Impressionen von der re:publica 2014

Die Gesellschaftskonferenz

Die re:publica in Berlin ist längst mehr als Geek- und Internetveranstaltung. Es geht um den Fortschritt – und wie wir mit ihm umgehen.

Alle da: Besucher der re:publica 2014. Bild: re:publica / Sandra Schink / CC BY 2.0

Mit ihren 350 Einzelveranstaltungen, meist läuft ein Dutzend parallel, ist die re:publica das Internet im Kleinen: Es gibt hier keine lineare Erzählung, keine kollektive Kongressrezeption, keine fertigen Ergebnisse, dafür viele Prozesse und noch mehr Dialoge. Das Überangebot sorgt für Überforderung, kaum wird etwas langweilig, verlassen viele Leute den Raum. Ist es nebenan nicht vielleicht viel spannender? Es ist ein Impressionsgewitter, ein permanenter Input-Overload, von dem man manchmal erst Jahre später weiß, was er einem eigentlich gebracht hat.

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Das Überthema Überwachung schwebt bei der ersten re:publica nach Snowden über allem. Den großen Aufschlag macht dabei Sascha Lobo, der durch die NSA-Affäre, die er gar nicht als „Affäre“ verniedlicht sehen will, vom Interneterklärbären zum Internetmahner geworden ist. 70 Minuten lang redet er den Zuhörern ins Gewissen, verurteilt die Nichtbereitschaft, die wenigen hart arbeitenden Internet-Lobbygruppen finanziell zu unterstützen, die Müdigkeit, die sich bei diesem Thema längst eingestellt hat, als wäre das Problem gelöst, nur weil es seit einem Dreivierteljahr bekannt ist. Die Regierung verurteilt er auch und bekommt langen Applaus.

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Es gibt verschiedene Gruppen hier: Die Leute aus Hackerkontexten mit bunten Haaren und sehr fortschrittlichem Genderverständnis. Die Abgesandten aus den Start-ups und Agenturen, Menschen mit gut sitzender Kleidung und jungen, unfertigen Gesichtern. Klassische 40-plus-Businesstypen mit Anzügen und Umhängetaschen. Blasse übergewichtige Nerds, die selbst von deutschen Fernsehfilmregisseuren als zu klischeehaft abgelehnt würden. Und ein großer Rest von Twenty- und Thirty-somethings, der aussieht wie überall in Berlin. Auf dem Hof bleiben diese Gruppen oft unter sich, in den Veranstaltungen diskutieren sie miteinander.

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Sehr lobenswert ist die synchrone Untertitelung der Reden auf der Hauptbühne. Also die Idee ist lobenswert, in der Umsetzung wird aus „Pracmatism“ schon mal „Prague mytism“, aus dem NSA-Spähprogramm „Prism“ wird „Prison“ und aus „Godzilla“ ein „bug“. Auf dem Hof erzählt jemand, manche der Reden würden mit automatischer Spracherkennung untertitelt, andere von Menschen. Wenn das stimmt, erkennt man zumindest den Unterschied nicht mehr. Hallo, Zukunft.

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Der Veranstaltungsort ist ein ehemaliger Postbahnhof, der Innenraum ist gigantisch weitläufig, manche Säle sind nur von Vorhängen getrennt. Damit man sich nicht gegenseitig stört, finden diverse Veranstaltungen mit Funkkopfhörern statt, wie „Silent Disco“, nur ohne tanzen. Das sieht lustig aus, aber man gewöhnt sich schnell dran – wenn die Dinger nur die Ohren nicht so heiß machen würden. Was auch die Kopfhörer nicht verhindern können, ist das Phantomklatschen: tosender Applaus an völlig falschen Stellen, von der anderen Seite des Vorhangs.

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Die Kopfhörer wurden übrigens von einer Bank gespendet. Ohne Sponsoren geht es nicht, erst recht nicht bei den Eintrittspreisen. Im Foyer steht ein ganzes Messestanddorf aus weißen Kisten, eine Schuhfirma ist mit dabei, diverse Start-ups, Baden-Württemberg gleich zweimal. Größere Partner kriegen Veranstaltungsslots, einer hat den bemitleidenswerten David Hasselhoff auf die Bühne gezerrt. Den wichtigsten Sponsoren wird bei der Begrüßung gedankt: „Unser größter Partner ist wieder Daimler, diesmal mit dem Schwerpunktthema Mobilität.“ Die Leute lachen. „Äh, ja, also eMobility.“ Das schönste Sponsorengimmick aber haben alle Teilnehmer in ihren Kongresstaschen: eine Packung Kekse in Form von Facebook-Like-Daumen.

