An den Tellerrändern des Jazz

Mitgewippt wird anderswo

Veteranen der Improvisation und überraschende Zuammenarbeiten: Das dritte Festival "Jazz and The Edge of The Plate" in Hamburg.

Was werden soll, wo Free Jazz war: Piho Hupo spielen am Samstag im Hamburger "Golem". Bild: Axel Klatt/Elbjazz Festival

HAMBURG taz | „Mit freiem und improvisierten Jazz und seinen Randbereichen ist das ja so eine Sache“, schicken die Veranstalter voraus, um dann einen als exemplarisch angesehenen Verlauf von Geschehnissen zu skizzieren: Immer wieder verschreiben sich demnach Musiker „in jungen Jahren der Improvisation“ – und werden „dafür gehasst, belächelt, verrissen und ignoriert“. Erst Jahrzehnte später, wenn überhaupt, folgten Anerkennung oder, vielleicht, Ruhm; „die Wiederveröffentlichungen der Platten, die positiven Erwähnungen in den Anthologien und Konzerte in besser besuchten größeren Clubs“ – kurzum: „Eigentlich werden sie meist erst im Rückblick relevant.“

Mal dahingestellt, ob es ausgerechnet den da beschriebenen musikalischen Überzeugungstätern um so eine Form der „Relevanz“ geht: Diese „merkwürdige und unerfreuliche Routine“ aufzubrechen, hatten sich Harald Retzbach und Ale Dumbsky vorgenommen, als sie vor zwei Jahren zum ersten Mal das Festival „Jazz & The Edge of The Plate“ veranstalteten. Das erklärte Rezept: „neue Bands, ältere Kapellen in neuen Konstellationen, freie Musiker mit oft gewagten Konzepten“ auf ein- und derselben Bühne. Respektive auf gar keiner Bühne, denn im „Golem“ am Altonaer Hafenrand spielt und hört man einander auf Augenhöhe vor (bzw. zu).

So folgten im vergangenen Jahr etwa auf die Band der Hamburger Saxofonistin Anna-Lena Schnabel – gleich in mehrfacher Hinsicht eine Ausnahmefigur (Weiblich! Und jung!) – die nachher reichlich durchgeschwitzten „The Thing“. Das schwedisch-norwegische Trio führte seine naturereignishaft rockende Lesart von freiem Jazz erstmals in Hamburg auf; eine glückliche Fügung hatte das Booking dieser international gefragten Combo ermöglicht.

Auch darum geht es Dumbsky und Retzbach, die zusammen unter anderem eine maximal neugierige Radio-Musiksendung verantworten: „Zeigen, dass es einen anderen Jazz gibt“, wie Dumbsky 2013 zur taz sagte: „andere Läden, andere Sprache, andere Bands.“ So mag der Golem-Tresen zwar durchaus besten Rotwein vorhalten – was bei dem Festival geboten wird, ist denkbar weit weg vom Klischee gepflegten Mitwipp-Amüsements unter Zuhilfenahme hochwertiger Getränke.

Nicht nur, dass, sagen wir: im Lebenswerk eines Alexander von Schlippenbach die Mitwipp-Momente ohnehin rar sind. Wenn der Mittsiebziger, Veteran der Improvisation hierzulande, nun als geheimer Headliner am Freitagabend auftritt, tut er das zusammen mit seinem Sohn Vincent, als DJ Illvibe Teil der Berliner Reggae-Band Seeed; dass wiederum die Improvisation auf kanonisierten Jazz-Instrumenten etwas zu tun haben könnte mit der am Plattenspieler: Das wird man auch heutzutage vielen im Publikum noch zu erklären haben.

Ebenfalls am Freitag spielt auch die erwähnte Anna-Lena Schnabel, und das, ganz im Sinne des Festivalkonzepts, in ungewohnter Konstellation: Sie trifft erstmals auf die altgediente Hamburger Band Helgoland, die ihre krummen Takte und ihren Schalk-im-Nacken-Grindcore derzeit nur mit Bass und Schlagzeug spielt – und auf Nachfrage weiß Gott nicht ins Jazz-Fach einsortiert werden möchte. Wider-Willen-Jazzer also, die zusammen mit einer Jazzerin aufgeschlossene Jazz-Zuhörer bespaßen (und das Zustandekommen gemeinsamer Proben stand zuletzt noch in den sprichwörtlichen Sternen): Kompakter ließe sich nicht verdeutlichen, worum es hier geht, zwei Abende lang, am Altonaer Elbufer.  

■ Fr., 7. 11., und Sa., 8. 11., jeweils 20 Uhr, Golem, Hamburg

 

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