewohner suchen. Warum nicht einfach einen Flüchtling, einen geflüchteten Menschen?

Jonas Kakoschke: Wir haben die Plattform so aufgezogen, dass sie nicht nur die Klientel anspricht, die sich so oder so die ganze Zeit mit dieser Thematik auseinandersetzt. Sondern auch Leute, die in dem Bereich nicht so viel Erfahrung haben, aber sagen: „Okay, durch die so große Berichterstattung über Flüchtlinge habe ich jetzt ein privates Interesse daran entwickelt.“ Und die deswegen ihre Unterstützung anbieten wollen. Dazu gehört, dass, obwohl wir das Wort „Flüchtling“ nicht so gut finden, es auch im Titel enthalten ist. Sonst würden wir jene Menschen ausschließen, die eher nicht „Geflüchtete“ oder „geflüchteter Mensch“ sagen – und uns dann über das Netz nicht finden würden.

Arbeiten Sie mit den Behörden zusammen?

MG: Wir wollen mit allen externen Organisationen kooperieren, die ihre Hilfe für Flüchtlinge anbieten. In Berlin hat Golde Ebding, unsere Dritte im Bunde, bei der Diakonie gearbeitet. Deswegen wäre sie dort jetzt unsere erste Ansprechpartnerin, weil sie mit vielen geflüchteten Menschen zusammengearbeitet hat. Wir schaffen es ja auch nicht, jede Organisation, WG und jeden potenziellen Mitbewohner zu finden, dort hinzufahren und zu gucken, ob die Leute irgendwie passen, sondern sind der Knoten in der Mitte. Wir sagen: Hier gibt es eine WG, hier gibt es geflüchtete Menschen, wie wäre es? Wir brauchen die Hilfe der Organisationen, etwa der Diakonie oder der Flüchtlingsräte.

Wenn es einen Umzug gibt, muss der offiziell gemeldet werden. Deswegen die Frage, ob eine Zusammenarbeit mit Behörden vorgesehen ist.

MG: Also in Berlin übernimmt das Land in so einem Fall die Kosten, und dann muss es natürlich den offiziellen Weg gehen.

JK: Auf der Website raten wir aber auch nicht davon ab, illegale Flüchtlinge aufzunehmen, sondern rufen dazu auf. Denn das sind ja die Leute, die Hilfe am dringendsten brauchen, weil sie durch jedes Netz fallen. Und dann stellt sich die Problematik des An- oder Ummeldens gar nicht. Wir wollen vorrangig diejenigen zusammenbringen, die Interesse daran haben, dass es funktioniert. Auch um zu sagen: Lasst uns das doch mal versuchen.

Die grüne Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, Monika Herrmann, hatte in einem taz-Interview gesagt, dass der Bezirk für Menschen, deren Asylantrag bereits abgelehnt ist, nichts tun könne und jene nur eine Chance haben, wenn Leute ihnen privat helfen. Dazu ermuntern Sie ja. Rechtlich gesehen ist es aber eine Grauzone. Wie wollen Sie die Menschen schützen?

JK: Wir kümmern uns lediglich um die WG-Seite.

MG: Wir stützen uns da auf unsere Partner vor Ort. Das heißt zum Beispiel auf Golde Ebding. Sie weiß unglaublich viel mehr, weil sie auch mit den Oranienplatz-Flüchtlingen zusammengearbeitet hat. Sie weiß, was es rechtlich zu beachten gibt und wie so ein konkreter Fall aussieht. Aber es ist immer eine Einzelfallentscheidung. Man kann es nicht verallgemeinern.

Wer sind denn die externen Partner? Es gibt sicherlich schon ein paar, oder?

JK: Nein, noch nicht.

MG: Am Dienstagabend vor einer Woche haben wir die erste E-Mail an Freunde rausgeschickt. Mittlerweile haben wir rund 70 Wohnungsanmeldungen aus dem gesamten Bundesgebiet. Mit einigen aus Berlin steht unsere Kollegin bereits in Kontakt. Sie wird sich mit ihnen in den kommenden Tagen treffen. Dann können wir sehen, ob es funktioniert.

„Flüchtlinge Willkommen“ ist ein Projekt aus Berlin. Die drei InitiatorInnen Golde Ebding, Mareike Geiling und Jonas Kakoschke wollen mit der Onlineplattform Wohngemeinschaften dazu aufrufen, freie Zimmer für Flüchtlinge zur Verfügung zu stellen. Auf unserer Bewegungsseite gibt es eine Liste mit Organisationen, die private Unterkünfte für Flüchtlinge organisieren.

Mareike Geiling, 27, ist Kulturwissenschaftlerin. Derzeit unterrichtet sie für zehn Monate an einer Kairoer Universität Deutsch.

Jonas Kakoschke, 31, ist Kommunikationsdesigner. Vor „Flüchtlinge Willkommen“ hat er die soziale Plattform „Pfandgeben.de“ entwickelt.

Inwiefern können Sie helfen, falls die Finanzierung des Zimmers nicht gedeckt ist?

MG: Wir bringen da unser eigenes Beispiel an: Wir haben an 20 bis 30 Freunde eine E-Mail geschickt. Innerhalb von zwei Wochen war ein ganzes Jahr über Mikrospenden finanziert. Ganz einfach. Was wir haben, ist die Anleitung zu so einem Mikrospendenplan und die Überzeugung, dass das auch geht.

JK: So könnte man es machen. Aber es ist natürlich den Leuten freigestellt, wie sie sich darum kümmern. Wir haben bisher auch schon WG-Angebote, bei denen die Leute sagen: „Das Zimmer ist sowieso schon finanziert, es braucht sich niemand darum zu kümmern.“ Damit haben wir auch nicht unbedingt gerechnet.

Sie sagten, es melden sich WGs aus ganz Deutschland an. So könnte es auch sein, dass jemand aus Bayern nach Berlin will, aber aufgrund der Residenzpflicht nicht darf. Muntert die Plattform durch die Erleichterung dazu auf, einen Verstoß zu begehen?

JK: Wir wollten über die Initiative im Internet eigentlich nur die WGs heranholen. Und die Geflüchteten, die wir mit denen dann in Kontakt bringen, sind ja vor Ort im Zusammenhang mit den Ansprechpartnern. Die WG-Angebote sind ja auch so nicht sichtbar.

MG: Wenn jemand aus Lüneburg uns schreibt: „Hier ist ein Zimmer frei“, dann kontaktieren wir die Stellen in Lüneburg, und die wissen von den geflüchteten Menschen vor Ort. Kann auch anders kommen. Aber wir wissen ja noch gar nicht, was passieren wird.

 

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