Michel-Gondry-Film auf der Berlinale

Charmant genutztes Missverstehen

Der französische Filmemacher trifft auf Noam Chomsky und dokumentiert das Gespräch als Animation. Vieles, was unerwähnt bleibt, wird im Gekrakel erhellt.

Schüler und Lehrer: Ausschnitt aus „Is The Man Who Is Tall Happy“. Bild: Berlinale/Partizan

Michel Gondry hat sich schon immer für Psychologie, Philosophie und das interessiert, was in der angloamerikanischen Welt „Cognitive Science“ heißt: Gedächtnis und Identität oder Stabilität der Zeit waren Themen seiner Filme und Musikvideos. Jetzt hat er direkt bei Noam Chomsky nachgefragt. Der Mann ist zwar nicht gerade unterdokumentiert und Filme wie „Manufacturing Consent“ sind aus dem antiimperialistischen Arthouse nicht mehr wegzudenken.

Doch Gondry hat sich weniger für den nimmermüden Ankläger amerikanischer Verbrechen interessiert als für den größeren Zusammenhang: Chomskys Positionen zur Universalität des Spracherwerbs, ein strukturell einheitliches Sprachvermögen, eine für alle Sprachen gültige „generative“ Grammatik und sein politisches Engagement sollen offenkundig in einem Zusammenhang gebracht werden.

Gondry erwähnt schon zu Beginn Chomskys Begriff einer psychic continuity als Argument dafür, seine mit einer alten Kamera gedrehten Bilder von Gesprächen mit dem großen alten Linguisten nur im Kontext eines ansonsten ganz animierten Films einzusetzen.

Dienstag, 11.02.2014, International, 14 Uhr; 16. 2., Colosseum 1, 15.30 Uhr

Kamerabilder und Montage würden manipulieren, weil sie eine falsche Kontinuität vorspiegeln. Bei Chomsky meint der Begriff aber die schon bei Kindern zu beobachtende Neigung, benannten Objekten eine Kontinuität zuzusprechen; bei Chomsky ist das für unsere Erschließung der Welt essenziell, Gondry meint dagegen so was wie falsches Bewusstsein. So verfehlt Gondry seinen Gesprächspartner manchmal.

Keine Expertenfragen

Gondry fragt nicht als Experte, sondern als unbedarft neugieriger Besitzer eines französischen Akzents, der zu charmant ausgenutzten Missverständnissen führt. Gut die Hälfte der Fragen hätte er auch jedem anderen herzensguten, geduldigen Opi mit Grundkenntnissen der (angloamerikanisch-sprachanalytischen) wissenschaftlichen Tradition stellen können (Was ist moderne Wissenschaft? Was sind die Entdeckungen von Galilei und Newton? Was dachte Plato, was Descartes?).

Dann fragt er rührend nach der Person Chomsky, dessen Eltern und wie der anarchistische Atheist über den Tod und die Liebe denkt – und kriegt beruhigende Antworten: Nein, es ist nicht schlimm, dass Gondrys Freundin an Astrologie glaubt.

Kurden und Kolumbianer

Erst am Schluss geht’s kurz um Kurden und Kolumbianer: Doch der kontroverse Chomsky bleibt ausgespart. Gondry illustriert indes in einem fort gerade die abstraktesten Stellen mit kleinen humorigen Zeichnungen im Dalli-Klick-Doodle-Stil, immer wieder zwischen Diagramm und bewegten Männchen hin- und herschaltend. Heutzutage gehören solches Schnellzeichnen und die zugehörige Idee von Anschaulichkeit ja auch als Live-Diskussionsprotokoll zur gehobenen Firmenkultur.

Gondry macht es trotz blöder Witze erstaunlich luzide: Vieles, was er im Gespräch verfehlt oder unkommentiert lässt, wird im Gekrakel blitzartig erhellt. So wird’s ein ganz anregender kleiner Film, in dem zwei Männer sich vor allem in didaktischer Geschicklichkeit überbieten: der geduldig Grundwissen aufbereitende Chomsky und der mutig in die tendenziell uncoole Rolle des übersetzenden und anwendungsbegeisterten Schülers schlüpfende Gondry.

 

Vom 5. bis 15. Februar finden die 65. Internationalen Filmfestspiele in Berlin statt. Die taz ist live dabei am Potsdamer Platz, spricht mit spannenden RegisseurInnen und gibt Film-Tipps.

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