Fremdenhass und Angstsucht

VON ULRIKE HERRMANN

Darf man das? Diese Frage beschäftigt die Niederlande seit dem Februar. Damals erschien eine kleine Streitschrift, und sie wagt einen unerhörten Vergleich: Die heutigen Niederlande würden der Weimarer Republik kurz vor dem Dritten Reich zumindest ähneln. Wie damals die Juden würden nun die Moslems ausgegrenzt.

Diese These war in den Medien und in der Politik nicht totzuschweigen, denn sie stammt von Geert Mak. Der Journalist ist in den Niederlanden nicht nur ein Bestsellerautor – er ist eine moralische Instanz. Obwohl er in seinen historischen Werken auch so unangenehme Kapitel wie die niederländische Kolonialherrschaft in Indonesien anspricht, erzielt er Rekordauflagen. So verkaufte sich etwa „Das Jahrhundert meines Vaters“ mehr als 500.000-mal in einem Land, das überhaupt nur 16 Millionen Einwohner zählt.

Auch Maks Streitschrift vom Februar ist ein Bestseller und wurde nun ins Deutsche übersetzt. Auf nur 106 Seiten versucht Mak zu analysieren, wie der Mord an Theo van Gogh die Niederlande verändert hat. Der islamkritische Filmemacher wurde am 2. November 2004 von einem 27-jährigen Moslem niedergemetzelt, der in Amsterdam aufgewachsen ist. Der Attentäter Mohammed B. wurde im Sommer zu lebenslanger Haft verurteilt; momentan läuft der Prozess gegen 14 weitere Mitglieder seiner islamistischen „Hofstad-Gruppe“.

Mak diagnostiziert eine „moralische Panik“. In den Medien und vor allem im Internet würde sich „jahrelang aufgestauter Fremdenhass“ entladen. Besonders die Parteien versuchten, von dem Mord zu profitieren. Es „setzte ein Angsthandel ein, noch schlimmer, es entstand fast eine Angstsucht“. So warnte etwa die rechtsliberale Regierungspartei VVD davor, dass „die Moslems“ in den Großstädten bald „die Mehrheit übernehmen“ würden. Ihr Fraktionsvorsitzender forderte einen „neuen Patriotismus“, und im Geschichtsunterricht sollte der „Grundton der Nation“ vermittelt werden.

Ungehemmt werde die Gefahr überzeichnet: Zwar leben in den Niederlanden offiziell 900.000 Moslems, doch „allerhöchstens 20 Prozent sahen regelmäßig eine Moschee von innen“. Wie der niederländische Geheimdienst ermittelt hat, sind höchstens 5.000 Moslems islamistisch. Gewaltbereit sind sogar nur 100 bis 200 junge Männer – „macht 0,04 Prozent der moslemischen Bevölkerung“, wie Mak seinen Lesern vorrechnet.

Er konstatiert eine „heillose Polarisierung“. Überall werde „systematisch von ‚Niederländern‘ und ‚Moslems‘ gesprochen, obwohl es nur allzu oft um Menschen ging, die hier geboren waren, die niederländische Nationalität besaßen und mit einem Zwoller oder Leidener Akzent sprachen.“ Er zitiert den niederländischen Wissenschaftler Fouad Laroui, der in einem Leserbrief an die Volkskrant bitter anmerkte, dass „ein Moslem in den heutigen Niederlanden zuallererst das ist, was der Nichtmoslem aus ihm macht“. Mit seiner Streitschrift ist Mak der Erste, der den herrschenden Diskurs in den Niederlanden durchbricht – und die Debatte auf einer Metaebene selbst zum Thema macht.

Doch die Ausgrenzung der Moslems setzte nicht erst mit dem Mord an Theo van Gogh ein – wie ausgerechnet dessen Kurzfilm „Submission“ beweist. Das Miniwerk war als bewusste Provokation gedacht, denn van Gogh wollte verhindern, wie er öffentlich bekannte, dass „kein Moslem daran Anstoß nimmt“. Offiziell sollte der Film nur geißeln, dass manche Moslems ihre Frauen gewalttätig erniedrigen. Doch die „unterschwellige Botschaft“ sei eine andere, analysiert Mak. Tatsächlich werde suggeriert, „dass alle moslemischen Männer ihre Frauen schlagen, indem in den Filmszenen die Misshandlungen immer wieder mit Korantexten unterlegt werden“. Und dann folgt jener Satz, der in den Niederlanden bis heute erregt: Wahrscheinlich unbewusst würde „mit demselben Schema gearbeitet, das von Joseph Goebbels 1940 in seinem berüchtigten Film ‚Der ewige Jude‘ doppelt verwendet wurde: abstoßende Bilder vom Judentum zu zeigen und daneben – in diesem Fall auch noch fingierte – Zitate aus dem Talmud“. Dieser subtile Propagandatrick funktioniere immer: „Mit dem Fehlverhalten einer Hand voll Menschen stellt man, mithilfe der Konfession, eine ganze Minoritätengruppe an den Pranger.“

Ausdrücklich räumte Mak ein, dass die Weimarer Republik „unendlich viel instabiler“ war als „die alte niederländische Bürgerdemokratie um 2005“. Dennoch müsse man Alarm schlagen, „sobald soziale und politische Entwicklungen sichtbar werden, die unerfreuliche Ähnlichkeiten mit vergleichbaren Prozessen in der Vergangenheit zu zeigen beginnen“.

Das konnte die rechtskonservative Zeitschrift HP/De Tijd nicht nachvollziehen. Sie diagnostizierte bei Mak das „Stockholm-Syndrom“ und erläuterte ihren Lesern, dass „Geiselopfer oft in einem hohen Tempo Sympathie für ihre Verfolger entwickeln“. Übersetzt: Die Moslems nehmen die einheimischen Niederländer gefangen, und Geisel Mak bemerkt es nicht einmal. Der Autor Leon de Winter wiederum warf Mak in einem offenen Brief vor, er würde die „harte Selbstkritik“ bei den Moslems verhindern, die aber unabdingbar sei, damit auch sie „unbefangen und frei die Wunder der westlichen Gesellschaft aufrechterhalten“.

Aber es gab auch Unterstützer. So bekannte die feministische Kultautorin Anja Meulenbelt: „Welch eine Erleichterung ist dieses kleine Büchlein. Wie macht es mir bewusst, wie unglücklich ich bin, dass die Schreihälse gegen den Islam momentan alle Podien besetzen.“

Geert Mak: „Der Mord an Theo van Gogh. Geschichte einer moralischen Panik“. edition suhrkamp, Frankfurt am Main 2005, 106 Seiten, 8 Euro