Piratensender Schlichtrock

Heute Abend ist Thomas Gottschalk mit „Wetten, dass …?“ (ZDF, 20.15 Uhr) in Düsseldorf zu Gast. Er wird wieder jugendlichen Geist versprühen – und seinen bizarren Musikgeschmack zur Schau stellen

VON CHRISTIAN KORTMANN

Es ist eines der merkwürdigsten akustischen Embleme der Gegenwart: Die Anfangsakkorde des Songs „Smoke on the Water“ der Band Deep Purple definierten einst, wie harte Rockmusik zu sein hat: laut, rhythmisch, E- Gitarren-verzerrt. Seit sie zum ersten Mal erklangen, sind mehr als drei Jahrzehnte vergangen. Der wahre Rockfan fühlt sich mittlerweile von der Schlichtheit der Akkorde peinlich berührt: Harten Rock symbolisieren sie nur noch für diejenigen, die nicht wissen, was es heißt, es richtig krachen zu lassen – etwa Ralph Siegel und Corinna May.

Es krachen lassen

Die Schlagersängerin gab „Smo‑ke on the Water“ mal in einer „Wetten, dass …?“-Sendung im ZDF zum Besten, begleitet von ihrem Komponisten Siegel am Akkordeon. Das war eine der schlechtesten Coverversionen der Musikgeschichte, der in „Wetten, dass …?“ weitere folgen sollten. Verantwortlich dafür ist die Figur im Zentrum der Samstagabendshow, ihr Geist und Motor: Thomas Gottschalk, selbst ernannter Fan von „schlichtem Rock“. So ließ er erst im November wieder hunderte von Hobbygitarristen „Smoke on the Water“ intonieren und spielte selbst auf der Luftgitarre mit. Die bizarren musikalischen Vorlieben des 55-Jährigen sind ein beinahe literarisches Motiv, das zu der Kunstfigur Thommy gehört wie das „Servus!“ und die blonden Locken: Wie in Oscar Wildes Roman „Dorian Gray“ strahlt Gottschalk in alterslosem Glamour, während sein Musikgeschmack auf dem Dachboden seines Domizils in Malibu für ihn vergreist.

Für diesen ganz speziellen Gusto, den er immer wieder auch in zombiesken Retro-Liveshows im ZDF ausbreitete („50 Jahre Rock!“; „Gottschalk & Friends“), schlägt der Fernsehsatiriker Stefan Raab den Genrebegriff „Schlichtrock“ vor. Wer als Rockmusiker bei Gottschalk auftreten darf, ist nurmehr ein Rockdarsteller, der garantiert nicht mehr rockt: Zu den häufigsten Gästen bei „Wetten, dass …?“ zählen Peter Maffay, Chris de Burgh und Rod Stewart. In den 1980er-Jahren träumte Gottschalk in der Kinoklamotte „Piratensender Powerplay“ von einer anarchischen Existenz als DJ – jetzt ist sein Piratensender Schlichtrock mitten im öffentlich-rechtlichen Fernsehen Realität geworden. Zu „Smoke on the Water“ hat Gottschalk dabei eine besondere emotionale Bindung: Mit seiner Frau Thea bändelte er an, indem er sie zu einem Konzert von Deep Purple einlud. Hinterher musste er zugeben, nur die Vorband interviewen zu dürfen. Vielleicht versucht er, die Schmach durch sein öffentliches Schlichtrocken vergessen zu machen.

Diese Überlegungen sind weder als aufdringliche Psychologisierung noch als Kritik am Unterhaltungstycoon Thomas Gottschalk gemeint. Sein Musikgeschmack interessiert, weil er ihn zum Teil seines Images gemacht hat. Die eigene gruselige Performance als Rocksänger betitelte er 2001 nostalgisch „What Happened to Rock ’n’ Roll?“

An der Kunstfigur Thommy lässt sich nachvollziehen, wie wir alle altern und wie sich mit uns unsere ästhetische Wahrnehmung verändert. Denn die Erfahrung des Aufmerksamkeitsfensters, das Gottschalk irgendwann dicht machte, um nur noch die Musik seiner Zeit, in Kurzform „die Beatles und die Stones“, gelten zu lassen, teilt er nicht nur mit seinen Generationsgenossen. Auch wenn man wesentlich jünger ist, merkt man, wie manche Spielart populärer Musik, die bei den noch Jüngeren gut ankommt, einen selbst nicht mehr erreicht. Was das Altern angeht, ist Pop gnadenlos: Er enttarnt falsche Gesten und Bekenntnisse sofort. Moderiert Gottschalk in „Wetten, dass …?“ eine junge Erfolgsband an, tut er dies selten ohne ironischen Missmut. Seine ungelenken Gegenwarts-Pop-Gesten, für die Stefan Raab Gottschalk-Handschuhe mit abgespreizten Fingern erfunden hat, wirken deplatziert: Einen hippen Musikgeschmack kann Thomas Gottschalk sich eben nicht einfach überwerfen wie die neobarocken Klamotten durchgeknallter Designer, die er so gerne trägt.

