Europäische Separatismusbewegungen

Jedem sein eigener Staat

Die Schotten, die Basken, die Katalanen – alle wollen unabhängig sein. Sollen sie doch. Das Prinzip nationaler Grenzen hat sich überlebt.

Auf dem Weg ins Übergangsstadium: Katalanen demonstrieren für ihre Unabhängigkeit. Bild: dpa

BERLIN taz | Hätte ein Schriftsteller den Plot erfunden, er wäre ausgelacht worden. Zu platt, würde man ihn schelten. Allein schon diese primitive Schnittmontage! Auf der einen Seite müssen in der Ukraine, einem Staat, der bis vor Kurzem für die meisten Mitteleuropäer etwa die Sexyness der Wildecker Herzbuben ausgestrahlt hat, Tausende sterben wegen des Verlaufs irgendwelcher Grenzen, an die sich in ein paar hundert Jahren ohnehin niemand mehr erinnern kann.

Grenzen, für die die Welt nun allen Ernstes an die Schwelle eines großen Kriegs geführt wird, weil auf beiden Seiten nationalistische Spinner um jeden Fußbreit Schmodder kämpfen wollen. Und noch während die westlichen Staatenlenker ihr Gerede von der Unantastbarkeit der Weltordnung in jedes Mikro quaken, wuseln hinter ihrem Rücken lustige kleine Gremlins mit Dudelsäcken und Baskenhütchen herum, die schon wieder munter neue Grenzen in ihrem eigenen Hintergarten ziehen.

Wenn es dumm läuft für die sich groß empfindenden Briten, bricht ihnen am Donnerstag das halbe Land weg. Und in Spanien haben die Basken auch keine Lust mehr auf die Amigos weiter südlich und wollen künftig lieber ihre eigene Crema Catalana kochen. Das nächste Opfer: der an Herzbruch dahinscheidende Cameron. Bei solchen Bagatellschäden aber wird es nicht bleiben, wie der Blick auf die Geschichte etwa der katalanischen Unabhängigkeitsbestrebungen zeigt, Nordirland nicht zu vergessen.

Jetzt könnte man natürlich fragen, wieso eigentlich die Schotten etwas dürfen, was den Basken verwehrt wird und was auf der Krim nach Meinung des Westens ein beispielloser Skandal war: eine Abstimmung. Dabei wäre das zunächst die einfachste Lösung: Sollen sie doch alle selbstständig werden und mit feuchten Augen ihr eigenes albernes Fähnchen hissen und noch mehr blöde Hymnen in die Welt posaunen. Wenn wir auf die Weise Bayern oder Sachsen loswürden, flögen dieser Idee vermutlich auch bei uns manche Sympathien zu.

Soll doch jeder seinen eigenen Staat kriegen – ich hätte auch nichts dagegen, den ganzen AfD-Anhängern einen zu geben, wo sie dann herummachen können, wie sie wollen, ganz ohne Euro, Gutmenschen und Islam. Hauptsache, es herrscht endlich Ruhe.

Liebe kennt keine Pässe

Das Dumme ist nur: Das geht ja alles gar nicht. Denn die Menschen machen das, was sie immer schon taten: herumwandern, durch die Gegend ziehen, neue Welten erschließen. Aus Not, aus Liebe, aus Verzweiflung, Hoffnung oder Neugier. Historisch war die Nationalstaaten- und Volksidee womöglich mal ein Fortschritt auf dem mühsamen Weg der Zivilisierung, aber dass sie natürlich nur ein Übergangsstadium sein kann, war doch immer klar.

Mag es auch massenhaft Trottel geben, die unbedingt stolz auf ihr Land oder ihr Volk sein wollen. Aber all das, wofür heute gestritten, abgestimmt, gekämpft und am Ende getötet und gestorben wird, ist so oder so ein paar Generationen später wieder Makulatur. Weil es, was für ein Glück, keine statischen Völker gibt. Die Leute pimpern unterm Strich nach Lust und Leidenschaft, nicht nach Pässen. So war es, als der frühe Mensch die afrikanische Savanne verließ, als er auf den Neandertaler traf, und so wird es sein zwischen Ukrainern und Russinnen, zwischen Spanierinnen und Basken, und auch unter den Schottenröckchen geht sicher so einiges.

Dass sich diejenigen, die unbedingt meinen, sie müssten in den Krieg ziehen für Grenzen, Volksgemeinschaften oder ähnlichen Quatsch, meist rasch selbst aus der Entwicklungsgeschichte verabschieden, ist zwar irgendwie traurig, aber letztlich eigene Schuld. Leider nehmen sie immer so viele von den anderen mit. Das ist es nicht wert.

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