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Noch ein paar Zahlen: 6.000 Besucher sind da, 1.000 mehr als letztes Jahr. 40 Prozent von ihnen sind Frauen, bei den Speakern sieht es genau so aus. Über 324.000 von diesen Gratiskeksen wurden verteilt. Und es waren rund 600 Journalisten da, der häufigste Vorname bei den Männern: Michael. Ähem.

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Den besten Kaffee mit den kürzesten Schlangen gibt es in der Jazz-Bar gleich hinterm Eingang. Nur das mit dem Kassiersystem funktioniert nicht so richtig: Es ist ein iPad-Interface, das irgendwie mit der Analogkasse verbunden ist, die aber nicht dann aufgeht, wenn sie soll. „Die ist einfach zu schnell für das Scheißding“, sagt eine chefartige Person. Kurz danach kommen 15 Bons auf einmal aus dem Drucker. Man entscheidet sich dann, den Kaffeekonsum mit einer Strichliste zu dokumentieren.

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Die Keynote halten die Yes Men, die ihre Kommunikationsguerilla-Methode vorstellen: im Namen großer Organisationen falsche Pressemitteilungen rausgeben oder bei Tagungen Vorträge halten – und dabei immer genau so weit gehen, dass die Leute es noch glauben. Sie zeigen ihren Auftritt bei einer Homeland-Security-Konferenz, auf der sie einen Vortrag über die Abschaffung der fossilen Energien in den USA bis 2030 gehalten haben und wo ein Vertreter des fiktiven Indianerstamms der Wanabis es geschafft hat, dass die Zuschauer einen Rundtanz aufführen. Großes Gelächter im re:publica-Saal. Lustig wäre es jetzt, wenn ein Video von uns in einem halben Jahr auf einer Tea-Party-Konferenz gezeigt wird und dieselben Männer dann erzählen, sie hätten sich auf einer linksliberalen deutschen Netzkonferenz als „Yes Men“ ausgegeben und Quatsch erzählt.

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Man sollte, man müsste hier so viel mehr über die Inhalte schreiben, allein, es würde den Rahmen sprengen – doch die meisten Veranstaltungen kann man sich ohnehin auch nachträglich auf YouTube anschauen, vieles steht auch in unseren Tageszusammenfassungen. Deswegen hier bloß noch eine Empfehlung: Der Vortrag „Unsinn stiften als performative Aufklärung“, in dem Christiane Frohmann den Unterschied von Entweder-oder- und Und-Menschen erklärt, die Schönheit von computergeneriertem Spam zeigt und brillante Bögen schlägt, von der Aufklärung zu „Serial Mom“, von der Toteninsel zum Cthulhu-Mythos, von Kafka zu Hitlerkatzen.

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Im Hof: „Wie war die Party?“ – „Das war keine Party. Das war einfach nur so ein bisschen Chill-out.“ Woanders im Hof: „Die Party, ja, die war nach objektiven Gesichtspunkten wahrscheinlich Mist. Aber ich komm ja nicht hier her, um zu geiler Musik zu tanzen, sondern um mich mit interessanten Leuten zu unterhalten. Also ich hatte viel Spaß.“

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Die re:publica käme ihrem Ziel, eine Gesellschaftskonferenz zu werden, immer näher, sagt Johnny Haeusler bei der Eröffnung. Sie hat es längst erreicht. Denn es geht nicht nur um Bezahlmodelle für Online-Journalismus, um Internethumor jenseits von Katzen, um Wikileaks oder Programmieren, es geht genauso auch um die Geschichten der Pen+Paper-Rollenspiele, um Einhörner, um Cyborgs, um das Leben nach der Apokalypse oder um den Streit der Sprachprogressiven (die mit dem Gender Gap und dem N-Wort) und der Sprachkonservativen (die das alles total albern finden).

Denn die re:publica ist keine Technologieveranstaltung, sie ist nicht mal eine Internetveranstaltung. Ihre Klammer ist breiter, es geht um Fortschritt: Wie er sich strukturell darstellt und gestalten lässt, wie wir mit ihm umgehen und was er mit der Gesellschaft und den Individuen macht. Was die Menschen hier eint, ist ihre geistige Bereitschaft, Veränderung als etwas Positives zu begreifen und die Zukunft als Chance zu sehen. Als etwas, an dem wir alle mitarbeiten können.

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Hinweise: Einige Passagen dieses Texts kamen schon in den Zusammenfassungen von Tag 1 und Tag 2 auf taz.de vor. Diese Doppelungen sind darin begründet, dass dieser Text als einziger in der Printausgabe erschienen ist. Sie wurden auch online im Text gelassen, damit er komplett bleibt. Außerdem waren einige Zahlen anfangs falsch und wurden am Donnerstagabend korrigiert.

 

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