„Junges Deutschland“ in der ARD

Zu weiß, zu brav, zu mainstreamig

Mit der historischen Dokumentation „Junges Deutschland“ will die ARD neuen Schwung in das Genre bringen. Ein lobenswerter Versuch, der leider völlig schiefgeht.

Anna Maria Mühe und Kostja Ullmann kommen gegen das misslungene Spiel mit den Ebenen nicht an. Bild: dpa

Dokus zu historischen Themen werden im Fernsehen meist nach einem festen Muster präsentiert: Erst gibt es Archivbilder, anschließend spricht ein Zeitzeuge oder Experte, dann wieder Archivbilder oder eine Reenactment-Szene, danach der nächste Zeitzeuge. Eine erprobte Methode, mit der manchmal Großartiges produziert wird, die aber mittlerweile ziemlich abgenutzt ist.

Ein neues Konzept kann in diesem Bereich jedenfalls nicht schaden, und das will das Erste jetzt mit der Dokumentation „Junges Deutschland“ (21. April, 18.30 Uhr) ausprobieren. Sie basiert auf dem viel beachteten Buch „Wir wollen eine andere Welt“ von Fred Grimm, der eine Collage aus Tagebucheinträgen, Briefen und Fotos erstellte und damit einen tiefen Einblick in das Leben von Jugendlichen in Deutschland zwischen 1900 bis 2010 ermöglichte.

In der von NDR und WDR in Auftrag gegebenen Fernsehversion sitzen Anna Maria Mühe und Kostja Ullmann in einem Berlin-Mitte-Loft inmitten eines kreativen Chaos aus Büchern, Zetteln, Briefen, Fotoalben, Pinnwänden, iPads. „Wir sind keine Geschichtsexperten, wir sind Schauspieler“, sagt Ullmann bei der Begrüßung des Publikums. Die beiden spielen sich irgendwie selbst, stellen sich unter ihren richtigen Namen vor – sollen aber gleichzeitig nach Drehbuchvorgaben den Eindruck erwecken, als würden sie sich durch alle möglichen Dokumente wühlen, dabei Interessantes zum Thema Jugend in Deutschland entdecken und sich darüber austauschen. Dieser Einfall geht komplett nach hinten los.

An der Jugend vorbei

Obwohl Mühe und Ullmann gute Schauspieler sind, kommen sie gegen das misslungene Spiel mit den Ebenen nicht an – diese Szenen wirken komplett künstlich und unglaubwürdig. Es ist auch nicht hilfreich, dass beide zwar schon fast 30 sind, aber die heutige Generation der Jugendlichen repräsentieren sollen.

Sehr gut dagegen ist – vor allem in der ersten Hälfte – das zwischen den quälenden Loft-Szenen eingesetzte historische Bildmaterial. Es sind bis auf Ausnahmen nicht die öden Standard-Schnipsel, die man schon tausendmal gesehen hat, sondern zahlreiche unverbrauchte und bisweilen faszinierende Filmdokumente. Ungewöhnlich: In einige von ihnen wurden Ullmann und Mühe montiert – sie sind dann als Jugendliche in der jeweiligen Epoche zu sehen. „Wir wollten einfach mal eine neue Form ausprobieren, mit der wir auch jüngere Zuschauer begeistern können“, sagt Dirk Neuhoff, Leiter der Abteilung Dokumentation und Reportage beim NDR, über diesen Kniff. „Wir hoffen, dass der spielerische Zugang für alle Zuschauer attraktiv und unterhaltend ist und dass sie die Sendung mit mehr Spaß anschauen, als es vielleicht bei einer ,normalen‘ historischen Dokumentation der Fall gewesen wäre.“

Es gibt noch ein weiteres Motiv: „Wir möchten den Zuschauern auf diese Weise eine besondere Beziehung zu früheren Generationen ermöglichen“, sagt Regisseur und Drehbuchautor Jan-Hinrik Drevs. „Es fördert das Einfühlungsvermögen und die Identifikation, wenn zwei bekannte Gesichter immer wieder in unterschiedlichen historischen Situationen auftauchen. Man schaut sich das Material dann viel aufmerksamer an, und Geschichte wird emotional erlebbar.“ Zusätzlich wurden kurze Reenactment-Szenen gedreht. Auch in denen spielen Mühe und Ullmann die Hauptrollen.