Bekannt wurde Thomas Gottschalk Anfang der 1980er als Musikmoderator bei Bayern 3, dem dritten Radioprogramm des Bayerischen Rundfunks. Heute muss man daran erinnern, dass Gottschalk damals aneckte, weil sein Verständnis von Pop zu „progressiv“ war: Die Senderleitung wollte mehr Nicky und Vicky (Leandros), und Gottschalk die Rolling Stones. Jahrelang gab es Musikgeschmacksscharmützel zwischen dem bieder-konservativen Funkhaus und seinem Star, der aufgrund seiner Popularität als einer der wenigen Mitarbeiter Systemkritik üben durfte. Gert Heidenreich schildert das Szenario plastisch in seiner lesenswerten, in diesen Tagen als Taschenbuch erscheinenden Biografie „Thomas Gottschalk“. 1981 formulierte der 31-jährige Gottschalk sein popmusikalisches Credo in einem Artikel in der Münchner Abendzeitung: „Wir sind die Generation der Elvis-Fans, der Beatles- und Stones-Enthusiasten. Wir waren Flower-Power-Kinder und fanden die Doors und Jimi Hendrix gut, und wir sind jetzt Erwachsene.“ Dieser letzte Halbsatz in Gottschalks eigener Prosa ist nicht ohne Tragik, verweist er doch auf die Unfähigkeit, als Erwachsener tief berührt zu werden, ein Pendant auf der Rezeptionsseite zu Noel Gallaghers Aperçu, man könne über 30 keine großen Popsongs mehr schreiben.

Rockfaktor Luftgitarre

Ein profundes Dokument für Gottschalks eigenwilligen Zugriff auf die Musikgeschichte liefert der von ihm zusammengestellte Sampler „50 Jahre Rock!“. Auffällig sind die Epochen, aus denen er sich bedient: Vor allem wählt er die Rock- und Popmusik der 1970er und 1980er – Elton John, Supertramp, Fleetwood Mac – in seinen Kanon. Doch ausgerechnet in den 1990ern klafft plötzlich eine Lücke: Obwohl hier der echte Rockfan Grund zur Freude hatte, weil die Rockmusik, angetrieben von der Grunge-Bewegung aus Seattle, endlich wieder richtig rockte, verschwimmt in Gottschalks Wahrnehmung alles in einer Phase aus HipHop, Rap und Techno. Für Bands wie Nirvana, Soundgarden oder Mudhoney gab es weder bei Gottschalk noch in „Wetten, dass …?“ einen Platz. Erst nach dem Jahrtausendwechsel merkt Gottschalk, wohl dank seiner das Teenageralter erreichenden Söhne, dass es immer noch Rockmusik gibt: In seine Kompilation der wichtigsten Rocknummern nahm er einen Song der Band Nickelback auf, im November-„Wetten, dass …?“ durften Green Day auftreten, aber nur, weil ihre Ballade „Wake Me Up When September Ends“ für ZDF-kompatibel befunden wurde, wie der Moderator betonte.

„Wetten, dass …?“ könnte ein wunderbares Forum sein, um viel versprechende Musiker einem breiten Publikum vorzustellen, doch stattdessen bewegen hier vor allem Megastars zu Playback die Lippen, um noch mehr Platten zu verkaufen. Gern präsentieren auch komplette Musicalensembles ein hektisches Potpourri ihrer Show, worüber sich der junge wilde Radiogottschalk mokiert hätte, weil das mindestens so uncool ist wie Vicky und Nicky zusammen. Heute Abend wird Thomas Gottschalk bei „Wetten, dass …?“ in Düsseldorf leider wieder nur nach industriellen Kriterien ausgewählte Gäste begrüßen, etwa Robbie Williams und 50 Cent. Um den Rockfaktor zu erhöhen, wird der Gastgeber also kräftig in die „Smoke on the Water“-Luftgitarrensaiten greifen müssen. Immerhin hat er einen Gast, die Geigerin Anne-Sophie Mutter, deren Musikgeschmack genau auf seiner Linie liegt: Kürzlich schimpfte sie bei „Beckmann“ auf Eminem und pries die Rolling Stones als Krone der popmusikalischen Evolution.

„I hope I die before I get old!“: Laut Biograf Heidenreich habe diese berühmte Zeile der Band The Who das Lebensgefühl des jungen Thomas Gottschalk bestimmt. Dass daraus für den Mittfünfziger „I hope, die Stones gehen noch mal auf Tournee“ wurde, ist nur allzu menschlich, doch in Thommy G.s Fall besonders faszinierend, weil sein Musikgeschmack die Unaufrichtigkeit des Mainstreams entlarvt: Wo Rock für alle geboten wird, hat sich der Geist des Rock schon längst verflüchtigt.