„Mit dieser Dokumentation testen wir Grenzen aus, und Vertreter der reinen Lehre halten unser Vorgehen vermutlich für nicht zulässig“, sagt Neuhoff. „Aber wir sollten in den Erzählweisen und bildlichen Umsetzungen immer wieder versuchen, neue Wege zu gehen und das Genre weiterzuentwickeln.“ Optisch interessant und unterhaltsam ist das allemal. Ob allerdings in Dokus wirklich auf mehr Bauchgefühl und weniger Intellekt gesetzt werden sollte, könnte man vielleicht noch mal diskutieren.

Die Zeitreise beginnt im Jahre 1910 mit einem 14-jährigen Mädchen, das in Berlin als Hausmädchen angestellt wird und ihren Eltern in Briefen von ihrer Arbeit und den sexuellen Übergriffen des Hausherrn berichtet. Danach geht es mit hohem Tempo durch die Jahrzehnte, der Schwerpunkt liegt auf den Bereichen Alltag und Kultur. Dabei findet keine generelle Verherrlichung der Lebensphase Jugend statt. So wird beispielsweise der Enthusiasmus, mit dem viele Jugendliche die Nazis unterstützten, klar benannt. Klingt wie eine Selbstverständlichkeit, ist es aber im Fernsehen schon lange nicht mehr. Man denke nur an den „Irgendwie waren doch auch alle Deutschen Opfer“-Murks „Unsere Mütter, unsere Väter“.

Aus vier Teilen wurde einer

Da der große Zeitraum in nur 90 Minuten abgehandelt wird, bleiben die Betrachtungen zwangsläufig oberflächlich. Der Fokus liegt auf dem Mainstream. Randgruppen, Minderheiten, schrille Figuren sind kaum ein Thema. „Junges Deutschland“ wirkt zudem sehr gehetzt. Das liegt womöglich auch daran, dass die Sendung im Laufe ihrer dreijährigen Entwicklung immer weitergestutzt wurde. „Ursprünglich haben wir eine Reihe mit mindestens vier Teilen entwickelt“, sagt Regisseur Drevs. „Daraus wurden erst drei, dann zwei Teile – und die haben wir schließlich zu einem 90-Minüter zusammengefasst. Die Kosten für vier oder mehr Teile hätten das vorgegebene Budget leider gesprengt.“

NDR-Redakteur Neuhoff bestätigt das: „Mehr als diese 90 Minuten konnten wir finanziell nicht stemmen. Aber wir wollten das Projekt nicht ganz aufgeben und haben gemacht, was möglich war.“ Zahlen möchten beide nicht nennen, das Budget sei aber für eine Doku-Produktion recht hoch gewesen und reichte unter anderem für zwölf Drehtage mit Mühe und Ullmann.

„Junges Deutschland“, Montag, 21. April, 18.30 Uhr, ARD

Der Sparkurs führte zu einem bizarren Finale der Doku: Sie endet mit dem Fall der Berliner Mauer inklusive dem schrecklichen Gepfeife der Scorpions. Das wirkt wahnsinnig altbacken, und der geneigte Zuschauer wird sich vielleicht fragen, ob mit der Mauer auch die Jugend verschwand. Noch ärgerlicher: Im geplanten dritten Teil hätten Jugendliche mit Migrationshintergrund eine große Rolle spielen sollen – nur wurde dieser Abschnitt dann auch komplett gestrichen. Jetzt kommt diese nicht ganz unbedeutende Gruppe in der Doku gar nicht vor und wirkt dadurch ziemlich, nun ja, deutsch.

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